Meine Wasserkur - Sebastian Kneipp, 49. Auflage 1894 Startseite
Achtung! Dieses Buch ist ein altes Fachbuch, der Inhalt entspricht nicht dem aktuellen Stand der Medizin. Angegebene Therapien entsprechen höchstens dem Stand der Medizin zum angegebenen Druckdatum. Dasselbe gilt für eine ggf. angegebene Rezeptur für ein Medikament. Diese entsprechen nicht dem heutigen Stand der Medizin und sind unter Umständen sogar körperlich schädigend. Die Zubereitung von Rezepturen und die Anwendung derselben gehört in die Hände erfahrener Ärzte und Apotheker.

Inhaltsverzeichniss     Top
 
Wasser-Anwendungen Vorwort
Titel
Vorwort zur 1. Auflage
5. Auflage
6. Auflage
12. Auflage
27. Auflage


Einleitung
Einleitung
Bücher
Krankheit
Wasseranstalten
Meine Wasserkur
Was ist Krankheit?
Was ist Heilung?
Wie bewirkt Wasser Heilung?
Heutige Jugend
Ernährung
Bekleidung
Lüften


Allgemeines

Abhärtung
Barfußgehen
Gehen im nassen Gras
Gehen auf nassen Steinen
Gehen im neugefallenen Schnee
Gehen in kaltem Wasser
Kalt baden der Arme und Beine
Knieguß


Aufschläger
Einleitung
Oberaufschläger
Unteraufschläger
Ober- und Unteraufschläger
Unterleibs-Auflagen
Zu Eisauflagen
Zum Aderlaß


Fußbäder
Kaltes Fußbad
Warmes Fußbad


Halbbäder

Sitzbäder

Vollbäder
Kalte Vollbäder
Für Gesunde
Für Kranke
Warme Vollbäder
Für Gesunde
Für Kranke
Heublumenbad
Haberstrohbad (Haferstrohbad)
Fichtenreiserbad
Gemischtes Bad
Mineralbad
 
Wasser-Anwendungen

Theilbäder
Theilbad
Hand-/Armbad
Kopfbad
Augenbad


Dämpfe
Dämpfe
Kopfdampf
Fußdampf
Leibstuhldampf
Besondere Dämpfe


Gießungen
Knieguß
Schenkelguß
Unterguß
Rückenguß
Ganz-/Vollguß
Oberguß
Armguß
Kopfguß


Waschungen
Einleitung
Ganzwaschung für Gesunde
Ganzwaschung für Kranke
Theilwaschungen


Wickelungen
Kopfwickel
Halswickel
Shawl
Fußwickel
Unterwickel
Kurze Wickel
Nasses Hemd
Spanischer Mantel


Trinken

Apotheke

Allgemeines und Einteilung

Zubereitungen
Tinkturen oder Extrakte
Thee
Pulver
Oele


Heilmittel A-B
Agave
Alaun
Aloe
Angelika
Anis
Anserine
Arnika
Attich
Augentrost
Ausscheidungsöl
Baldrian
Bitterklee
Bockshornklee
Brennessel


Heilmittel D-F
Dornschlehblüte
Eibisch
Eichenrinde
Enzian
Erdbeere
Fenchel
Foenum graecum


 
Apotheke

Heilmittel H-K
Hafer
Hagebutten
Harzkörner
Heidelbeere
Heublumen
Holunder
Honig
Huflattich
Johanniskraut
Kamille
Kampher
Kleie
Knochenmehl
Kohlenstaub
Kreidemehl
Kümmel


Heilmittel L-T
Lavendel
Leberthran
Leinsamen
Lindenblüthen
Lungenkraut
Malve
Mandelöl
Minze
Mistel
Nelken
Raute
Rosmarin
Salatöl
Santala
Sauerkraut
Schafgarbe
Schlüsselblume
Spiköl
Spitzwegerich
Tausendguldenkraut


Heilmittel V-Z
Veilchen
Wacholderbeere
Waldmeister
Wegtritt
Wegwart
Wermuth
Wollkraut
Wühlhuber I
Wühlhuber II
Zinnkraut


Hausapotheke
Inhalt
Tinkturen
Thee
Pulver
Oele
Weitere


Kraftnährmittel
Kleiebrot
Kraftsuppe
Honigwein


 

Vorwort     Inhalt

Titel
Vorwort zur 1. Auflage
5. Auflage
6. Auflage
12. Auflage
27. Auflage


Titel     Vorwort     Inhalt

Meine Wasser-Kur

KneippDurch mehr als 35 Jahre erprobt und geschrieben zur Heilung der Krankheiten und Erhaltung der Gesundheit von Sebastian Kneipp

Pfarrer in Wörrishofen (Bayern)

Neunundvierzigste Auflage

Kempten (Bayern) Verlag der Jos. Kösel'schen Buchhandlung 1894


"Geh' hin und wasche Dich siebenmal im Jordan, und Dein Fleisch wird wieder gesund und Du rein werden!" 4.Kön. 5, 10.


Vorwort zur ersten Auflage     Vorwort     Inhalt

Als Priester liegt mir vor Allem das Wohl der unsterblichen Seelen am Herzen. Dafür lebe ich, und dafür will ich sterben. In den verflossenen 4 Jahrzehnten, 30 bis 40 lange Jahre hindurch, haben mir indessen auch die sterblichen Leiber viele Arbeit und opfervolle Sorgen bereitet. Ich habe diese Arbeit nie gesucht. Das Kommen eines jeden Kranken war und ist mir (natürlich gesprochen) eine Last. Nur der Ausblick zu Demjenigen, der vom Himmel herabgestiegen ist, unser aller Krankheiten zu heilen, und der Gedanke an die Verheißung: "Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen . . . .; der letzte Trunk Wasser soll nicht unbelohnt bleiben" waren im Stande, die naheliegende Versuchung, alle Bittgesuche ohne Unterschied des Bittstellers in jedem Falle abzuweisen, zu unterdrücken. Diese Versuchung lag um so näher, da nicht Gewinn, vielmehr unberechenbarer Zeitverlust; nicht Ehre, vielfach Verleumdung und Verfolgung; nicht Dank, sondern in gar manchem Falle Undank, Spott und Hohn meine Diäten bildeten. So mußte es gut sein, und ich bin ganz damit zufrieden. Daß ich aber nach solchen Antecedentien (Vorgängen) nicht besondere Lust verspüre zum Schreiben, begreift ein Jeder, zumal bereits das Alter drückt und Geist und Körper sich nach Ruhe sehnen.

Nur das anhaltende und ungestüme Drängen meiner Freunde, die es eine Sünde gegen die Nächstenliebe nennen, wenn meine Erfahrungen mit meinem modernden Körper in die Grube fahren, zahllose Beschreiben von Geheilten, insbesondere aber das Flehen armer, verlassener Kranker auf dem Lande drücken mir den Schreibgriffel in die widerstrebende, bereits zitternde Hand.

Der ärmeren Klassen, der vielfach verwahrlosten und vergessenen Kranken auf dem einsamen Lande habe ich mich jederzeit mit besonderer Aufmerksamkeit und Liebe angenommen. Diesen vor allen soll mein Büchlein gewidmet sein. Die Sprache ist dem Zwecke angemessen, einfach, klar. Mit Absicht suche ich, mit Umgehung jedes gelehrten Firlefanzes, mehr in Unterhaltungsform zu schreiben, als ein dürres, ausgetrocknetes, saft- und kraftloses Gerippe zu geben. Die Breite der einen oder andern Erzählung, manche Wiederholungen mag man, den guten Zweck, die redliche Absicht im Auge behaltend, nachsichtig übersehen.

Nichts lag mir ferner, als gegen irgend eine der bestehenden medizinischen Richtungen polemisierend, kämpfend aufzutreten, irgend eine Persönlichkeit, deren Wissenschaftlichkeit und Ruf auch nur im kleinsten Punkte anzugreifen.

Ich weiß sehr gut, daß nur dem eigentlichen Fachmanne derlei Veröffentlichungen zustehen, ich lebe indessen in der Ueberzeugung, daß gerade solche dankbar sein werden, wenn einmal auch ein Laie seine vieljährigen Erfahrungen in dieser Beziehung mittheilt. Jedem aufrichtige Entgegenkommen werde ich stets mit Freuden die Hand reichen, Korrekturen und Winke dankbar annehmen. Um jenen unschweren Tadel und jene gar leichte Kritik aber, welche Parteistandpunkten entfließen, werde ich mich durchaus nicht kümmern und den "Pfuscher" und "Quacksalber" ruhig hinnehmen.

Ich selbst habe nichts sehnlicher gewünscht, als daß ein Mann von Beruf, ein Arzt, mir diese schwere Last und drückende Arbeit abgenommen hätte, und ich trage kein innigeres Verlangen und Wünschen, als daß endlich die Leute vom Fach allgemeiner und umfassender auch die Wasserheilmethode gründlich studieren und in die Hand und Aufsicht nehmen mögen. Ein solcher wolle diese Laienarbeit als kleines Hilfsmittel betrachten. An dieser Stelle kann ich versichern, daß trotz meines vielfach sehr schroffen und abstoßenden Benehmens das größte Gebäude nicht ausgereicht hätte, all' die Kranken und Leidenden, welche ohne Übertreibung nach Tausenden und Zehntausende! zählen, aufzunehmen, daß ich ferner mit Leichtigkeit reich, sehr reich sein könnte, wenn ich nur einen Theil des mir angebotenen Heillohnes hatte annehmen wollen. Viele Patienten kamen und sagten: "Ich gebe 100, 200 Mark, wenn Sie mich gesund machen," Der Leidende sucht Hilfe, wo er sie findet, und bezahlt dem Arzte mit Freuden, was ihm zukommt, wenn er ihn heilt, gleichviel ob die Heilung mit der Medizinflasche oder der Wasserkanne geschieht.

Berühmte Männer aus dem Stande der Aerzte haben die Wasser-Heilmethode mit Entschiedenheit und großen Erfolgen begonnen. Mit ihnen wurden ihre Winke und Rathschläge und Kenntnisse vielfach begraben. Daß endlich einmal dem Morgenroth ein dauernder Heller Morgen folge!

Für jeden im Buche genannten oder angedeuteten Namen stehe ich jederzeit mit voller Verantwortung ein und werde nie anstehen, auf Verlangen denselben öffentlich zu nennen. Manche vielleicht harte Ausdrucksweise möge man auf Rechnung meiner etwas herben und derben Gemüthsart schreiben. Mit ihr bin ich alt geworden, und es fällt beiden schwer, uns im Alter noch zu verleugnen und zu trennen.

Dem die Wanderung antretenden Büchlein möge vor Allein Gottes Segen nicht fehlen!

Und wenn einst meine Wasserfreunde erfahren, daß ich in die Ewigkeit gewandert, dann wollen sie mir den Liebesdienst erweisen und in einem kräftigen Vaterunser einen kühlenden Strahl mir nachsendend allwo der Arzt der Arzte die arme Seele in der Feuerkur zum ewigen Leben heilt und läutert.

Eisenbahnstation Türkheim in Schwaben, 1. Oktober 1886.

Aus dem Vorworte zur fünften Auflage     Vorwort     Inhalt

Ich begrüße es mit Freuden, daß in Jordanbad bei Biberach in Württemberg eine Wasserheilanstalt ganz nach meiner Methode eingerichtet und im Frühjahr 1889 eröffnet wird unter der Leitung barmherziger Schwestern und eines praktischen Arztes, der sich während der letzten zwei Jahre eine solche Kenntniß und Erfahrung in meiner Heilmethode erworben bat, daß er mein volles Vertrauen genießt. Es sei daher die Heilanstalt "Jordanbad" bestens empfohlen; möge sie sich vervielfältigen wie mein Büchlein und vielen Kranken und Lebensmüden die verlorene Gesundheit wiedergeben; dieses ist mein Herzenswunsch! An Alle einen schönen Gruß zum Geleite!

Wörishofen, 27. Oktober 1888. Der Verfasser.


Aus dem Vorworte zur sechsten Auflage     Vorwort     Inhalt

Wie ich schon öfters, brieflich und mündlich, erwähnt habe, gereicht es mir stets zur größten Freude, wenn Aerzte sich die Mühe geben, mein Heilverfahren gründlich kennen zu lerne, und ich bin gern bereit, ihnen rathend und anweisend beizustehen. Aber dagegen muß ich Verwahrung einlegen, daß Jemand, ohne sich diese gründliche Kenntniß erworben zu haben, schon als Vertreter meiner Heilmethode sich ausgibt. Nachtheile, welche durch unrichtige Anwendung meines Heilverfahrens entstehen, fallen eben nur dem Mißbrauch und der Unkenntniß zur Last.

Ich benutze daher diese Gelegenheit, nochmals das Jordanbad bei Biberach in Württemberg bestens zu empfehlen, welches ganz nach meiner Heilmethode Anfangs Mai 1889 eröffnet wird unter Leitung des Dr. med. J. Stützle, eines tüchtigen Arztes, der sich, wie bereits in der 5. Auflage bemerkt, eine gründliche Kenntniß und Erfahrung daher und somit mein volles Vertrauen erworben hat. Ich lebe der festen Ueberzeugung, daß solchen Aerzten mein Heilverfahren ebenso zur eigenen Befriedigung, wie zum Segen ihrer Patienten gereichen wird,

Wörishofen, am Neujahrstage 1889. Der Verfasser.


Aus dem Vorworte zur zwölften Auflage     Vorwort     Inhalt

So sind denn bereits elf Auflagen von "Meine Wasserkur" hinausgegangen in die Welt als Rathgeber und Helfer in Krankheiten und allen verschiedenen Mühseligkeiten des irdischen Lebens, und es gereicht mir zum großen Trost, daß die leidende Menschheit durch das allgemein verbreitete Heilmittel, das "Wasser" Hilfe findet. Besonders aber tröstet mich, daß neue Heilanstalten entstanden und entstehen, so daß in den verschiedenen Gegenden die Leidenden nicht zu weit zu reisen haben, um Hilfe durch Wasser-Anwendungen zu bekommen. Das Jordanbad bei Biberach wurde eröffnet; recht viele Kranke haben sich dorthin gewendet, und die Anstalt hat schon viele recht glückliche Kuren aufzuweisen. Eine zweite Gelegenheit ist geboten in Immenstadt; auch von dieser Anstalt wird nur Rühmliches gesagt, und deßhalb ist gute Aussicht für die Zukunft vorhanden, daß sich dieselbe immer weiter entwickeln werde.

Die dritte Wasserheilanstalt wurde eröffnet in Ulm und wird, wie ich schon öfters gehört, sich nach und nach immer weiter entfalten.

In Rosenheim ist auf allgemeines Verlangen der Stadt eine Anstalt nach meinem System kürzlich eröffnet worden, und ich habe bereits gehört von den guten Erfolgen; denn Herr Dr. Bernhuber war längere Zeit in Wörishofen Badearzt und besitzt ein herrliches Talent für sein Fach. Er ist nicht bloß ein guter Arzt, sondern auch ein vorzüglicher Operateur; derselbe hat oft erklärt: "Mit Wasser werden Krankheiten geheilt, wo andere Mittel keine Hilfe mehr bringen können." Deßhalb hoffe ich mit Grund, daß gerade diese Anstalt sich recht segensreich entwickle.

Herr Dr. Georg Wolf hat in Traunstein, wo schon durch das frühere Bad die nöthigen Gebäude vorhanden sind, eine neue Anstalt eröffnet. Herr Dr. Wolf ist ein ruhiger, besonnener und edler Charakter, hat in Wörishofen durch längere Zeit mein ganzes Heilverfahren gründlich erlernt und eingeübt, und ich glaube, daß ich diesen Arzt mit Recht den Patienten für das Heilverfahren meiner Wasserkur auf's Wärmste empfehlen kann. So haben meine vielen Freunde und Gäste in der Nähe und in der Ferne, namentlich die in Oesterreich, eine günstige Gelegenheit, die guten Wirkungen meiner Wasserkur unter seiner Leitung kennen zu lernen; denn gerade Leidende aus Oesterreich und Ungarn, soweit von hier entfernt, haben mit großer Begeisterung meine hiesige Wasserkur-Anstalt besucht und nach der Heimkehr, in dankbarer Erinnerung an die erzielten Erfolge, mein Heilverfahren weiter vorbreitet.

Wörishofen, den 3. Dezember 1889. Der Verfasser.


Vorwort zur siebenundzwanzigsten Austage     Vorwort     Inhalt

Im Nachtrage zu den in meinem letzten Vorworte genannten Herren Aerzten, welche meine Wasserheilmethode bereits praktisch ausüben, erwähne ich noch besonders die derzeitigen Badeärzte von Wörishofen, Herrn Dr. Bergmann und Herrn Dr. Hacke, die mit Eifer mir meine schwere Last zu erleichtern suchen.

Zu den neuesten Anstalten, die nach meinem Prinzipe entstanden sind, gehört ferner die Kaltwasserheilanstalt Scharding in Oberoesterreich. Dieselbe wird von einem meiner Schüler, Herrn Otto Ebenhecht, geführt und kann ich vorgenannten Herrn Jedermann empfehlen.

Eine zweite Anstalt in Oesterreich hat in Brixen (Süd-Tirol) Herr Dr. Otto v. Guggenberg jüngst eröffnet. Auch dieses Institut eines meiner eifrigsten und gelehrtesten Jünger empfehle ich angelegentlichst zu fleissiger Frequenz.

Im Monat Januar 1891 hat Herr Dr. Wendelin Loefer eine Wasserheilanstalt nach meiner Methode in Veitshöchheim bei Würzburg eröffnet. Herr Dr. Loeser ist ein ruhiger Denker und wird sicher seinem Unternehmen Ehre machen.

Wörishofen, 26. Februar 1891. Der Verfasser.


Einleitung     Inhalt

Einleitung
Bücher
Krankheit
Wasseranstalten
Meine Wasserkur
Was ist Krankheit?
Was ist Heilung?
Auf welche Weise bewirkt Wasser die Heilung?
Heutige Jugend
Ernährung
Bekleidung
Lüften


Einleitung     Einleitung     Inhalt

Kein Blatt am Baume ist dem andern absolut oder vollkommen gleich, viel weniger ein Menschenschicksal dem andern. Könnte ein Jeder vor seinem Sterben sein Leben schreiben, es wären so viele verschiedene Lebensbilder als Menschen selbst. Verworren sind die Wege, die in deinem Leben kreuz und quer sich durcheinander verschlingen, — zuweilen gleich einem unentwirrbaren Knäuel, bei dem die Fäden ohne Plan und Zweck ungeordnet auf einander liegen. So scheint es oftmals, in der That jedoch ist es niemals so. Das Licht des Glaubens wirft seinen erhellenden Strahl in das wirre Dunkel und zeigt, wie all die verschlungenen Pfade weisen Zwecken dienen und sämtliche auf ein vom allweisen Schöpfer von Anfang an geplantes und gestecktes Ziel hinführen. Wunderbar sind die Wege der Vorsehung.

Wenn ich von der Hochwarte des Alters aus die zurückgelegten Lebensjahre überblicke und die Verschlingungen meiner Wege sehe, so schlängeln diese einige mal scheinbar am Rande des Abgrundes; zuletzt aber münden und führen sie gegen alle Hoffnung auf die Sonnenhöhe des Berufes, und ich habe allen Grund, das liebevolle und weise Walten der Vorsehung zu preisen, umso mehr, als die nach menschlichem Dünken schlimmen und zum Tode führenden Pfade mir und unzähligen Anderen den neuen Lebensquell zeigten.

Ich war über 21 Jahre alt, als ich mit dem Wanderbuche in der Tasche die Heimath verließ. Das Wanderbüchlein charakterisierte mich als Webergesellen, doch seit meiner Kindheit Tagen stand es auf den Blättern des Herzens anders geschrieben. Mit namenlosem Weh und sehnsüchtiger Ausschau nach Verwirklichung meines Ideals hatte ich auf diesen Abschied lange, lange Jahre gewartet:

Ich wollte Priester werden. So ging ich, nicht, wie man wünschte und hoffte, das Weberschifflein weiter zu rudern, sondern ich eilte von Ort zu Ort und suchte, ob ich Niemanden fände, der mir zum Studieren behilflich wäre. Da nahm sich der nun verewigte Prälat Mathias Merkle (gest.1881), der damals Kaplan in Grönenbach war, meiner an, gab mir zwei Jahre hindurch Privatunterricht und bereitete mich mit so unermüdetem Eifer vor, daß ich schon nach diesen zwei Jahren in's Gymnasium aufgenommen werden konnte. Die Arbeit war keine leichte und allem Anscheine nach eine vergebliche. Nach 5 Jahren der größten Entbehrung und Anstrengung war ich körperlich und geistig gebrochen. Der Vater holte mich einst aus der Stadt, und noch klingen mir die Worte des Wirthes in den Ohren, bei dem wir rasteten. "Weber," sagte er, "dieses mal holt Ihr den Studenten zum letzten mal". Der Wirth war nicht der Einzige, der so sprach; mit ihm theilten Andere dieselbe Ansicht. Ein damals berühmter Militärarzt galt als großer Menschenfreund und als hochherziger Helfer armer Kranker. Im vorletzten Jahre meiner Gymnasialzeit besuchte er mich 90mal, im letzten Jahre wohl über 100 mal. So gerne hätte er mir geholfen; aber das fortschreitende Siechthum siegte über seine ärztlichen Kenntnisse und seine stets opferbereite Nächstenliebe. Ich selbst hatte längst alle Hoffnung aufgegeben und sah mit stiller Ergebung meinem Ende entgegen.


Bücher     Einleitung     Inhalt

Zur Unterhaltung und Zerstreuung blätterte ich gerne in Büchern. Der Zufall — ich bediene mich dieses gebräuchlichen, aber vagen d. i. nichtssagenden Wortes; denn es gibt gar keinen Zufall spielte mir ein unscheinbares Büchlein in die Hand; ich öffnete es; es handelte von der Wasserheilkunde. Ich blätterte hin und blätterte her; da stand Unglaubliches. Am Ende, so blitzte ein Gedanke in mir auf, findest du gar deinen selbsteigenen Zustand! Ich blätterte weiter. Richtig, das paßte, das stimmte, das war fast bis auf's Haar getroffen! Welche Freude, welcher Trost! Neue Hoffnungen elektrisierten den welken Leib und den noch welkeren Geist. Das Büchlein wurde zuerst der Strohhalm, an den ich mich klammerte; nach kurzer Zeit war es der Stab, auf welchen sich der Kranke stützte; heute gilt es mir als das Rettungsboot, welches eine barmherzige Vorsehung mir zur rechten Zeit, in der Stunde der höchsten Noth sandte.

Das Büchlein, das von der Heilkraft des frischen Wassers handelt, ist von einem Arzte geschrieben, die Anwendungen selbst sind größtenteils sehr schroff und streng. Ich probierte ein Vierteljahr, ein halbes Jahr; ich fühlte keine wesentliche Besserung, aber auch nie Nachtheile. Das gab Muth. Es kam der Winter des Jahres 1849; ich war wieder in Dillingen. Wöchentlich 2—3 mal suchte ich eine einsame Stelle und badete einige Augenblicke in der Donau. Rasch war ich der Badestelle zugeeilt, noch rascher marschierte ich nach Hause in die warme Stube. Schaden brachte diese kalte Uebung nie. Nutzen, wie ich meinte, nicht viel. Im Jahre 1850 kam ich in das Georgianum nach München. Da fand ich einen armen Studenten, dem es noch viel schlimmer erging als mir selbst. Der Anstaltsarzt weigerte sich, ihm zur Erlangung des für die Weihe nothwendigen Tischtitels ein Gesundheitszeugniß zu schreiben; denn, so lautete das Verdikt, er lebe nicht mehr lange. Jetzt hatte ich einen lieben Kollegen. Ich weihte ihn ein in die Mysterien (Geheimnisse) meines Büchleins, und wir beide probierten und praktizierten um die Wette. Der Freund erhielt binnen kurzer Frist vom Arzte das gewünschte Zeugniß und lebt heute noch. Ich selbst erstarkte mehr und mehr, wurde Priester und lebe im hl. Berufe schon über 38 Jahre. Meine Freunde schmeicheln mir und sagen, daß sie heute noch, wo ich bereits 70 Jahre zähle, die Stärke meiner Stimme bewundern und über meine Körperkräfte staunen. Ein treubewährter Freund blieb mir das Wasser, wer kann es mir verargen, daß ich ihm gleichfalls treue Freundschaft bewahre?


Krankheit     Einleitung     Inhalt

Wer selbst in Noth und Elend saß, der weiß Noth und Elend des Nächsten zu würdigen.

Nicht alle Kranken sind in gleicher Weise unglücklich. Wer Mittel und Wege besitzt, sich Heilung zu verschaffen, kann sich leicht mit einer kurzen Leidenszeit versöhnen. Solche Kranke wies ich selbst in den ersten Jahren zu Hunderten und Tausenden ab und ließ sie abweisen. Jener Arme bedarf zumeist unseres Mitleides, welcher, selbst arm und verlassen, von den Aerzten aufgegeben und von den Medikamenten und Heilmitteln verlassen ist. Leute dieser Art zähle ich in großer Menge zu meinen Freunden; denn solche Armen und gänzlich Verarmten, die nirgends mehr Hilfe bekamen, habe ich nie abgewiesen. Hart, gewissenlos und undankbar wäre es mir vorgekommen und käme es mir noch vor, solchen Verlassenen die Thüre zu verschließen, jene Hilfsquellen zu verweigern, welche mir selbst in meiner Noth Heilung und Rettung gebracht haben.

Die große Zahl der Leidenden, die noch größere Verschiedenheit ihrer Leiden spornte an, die Wassererfahrung zu bereichern, die Wasserheilmethode zu vollkommnen.

Meinem ersten Wasserrathe, dem bekannten Büchlein, bin ich für seinen einleitenden Unterricht von Herzen dankbar. Doch bald schon erkannte ich, daß manche Anwendungen zu schroff, für die menschliche Natur viel zu stark und abschreckend sind. "Roßkuren" nannte man mit Vorliebe die Wasserkur, und noch heutzutage lieben es viele, welche das beschimpfen, was sie gar nicht kennen oder nicht gründlich kennen, alles nach Wasser Schmeckende in Bausch und Bogen als Schwindel, Pfuscherei u.s.w. zu bezeichnen. Gerne gebe ich zu, daß manche Anwendungen und Uebungen der noch primitiven, d. h. erst entstehenden und noch unentwickelten Wasserkur eher für ein stark muskeliges und starkknochiges Roß paßten als für ein von Fleisch weich umkleidetes und mit zarten Nervchen besaitetes Menschengerippe.

Im Leben des berühmten Paters Ravignan S. J. kommt folgende Stelle vor: "Seine Krankheit, ein Halsübel, wurde durch die Anstrengung (der Pater war ein berühmter Prediger, der in Paris, London und vielen andern großen Städten mit apostolischem Eifer seines Amtes waltete) verschlimmert und ging bald in ein chronisches über.... Die Luftröhre war nur mehr eine Wunde, die Stimme blieb erloschen und sein Organ wie erschöpft. Zwei ganze Jahre (1846—1848) sollten in Ünthätigkeit und Leiden verfließen. Kuren an verschiedenen Orten, Luftveränderung im Süden, welche folgten, verliefen ohne Resultate. Im Juni des Jahres 1848 nahm Pater Ravignan Aufenthalt bei Doktor K. N . . . in dessen Landhaus im Thale zu B. . . . Eines Morgens nach der Messe, zu der Stunde, die gewöhnlich alle Bewohner des Hauses vereinigte, kündigte der Doktor den Versammelten mit besorgter Miene an, daß Pater Ravignan sich leidender fühle und nicht zum Frühstück kommen werde. Damit verschwand er auch selbst wieder, .... ging zu dem Kranken und sagte ihm: "Stehen Sie auf und folgen Sie mir!" "Aber wohin führen Sie mich?" antwortet? Letzterer. "Ich will Sie in's Wasser werfen!" "In's Wasser?" sagte Ravignan, "mit dem Fieber, mit dem Husten! Doch wohlan, es thut nichts, ich bin in Ihren Händen und muß Ihnen gehorchen." Es handelte sich um ein sogenanntes Sturzbad, ein gewaltsames, aber wirksames Mittel, wie der Biograph (Lebensbeschreiber) sagt. Der Erfolg war ein augenscheinlicher. Schon zum Mittagessen brachte der Doktor triumphierend seinen Kranken in gutem Wohlbefinden mit, und der am 
Morgen noch Stumme erzählte am Abende die Geschichte seiner Heilung."

Das nenne auch ich so eine kleine Roßkur, welche ich trotz ihres Erfolges weder selbst nachahmen, noch zur Nachahmung empfehlen möchte.


Wasseranstalten     Einleitung     Inhalt

An dieser Stelle muß ich es sagen, daß ich nicht alle an unseren dermal bestehenden Wasserheilanstalten üblichen Anwendungen billige, manchmal sogar entschieden mißbillige. Dieselben erscheinen mir viel zu stark und — man verzeihe den Ausdruck — viel zu einseitig. Gar zu Vieles wird über denselben Leisten geschlagen, und viel zu wenig wird nach meinem Dafürhalten unterschieden zwischen den verschiedenen Patienten, ihrer größeren oder geringeren Schwäche, der mehr oder minder tief eingesessenen Krankheit, deren mehr oder weniger weit fortgeschrittenen Verwüstungen und Folgen u.s.w. Darin gerade, in der Mannigfaltigkeit aller Anwendungen und in der verschiedenartigen, jedem einzelnen Patienten durchaus angemessenen Applizierung derselben Anwendung wird und muß sich der Meister zeigen.


Es kamen zu mir aus verschiedenen Heilanstalten Kranke, welche bitter klagend sagten: "Es ist nicht zum Aushalten, es hat mich förmlich ausgeworfen." Das soll und darf nicht sein. Einst stellte sich mir ein gesunder Mann vor, welcher behauptete, er habe sich beim Waschen in der Frühe verdorben. "Wie haben Sie es denn angestellt?" fragte ich, "Ich habe," lautete die Antwort, "eine Viertelstunde lang den Kopf unter das Brunnenrohr gehalten, welches eiskaltes Wasser ausspie." Ein Wunder, wenn sich ein derart Muthwilliger nicht gründlich verderben würde! Wir spotten und lächeln über ein solch thörichtes, unvernünftiges Verfahren. Und doch, wie Viele, bei denen man voraussetzen mußte, daß sie vernünftig das Wasser anzuwenden wissen, haben ebenso thöricht, nach meinem Dafürhalten noch thörichter gehandelt und damit für immer die Patienten vom Wasser zurückgeschreckt. Zahlreiche Beispiele könnten meiner Behauptung als ebensoviele schlagende Belege dienen.

Ich warne vor jedem zu starken und vor jedem zu häufigen Anwenden des Wassers. Der sonstige Nutzen des Heilelementes kehrt sich in Schaden, das hoffende Vertrauen des Patienten in Furcht und Entsetzen.


Meine Wasserkur     Einleitung     Inhalt

Dreißig Jahre lang habe ich sondirt und jede einzelne Anwendung an mir selbst probirt. Dreimal — ich gestehe es offen — sah ich mich veranlaßt, mein Wasserverfahren zu ändern, die Saiten abzuspannen, von der Strenge zur Milde, von großer Milde zu noch größerer herabzusteigen. Nach meiner heutigen, bereits über Jahre feststehenden und durch zahllose Heilungen erprobten Ueberzeugung wendet jener das Wasser mit den vortheilhaftesten Wirkungen und sichersten Resultaten an, welcher es in der einfachsten, leichtesten, schuldlosesten Form zu gebrauchen weiß. In welchen Formen ich das Wasser als Heilmittel benütze, das besagt der erste Theil dieses Büchleins, welcher von den Wasseranwendungen, und der dritte Theil, der von einzelnen Krankheiten handelt.

Im zweiten Theil (man lese dessen besondere Einleitung) habe ich den Landleuten insbesondere einige Mittel für eine Hausapotheke zusammengestellt, welche wie die Wasseranwendungen selbst im Innern des Körpers einen der drei Zwecke: Auflösung oder Ausscheidung oder Kräftigung verfolgen.

An jeden Fremden, welcher bei mir Hilfe sucht, stelle ich vorerst einige Fragen, um nicht voreilig und zu meinem Schaden zu handeln.

Auch dieses Büchlein schuldet noch in Kürze Antwort auf folgende Fragen:


1. Was ist Krankheit     Einleitung     Inhalt

Aus welcher gemeinsamen Quelle fließen alle Krankheiten?

Der menschliche Korper ist eines der wunderbarsten Gebilde aus der Schöpferhand Gottes. Jedes Gliedchen paßt zum Gliede, jedes strenggemessene Glied zum harmonischen, zu staunenswerther Einheit verbundenen Ganzen. Noch merkwürdiger ist das Ineinandergreifen der Organe und ihre Thätigkeit im Innern. Selbst nicht der ungläubigste Arzt und Naturforscher, auch für den Fall, daß er "mit der Lancette und dem Secirmesser noch keine Seele gefunden", kann dem unnachahmlichen Menschengebilde die rechteste und höchste Bewunderung versagen. Der ganze innere und äußere Mensch spielt nur die eine Weise: Alles an und in mir preise den Namen des Herrn! — Dieser Wohlklang und diese Wohlordnung, Gesundheit genannt, wird aufgehoben durch die verschiedenartigsten Störungen, durch die mannigfaltigsten Eingriffe, welche man mit dem Namen "Krankheit" bezeichnet.


Krankheiten im inneren

Krankheiten am äußeren Körper gehören zu dem täglichen Brote, das die meisten Menschen mit Willen oder Widerwillen kauen müssen. All diese Krankheiten, welche Namen sie, immer führen mögen, haben, so behaupte ich, ihren Grund, ihre Entstehungsursache, ihr Würzelchen, ihren Keim im Blute, vielmehr in Störungen des Blutes, mag dieses nun in seiner im gesunden Zustande geordneten Circulation gestört oder in seiner Zusammensetzung, in seinen Bestandtheilen durch nicht dahingehörige, schlechte Säfte verdorben sein. Gleich wohlgeordneten Bewässerungsanlagen durchzieht das Adernetz mit seinem rothen Lebenssafte den ganzen Körper, Alles, jeden Theil, jedes Organ des Körpers in seiner ihm zuträglichen Art nährend, befruchtend. Im Maße liegt die Ordnung; jedes Zuviel und jedes Zuwenig im Tempo des Blutumlaufes, jedes Eindringen fremdartiger Elemente stört den Frieden, die Eintracht, bewirkt Zwietracht, setzt an Stelle der Gesundheit — Krankheit.

2. Wie erfolgt die Heilung?     Einleitung     Inhalt

An den Spuren im Schnee erkennt der geübte Jäger das Wild. Den Spuren geht er nach, wenn er den Hirsch, die Gemse, den Fuchs erjagen will. Der tüchtige Arzt weiß schnell, wo die Krankheit steckt, wo ihr Ursprung ist, welche Ausdehnung sie genommen. Die Symptome zeigen ihm die Krankheit, diese bezeichnet ihm die zu wählenden Mittel. Höchst einfach ist dieses Verfahren, dieser Prozeß, möchte Mancher sagen. Zuweilen ja, zuweilen auch nicht. Wenn Jemand mit erfrorenen Ohren zu mir kommt, so weiß ich, das hat die Kälte gethan; wer am Mühlstein sitzt und plötzlich wegen zerquetschter Finger laut aufschreit, den werde ich nicht fragen, wo es denn eigentlich fehle. Gar nicht so einfach verhält es sich schon mit ganz gewöhnlichen Kopfbeschwerden oder gar mit Magen- oder Nerven- oder Herz- und anderen Leiden, welche nicht nur einer, sondern vielfachen Ursache entstammen, die sehr oft von Leiden benachbarter Organe herrühren können, welche Leiden den Magen, das Herz, die Nieren u.s.w. schlimm beeinflussen, nachtheilig auf dieselben einwirken. Ein Strohhalm macht das Perpendikel der größten Ganguhr stille stehen. Die kleinste Kleinigkeit vermag das Herz in die peinlichste Unruhe zu versetzen. Die Kleinigkeit sofort zu finden, darin besteht die Kunst. Diese Untersuchung kann oft sehr komplizirt, überaus verwickelt sein, und die mannigfaltigsten Täuschungen sind nicht ausgeschlossen. Man wird hiervon im dritten Theile dieses Buches Beispiele finden.


Wenn ich mit dem Fuße oder mit einer Axt an den Stamm einer jungen Eiche schlage, so bebt der Stamm, es zittert jeder Ast, und es bewegt sich jedes Blatt. Wie verkehrt, wollte ich schließen: das Blatt zittert, es muß angegriffen, von irgend einem Gegenstande berührt worden sein! Nein, weil der Stamm zittert, zittert auch der Ast und das Blatt als Theil und Theilchen des Stammes.

Die Nerven sind solche Aeste am Baume des Körpers. "Er hat ein Nervenleiden, die Nerven sind angegriffen," Was heißt das? Nein, der ganze Organismus hat einen Schlag erhalten, ist geschwächt worden. Deßhalb zittern leider auch die Nerven.

Zerschneide vorsichtig mit der Scheere einen vom Mittelpunkt zur Peripherie (zum äußersten Kreis) laufenden Netzfaden des Kunstgewebes der Spinne! Das ganze Netz fährt zusammen, die mit wunderbarer Genauigkeit gesponnenen, wie mit dem Zirkel abgemessenen Vierecke und Dreiecke bilden auf einmal die unregelmäßigsten, ungeordnetsten Figuren, Wie thöricht, wollte ich urtheilen: Das ist ein verworrenes Ding, die Spinne muß sich vergessen und beim Weben ihres Seidenhauses dieses mal wesentliche Fehler begangen haben. Spanne den kleinen Faden wieder an, und die frühere, wundersame Ordnung ist augenblicklich hergestellt! Den einzigen winzigen Faden suchen und finden, darin liegt die Kunst. Wer statt dessen im Gespinnste herumtappt, wird es ganz zerstören. Die Anwendung überlasse ich einem Jeden selbst und schließe nur mit der eigentlichen Antwort auf unsere Frage: Nie einfach, unkomplizirt und leicht, ich möchte sagen, fast jede Täuschung, jeden Irrthum ausschließend ist die Heilung, wenn ich weiß, jede Krankheit ruht in Störungen des Blutes! Die Arbeit der Heilung kann nur die zweifache Aufgabe haben: entweder muß ich das ungeordnet cirkulirende Blut wieder zum richtigen und normalen Laufe zurückführen, oder ich muß die schlechten, die richtige Zusammensetzung des Blutes störenden, das gesunde Blut verderbenden Säfte, Stoffe (Krankheitsstoffe) aus dem Blute auszuscheiden suchen,

Eine weitere Arbeit, die Kräftigung des geschwächten Organismus ausgenommen, gibt es nicht.


3. Auf welche Weise bewirkt das Wasser die Heilung?     Einleitung     Inhalt

Den Tintenfleck auf der Hand wäscht das Wasser schnell ab, die blutende Wunde reinigt es aus. Wenn du im Sommer nach angestrengtem Tagewerk dir mit frischem Wasser den verkrusteten Schweiß von der Stirne waschest, so lebst du neu auf: es kühlt, kräftigt und thut wohl. Die Mutter gewahrt auf dem Köpfchen ihres Kleinen Schuppen und festsitzende Krusten. Sie nimmt warmes Wasser oder gar Lauge und löst die Unreinigkeiten auf.

Auflösen, ausleiten (gleichsam abwaschen), kräftigen, diese drei Eigenschaften des Wassers genügen uns, und wir stellen die Behauptung auf:

Das Wasser, speziell (im Besondern) unsere Wasserkur heilt alle überhaupt heilbaren Krankheiten; denn ihre verschiedenen Wasseranwendungen zielen darauf ab, die Wurzeln der Krankheit auszuheben; sie sind im Stande:


a) die Krankheitsstoffe im Blute aufzulösen;

b) das Aufgelöste auszuscheiden;

c) das so gereinigte Blut wieder in die richtige Circulation zu bringen;

d) endlich den geschwächten Organismus zu stählen d.i. zu neuer Thätigkeit zu kräftigen

Heutige Jugend     Einleitung     Inhalt

4. Woher stammt die Empfindsamkeit der jetzigen Generation, woher die auffallend schnelle Empfänglichkeit für alle möglichen Krankheiten, welche man, zum Theile wenigstens, früher nicht einmal dem Namen nach kannte?

Diese Frage würde mir gewiß Mancher gerne schenken. Gleichwohl erscheint sie mir von besonderer Wichtigkeit, und ich zögere nicht, zu sagen, diese großen Uebelstände rühren vorzüglich her von dem Mangel an Abhärtung. Die Verweichlichung der heutzutage lebenden Menschen hat einen hohen Grad erreicht. Die Schwächlichen und Schwächlinge, die Blutarmen und Nervösen, die Herz- und Magenkranken bilden fast die Regel, die Kräftigen und Kerngesunden die Ausnahme. Man fühlt sehr empfindlich jeden Wechsel der Witterung; der Uebergang der Jahreszeiten geht nie vor sich ohne Schnupfen und Katarrh; selbst der zu schnelle Eintritt von der kalten Straße in's warme Zimmer bleibt nicht ungerächt u.s.w. Das war doch vor 60, 70 Jahren noch ganz anders; wohin sollen wir kommen, wenn, wie die allgemeine Klage der Besonnenen lautet, es mit der Menschenkraft und dem Menschenleben so rapid, so auffallend schnell bergab geht, wenn das Hinsiechen schon anfängt, ehe das kräftige Leben noch begonnen? Es ist hohe Zeit, daß man endlich zur Einsicht komme.

Einen kleinen Beitrag zur Nemedur (Heilung) solcher Nothstände mögen die wenigen schuld- und gefahrlosen Mittel bieten, welche ich zur Abhärtung der Haut, des ganzen Körpers und einzelner Körpertheile den Wasseranwendungen beifüge. Es wurden diese Mittel bereits von zahllosen Personen aus allen Ständen, von manchen mit anfänglichem kopfschüttelnden Lächeln acceptirt, später aber mit bejahendem Nicken und mit sichtlichen Erfolgen praktizirt. Vivant sequentes!

Ebenso wichtige Kapitel wie über die Abhärtung wären zu schreiben über die Ernährung, Kleidung und Lüftung. Davon vielleicht ein ander mal. Ich weiß, meine Sonderansichten werden auf großen Widerspruch stoßen. Gleichwohl halte ich fest an denselben; denn eine langjährige Erfahrung erst hat sie gereift. Es sind nicht Pilze, die über Nacht im Gehirne aufschoßen; es sind Edelfrüchte, manchem eingefleischten Vorurtheile hart und herb, einem gesunden Geistesmagen aber vortrefflich mundend.


Ernährung     Einleitung     Inhalt

Es soll nur angedeutet werden, daß bezüglich der Ernährung bei mir die Hauptregel lautet: Trockene, einfache, kräftige, nicht verkünstelte und durch scharfe Gewürze verdorbene Hausmannskost und das unverfälschte Getränk, das in jedem Quell der liebe Herrgott spendet, beides genügsam gebraucht, ist dem Menschenkörper am besten und förderlichsten. (Ich bin nicht Puritaner und gestatte gern ein Glas Wein oder Bier, lege demselben aber durchaus nicht die allgemein beliebte Bedeutung bei. Vom medizinischen Standpunkte aus, nach Krankheiten z.B., mögen diese Getränke zuweilen eine Rolle spielen; in gesundem Zustande indessen lege ich dem Obste größere Bedeutung bei.)

Bekleidung     Einleitung     Inhalt

In der Bekleidung folge ich dem Grundsatze der Altvordern: Selbst gesponnen, selbst gemacht, ist die beste Landestracht. Ich bin zunächst gegen die ausfallende Ungleichheit oder vielmehr ungleichmäßige Vertheilung der Bekleidung, zumal im Winter — ein großes Verderben für die Gesundheit. Der Kopf hat seine Pelzmütze; der Hals die feste Halsbinde, darüber den meterlangen Wollschlips; die Schultern tragen eine drei- bis vierfache Decke, beim Ausgehen noch den Ueberwurf oder gar den Pelzkragen; die Füße allein, die armen, vernachlässigten Füße bedecken wie im Sommer die Socken oder Strümpfe, die Schuhe oder Stiefel. Was folgt aus dieser unvernünftigen Parteilichkeit? Das obere Umgebinde und Umgewinde zieht, wie eine Pumpe das Wasser, Blut und Wärme in den oberen Stock, die unteren Körpertheile werden blutarm und kalt, Kopfweh, Congestionen (Blutandrang), Erweiterung der Kopfadern, hundert Uebelbefinden und Nöthen sind damit gelöste Räthsel. Im Weiteren bin ich gegen die direkte, unmittelbar den Leib berührende Wollbekleidung und für die Bekleidung, mit dem trockenen, festen, kernhaften, unverkünstelten Linnen oder Reisten. Letzteres ist mir die liebste Haut auf der Haut, welche diese nie verweichlicht, vielmehr ihr stets die besten Frottirdienste thut. Das vielzweigige, haarige, fettige Wollgeflecht auf bloßem Körper (wie die Wolle meinen Zwecken dient, sagt das Allgemeine zu den Wasseranwendungen) gilt mir als Säfte- und Wärmesauger, als Mitursache der schrecklich wuchernden Blutarmuth unserer schwachen, elenden Generation. Das neueste Wollregime in verbesserter Auflage wird dieser Blutarmuth nicht ab- und dem Blute nicht aufhelfen. Die jüngeren Leute können es erleben und das Regime überleben.


Lüften     Einleitung     Inhalt

Ich komme an die Lüftung. Den Fischen, die aus Quellwasser kommen, insbesondere den Gebirgsforellen geben wir bei Weitem den Vorzug. Bachfische stellen wir zurück; Fische aus Sümpfen und Mooren mit dem eckligen Geschmacke schenken wir einem Jeden. Es gibt auch eine Sumpf- und Moorluft. Wer sie einathmet, füttert seine Lunge mit Pesthauch. Die Luft, zum dritten male eingeathmet, sagt ein berühmter Arzt, wirkt giftartig. Ja, wenn die Leute das verständen und übten, in ihren Wohn- und insbesondere Schlafzimmern stets möglichst reine, frische, sauerstoffhaltige Luft zu haben, viel Unwohlsein und viele Krankheiten blieben ihnen erspart. Die reine Luft wird verdorben hauptsächlich durch das Athmen. Wir wissen gar wohl, daß 1—2 Weihrauchkörnchen, welche man auf der Gluth vergehen laßt, ein ganzes Zimmer mit Wohlgeruch erfüllen. Wir wissen auch, daß 15—20 Cigarren- oder Pfeifenzüge hinreichen, einen großen Raum nach Tabaksqualm riechen zu machen. Das Kleinste, Unbedeutendste reicht oft hin, die reine Luft in der einen oder andern, angenehmen oder unangenehmen Weise zu verderben. Ist das Athmen nicht einem solchen Rauche ähnlich?

Wie viele Athemzüge machen wir in einer Minute, in einer Stunde, bei Tag, bei der Nacht!

Wie verdorben muß die reine Luft werden, wenn wir den Qualm auch nicht sehen! Und wenn ich nicht lüfte, d. i. die schlimme, durch Kohlensaure (lebensfeindliche Luft) verdorbene Atmosphäre nicht erneuere, welch verdorbene und Verderben anrichtende Miasmen (Gestänke) werden in die Lunge einströmen? Die Folgen können und müssen nun gleichfalls schlimme, schädliche sein.

Wie Athmen und Ausdünstung, ebenso nachtheilig wirkt auf die reine, gesunde Lebensluft eine zu große Wärme, insbesondere eine zu große Zimmerwärme. Auch sie macht die Luft schlecht und, da sie den Sauerstoff, das die Luft belebende Element, verzehrt und tödtet, zum Leben unfähig, für das Einathmen schädlich. 12—14 Grad R. (Réaumur) (das entspricht 15 - 17,5 Grad Celsius) Wärme sind ausreichend. 15 Grad R. (18,75 Grad Celsius) sollen nie überschritten werden.

Man sorge für gründliche Lüftung sämmtlicher Wohn- und Schlafräume und führe dieselbe täglich mit Consequenz und Ausdauer durch in einer Ordnung, wie sie Niemanden belästigt, der Gesundheit eines Jeden nützt. Große Sorgfalt verwende man vor allem auf die Lüftung der Betten.

Ich habe gesagt, was ich an dieser Stelle zu sagen für gut befand. Das Gesagte genügt, ein Bild des anklopfenden Fremden zu geben; man möge ihn entweder freundschaftlich einlassen oder ungehört von der Thüre weisen. Auf beide Arten des Empfanges bin ich gefaßt, und mit beiden erkläre ich mich zufrieden.


I. Wasser-Anwendungen     Inhalt Allgemeines     Wasser-Anwendungen     Inhalt

"Aquae omnes . . . laudent nomen Domini!"
"Ihr Wasser alle, preiset den Namen des Herrn!"

Die von mir gebrauchten, und in diesem ersten Theile beschriebenen Wasseranwendungen theilen sich in Aufschläger, Bäder, Dämpfe, Gießungen, Waschungen, Wickelungen, Trinken des Wassers.

Die Unterabtheilungen einer jeden Anwendung enthält das erste Register. Fremdklingende Hebungen sind namentlich und sachlich an Ort und Stelle erklärt.

Dem Wesen aller Krankheiten entsprechend, wonach diese durch Störungen des Blutes, nämlich durch anormalen, fehlerhaften Blutumlauf oder durch dem Blute beigemischte, verdorbene fremdartige Bestandtheile, die Krankheitsstoffe, entstehen, verfolgen die Wasseranwendungen den dreifachen Zweck: des Auflösens, des Ausscheidens der Krankheitsstoffe und der Kräftigung des Organismus.

Im Allgemeinen kann gesagt werden, daß der erste Dienst des Lösens von allen Dämpfen und den warmen Kräutervollbädern besorgt wird; der zweite Dienst des Ausscheidens von sämmtlichen Wickelungen, zum Theil von den Gießungen und Aufschlägern; der dritte Dienst der Kräftigung von allen kalten Bädern, allen Gießungen, zum Theil von den Waschungen, endlich von dem gesammten Material der Abhärtung.

In's Einzelne kann und will ich an dieser Stelle, um nicht zu Mißverständnissen Anlaß zu geben, nicht eingehen.

Da eine jede Krankheit in den oben angegebenen Mutstörungen wurzelt, so leuchtet ein, daß auch in einem jeden Krankheitsfalle alle drei Arten der Anwendung oder mit anderen Worten verschiedene Anwendungen vorkommen müssen, welche mehr oder weniger auflösen, ausleiten und kräftigen; ferner, daß nicht der kranke Körperteil allein, etwa der Kopf oder der Fuß oder die Hand, in Behandlung kommt, sondern stets der ganze Körper, den ja in solchem Falle krankes Blut durchströmt: die kranke Stelle mit Vorzug und besonderer Berücksichtigung, der übrige Körper als Mitleidender. Es wäre einseitig und gefehlt, in diesen zwei wichtigen Punkten anders handeln zu wollen. Manche Beispiele im dritten Theile werden meine Behauptung rechtfertigen.

Wer immer das Wasser, so wie ich es denke und wünsche, als Heilmittel gebraucht, dem sind die Anwendungen niemals Selbstzweck, d. h. er wird nie eine Anwendung vornehmen, weil es ihm jetzt gerade so gefällt; er wird nie wie ein Thor Vergnügen daran haben, daß er mit recht Vielem, mit Dämpfen und Güssen und Wickeln, "Hantiren und prahlen und wüthen" kann. Die Anwendungen werden einem Verständigen stets nur Mittel zum Zweck sein. Erreicht er diesen durch das gelindeste Wässerchen, er wird glücklich sein; denn seine Aufgabe ist ja nur, der nach Gesundheit d.i. nach selbsteigener und selbstständiger Thätigkeit ringenden Natur zu dieser Freithätigkeit zu verhelfen, die Krankheitsbande, die Leidensketten zu lösen, auf daß sie ungehindert und frisch und freudig alle Arbeit wieder allein thue. Nach Vollendung dieser Aufgabe zieht der Heilende sofort und gerne seine Hand zurück.

Diese Bemerkung ist wichtig, noch wichtiger das Darnachachten. Gar Nichts nämlich bringt das Wasser als Heilelement so sehr in Verruf und Mißkredit als indiskretes, maß- und vernunftloses Anwenden, scharfes, strenges, schroffes Verfahren. Diejenigen, ja allein Diejenigen, ich kann es nicht oft genug wiederholen, welche sich als Sachverständige im Wasserheilverfahren aufspielen, aber mit ihrem endlosen Wickeln, ihren fast das Blut austreibenden Dämpfen u. A. jeden Patienten abschrecken, richten den größten Schaden an, der nur überaus schwer wieder gut zu machen ist. Ich heiße das nicht das Wasser zu Heilzwecken gebrauchen, ich heiße solche Gewaltthaten — man verzeihe den Ausdruck — dem Wasser Schande anthun.

Wer immer die Wirkungen des Wassers versteht und in seiner überaus mannigfaltigen Art anzuwenden weiß, besitzt ein Heilmittel, welches von keinem anderen, wie immer Namen habenden Mittel übertroffen werden kann. Keines ist mannigfaltiger in der Wirkung, sozusagen dehnbarer als das Wasser. In der Schöpfung beginnt es mit dem unsichtbaren Luft- oder Dampfkügelchen, setzt sich fort im Tropfen und schließt ab mit dem den größten Theil der Erde erfüllenden Weltmeer. Das muß jedem Hydropathen ein Fingerzeig sein und Jedem sagen, daß eine jede Anwendung, mag sie Wasser in tropfbar oder dehnbar flüssiger Form erfordern, der Steigerung von dem gelindesten bis zum höchsten Grade fähig sei, daß in jedem Einzelfalle nicht der Patient sich nach dem Wickel, dem Dampf u.s.w., sondern jederzeit jedwelche Anwendung sich nach dem Patienten zu richten habe.

In der Auswahl der zu treffenden Anwendungen zeigt sich der Meister. Der Heilende wird den zu Heilenden ohne jede Auffälligkeit streng prüfen. Zuerst werden die sekundären Leiden in die Augen springen, d. i. die Nebenkrankheiten, welche wie Giftpilze aus dem innern Krankheitsboden hervorschießen. Sie lassen in der Regel schnell auf den Herd der Krankheit, auf das Hauptleiden schließen. Man fragt und sieht nach, wie weit die Krankheit vorangeschritten, welches Unheil sie bereits angerichtet. Dann schaut man den Patienten an, ob er alt oder jung, schwach oder stark, mager oder korpulent, ob er blutarm, nervös u.s.w. sei. All diese Punkte und noch andere mehr zeichnen in den Geist das richtige Krankenbild, und erst wenn dieses klar und fertig ist, greift man in die Wasserapotheke und wendet an nach dem Grundsatze: Je gelinder, je schonender —desto besser und wirksamer. Im Allgemeinen mögen an dieser Stelle noch folgende Bemerkungen Platz finden, welche die sämmtlichen Wasseranwendungen angehen.

Keine wie immer Namen habende Anwendung kann schaden, wenn dieselbe in der vorschriftsmäßigen Weise genommen wird.

Die meisten derselben geschehen mit kaltem Wasser, sei es Brunnen-, Quell-, Flußwasser o. a. In allen Fällen, in denen nicht extra warmes Wasser verordnet ist, gilt der Ausdruck "Wasser" stets nur von kaltem Wasser. Dabei folge ich dem Erfahrungsgrundsatze: je kälter, desto besser. Zur Winterszeit mische ich für Gesunde in das zu Güssen bestimmte Wasser noch kältenden Schnee. Man werfe mir nicht Schroffheit vor; denn man bedenke die überaus kurze Dauer meiner Kaltwasseranwendungen. Wer es einmal gewagt hat, hat es für immer gewonnen, alle Vorurtheile sind ihm benommen. Indessen bin ich nicht unerbittlich.

Anfängern in der Wasserkur, schwächlichen, insbesondere ganz jungen und altern, hochbetagten Personen; Kranken, welche das Kalte zurückschreckt; Leuten, welche wenig Naturwärme haben; Blutarmen und Nervösen gönne ich namentlich zur Winterszeit zum gewärmten Bad- und Gießraume (14—15° Réaumur = 17,5 - 18,75° Celsius) mit Freuden für den Beginn laues, "abgeschrecktes" Wasser zu einer jeden Anwendung. Die Fliegen locke ich ja auch mit Honig, nicht mit Salz oder Essig,

Die warmen Anwendungen erhalten in jedem einzelnen Falle bezüglich der Wärmegrade, der Dauer u.s.w. genaue, spezielle Vorschriften. Die Wärmegrade, mit R. bezeichnet, bedeuten stets Reaumur.

Betreffs der kalten Anwendungen schulde ich (im dritten Theile ist dieser Punkt oftmals betont und des Weitern erörtert) in Kürze noch einige Winke, welche das Verhalten vor, während und nach der Anwendung regeln.

Niemand wage es, bei Kältegefühl, Frösteln u.s.f. irgend eine kalte Anwendung vorzunehmen, wenn dieses an der betreffenden Stelle nicht extra erlaubt ist. Die Anwendung soll thunlichst schnell (jedoch ohne Angst und Hast) vorgenommen werden; auch beim Aus-, und Ankleiden sollen durchaus keine Verzögerungen eintreten, z. B. durch langsames Zuknöpfen, Binden. All diese Nebenarbeiten können geschehen, wenn der ganze Körper einmal ordentlich bedeckt ist. Ein kaltes Vollbad soll, um ein Beispiel anzuführen, zum Auskleiden, Baden und Ankleiden die Zeit von 4—5 Minuten nicht übersteigen. Es bedarf dazu nur einiger Uebung, so oft bei einer Anwendung steht! "1 Minute," soll damit die kürzeste Zeitdauer ausgedrückt werden; wenn es heißt 2—3 Minuten, so soll die Kälte wohl nachhaltiger, aber doch nicht länger einwirken.

Nach keiner wie immer Namen habenden kalten Anwendung wird (außer dem Kopfe und den Händen bis zur Handwurzel — Letzteres, um beim Anziehen der Kleider diese nicht naß zu machen) der Körper je abgetrocknet. Den nassen Körper bedeckt man sofort mit dem trockenen Hemde und den andern Kleidungsstücken; man thut dieses möglichst schnell, wie gesagt wurde, um thunlichst bald alle nassen Stellen luftdicht abzuschließen. Dieses Verfahren erscheint Manchen, ja den Meisten eigentümlich, da sie meinen, sie müßten jetzt den ganzen Tag "naß herumlaufen". Bevor sie ein Urtheil fällen, mögen sie es nur einmal probieren. Sie werden es alsbald fühlen, wozu das Nichtabtrocknen taugt und gut ist. Das Abtrocknen ist ein Reiben und erzeugt, da es unmöglich an allen Stellen auf ganz gleichmäßige Weise geschehen kann, ungleichgradige Haut- und Naturwärme, was bei Gesunden wenig, bei Kranken und Schwachen oft sehr viel zu bedeuten hat. Das Nichtabtrocknen verhilft zu der geordnetsten, gleichmäßigsten und schnellsten Naturwärme. Es geschieht gleichsam, wie wenn man Wasser in's Feuer spritzt. Die innere Körperwärme benützt das am äußeren Körper anklebende Wasser als Material zu rascher Bildung intensiverer, größerer Wärme. Wie gesagt, nur auf eine Probe kommt es an.

Dagegen verordne ich strenge, daß der Angekleidete nach jeder Wasseranwendung sich Bewegung mache (geschehe es durch Arbeit oder Spazierengehen), welche so lange dauere, bis alle Theile des Körpers vollkommen trocken und normal warm sind. Im Beginne der Bewegung kann man etwas rascher gehen, nach Eintritt der Wärme langsamer. Man fühlt selbst am besten, wann die normale Körperwärme eingetreten ist und die Bewegung, das Gehen aufhören kann. Solche Patienten, welche schnell erhitzt sind und leicht in Schweiß kommen, sollen gleich von Anfang an langsamer und eher etwas länger gehen und ja nicht schwitzend oder erhitzt sich setzen, selbst nicht im warmen Zimmer. Ein Katarrh wäre die unausbleibliche Folge.

Als Regel für Alle kann gelten, daß die Minimalzeit, die kleinste Zeit der Bewegung nach einer Anwendung stets eine Viertelstunde betragen soll. Wie dieselbe ausgefüllt werde (durch Gehen, körperliche Arbeit u.s.w.), bleibt sich, wie gesagt, gleich.

Diejenigen Anwendungen, welche das Bett vorschreiben, vornehmlich die Aufschläger und  Wickelungen, enthalten diese Notiz an Ort und Stelle, ebenso das einer jeden besonderen Uebung Eigenartige. Wer bei einer solchen Anwendung einschläft, den soll man im Frieden schlafen und ruhen lassen, selbst wenn die vorgeschriebene Zeit vorüber ist. Wie beim kleinsten und größten Bedürfnis, versieht auch hier die Natur selbst die besten und genauesten Weckuhrdienste.

Sind Tücher nothwendig, so verstehe ich darunter niemals feine Leinwand, sondern körniges, wo möglich gröberes Reisten. Wenn einfache arme Leute statt dessen nur abgenützten Zwillich, (Zwilch), einen hänfenen Kaffeesack oder noch Aermere einen weichen "Rupf" o. A. zur Hand haben, so sind sie nicht im Nachtheil. Zum Abwaschen des Körpers, was oft vorkommt, taugt ebenfalls am besten ein ziemlich grobes, linnenes oder hänfenes Tuchstück.

Aus Gründen, welche ich in der Einleitung kurz andeutete, bin ich gegen die Wolle als Kleidungsstück auf bloßer Haut. Dagegen dient mir der Wollstoff vorzüglich als Umhüllung, z.B. des eiskalten Wickels. Er entwickelt rasche und reichliche Wärme und steht in dieser Beziehung unübertroffen da. Aus dem gleichen Grunde empfehle ich bei solchen Anwendungen das Federbett als Zudecke.

Das sogenannte Frottiren, ob es nun durch Reiben oder Bürsten oder sonst einen Gewaltakt geschehe, findet bei meinen Anwendungen keine Stelle. Den einen Zweck desselben, der im Erwärmen besteht, erfüllt bei mir gleichmäßiger und egaler das Nichtabtrocknen; den andern, nämlich die Oeffnung der Poren, die Steigerung der Hautthätigkeit u.s.w. besorgt das grobe Linnen oder Reistenhemd, wieder mit dem Vortheile, daß dieses nicht wie die Bürste minutenlang, sondern bei Tag und bei Nacht, ohne Opfer von Zeit und Kraft arbeitet. Wenn an manchen Stellen von kräftiger Abwaschung die Rede ist, so verstehe ich darunter lediglich ein schnelles Abwaschen der ganzen zu behandelnden Stelle. Das Naßwerden, nicht das Geriebenwerden ist die Hauptsache. Ein Punkt möge hier noch erwähnt werden. Die Anwendungen am Abende, in der Zeit vor dem Schlafengehen, behagen den meisten Menschen nicht, sie werden dadurch aufgeregt, gleichsam aus dem beginnenden Schlafe gerüttelt. Andere dagegen wiegt eine gelinde Abendanwendung in sanften Schlaf. Ich empfehle solche Anwendung im Allgemeinen nicht, rathe indessen einem Jeden, er möge in diesem Stücke nach seinem Gutdünken, nach seinen Erfahrungen handeln, da ja er allein auch die Folgen zu tragen haben wird. Bezüglich der speziellen Kenntnisse für eine jede besondere Anwendung verweise ich auf den ganzen ersten Theil, bezüglich des Gebrauches derselben für Kranke insbesondere auf den dritten Theil dieses Büchleins. Daselbst ist auch angegeben, welche Anwendungen für sich allein als sogenannte ganze, und welche nur als Theilanwendungen, d. h. als solche, welche nur in Verbindung mit anderen auftreten, zu gelten haben, ebenfalls, welche der Anwendungen (Dämpfe) besondere Vorsicht erheischen.

Ich schließe diesen allgemeinen Theil mit dem Wunsche, daß durch die Wasserübungen recht viele Gesunde noch mehr erstarken und recht viele Kranke genesen mögen, und beginne vorerst mit einer kurzen Aufzählung der Abhärtungsmittel, sodann mit der eigentlichen Abhandlung über die bei mir im Gebrauche stehenden Wasseranwendungen.


Abhärtung     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Als Abhärtungsmittel nenne ich:

Barfußgehen
Gehen im nassen Gras
Gehen auf nassen Steinen
Gehen im neugefallenen Schnee
Gehen in kaltem Wasser
Kalt baden der Arme und Beine
Knieguß


Barfußgehen      Abhärtung     Inhalt

1. Das natürlichste und einfachste Abhärtungs-Mittel besteht im Barfußgehen.

Dieses kann, entsprechend den verschiedenen Ständen und Lebensaltern, auf die mannigfaltigste Weise geübt werden.

Ganz kleine Kinder, welche noch gänzlich auf die Hilfe Anderer angewiesen und in die Windeln, in's Tragekissen, an's Zimmer gebannt sind, sollen wo möglich nie eine Fußbekleidung tragen. Könnte ich doch dieses allen Eltern, besonders den allzu besorgten Müttern, als Kanon, als feststehende, unumstößliche Regel tief einprägen! Mit Vorurtheilen behaftete Eltern, die sich dazu nie verstehen wollen, mögen sich der kleinen Unbeholfenen erbarmen und zum Mindesten für eine solche Fußbekleidung sorgen, durch welche die frische Luft leicht auf die Haut dringen kann.

Kinder, welche bereits stehen und gehen können, wissen sich schon selbst zu helfen. Ohne alle Menschenrücksichten werfen sie die lästigen, die Füße quälenden Schuhe und Strümpfe von sich und sind ganz glückselig, besonders zur Frühjahrszeit, wenn man sie sich frei herumtummeln läßt. Manchmal blutet eine Zehe, doch das hält sie nicht ab, bald wieder barfuß zu gehen. Die Kinder thun dieses ganz instinktiv, einem gewissen Naturtriebe folgend, den wir Alte auch verspüren würden, wenn die überfeinerte, schablonirende, Schraubstockdienst thuende, alles Natürliche wegdrechselnde Bildung, uns nicht vielfach allen gesunden Sinn genommen hätte.

Die Kinder der Armen werden in ihrem Vergnügen selten gestört. Weniger vom Glücke begünstigt sind die Kinder der Vornehmen und Reichen, und sie fühlen wahrlich das Bedürfniß nicht weniger als ihre Kameraden aus armem Stande. Ich sah einst die Knaben eines hohen, angesehenen Beamten. Kaum glaubten sie sich aus der Schußweite der durchdringenden Augen des gestrengen Herrn Papa, da flogen auch schon die feinen Schühchen und die noch feineren rothen, gelben, weißen Strümpfchen über alle Hecken, und fort ging's im Galopp über die saftig grüne Wiese. Die Mama, eine Frau von gesundem Sinne, sah dieses nicht ungern; erblickte aber zufällig der Papa seine Prinzen in solchem ungehörigen Aufzuge, dann gab es lange Strafpredigten und noch längere Standesunterweisungen über Unbildung und Bildung und Standesgefühl und Standesehre. Das ging den Kleinen so tief zu Herzen, daß sie anderen Tags noch munterer barfuß im Grase hüpften. Nochmals sage ich: lasse man wenigstens den noch nicht verbildeten Kindern ihre Freude!

Einsichtige Eltern, welche solches gerne gestatten wollten, aber in der Stadt leben und keinen einsamen Garten oder Rasenplatz besitzen, können den Kleinen das Barfußgehen zu gewissen Zeiten in irgend einem Zimmer, auf irgend einem Gange u.s.w. gestatten, wenn nur die Füße wie Gesicht und Hände zuweilen einmal frei aufathmen, nach Fußeslust frische Luft einsaugen, sich in ihrem Elemente bewegen können.

Erwachsene Leute der ärmeren Klassen, insbesondere auf dem Lande, brauche ich nicht zu ermahnen; dieselben gehen viel barfuß und beneiden nicht den reichsten Städter um seine vornehmen, ausgeschnittenen oder nicht ausgeschnittenen, lackirten oder geschnürten Fußfoltern, die pressenden und die Füße fesselnden Schuhe und Strümpfe. Thörichte Landleute mit städtischen Manieren, die sich schämen, es den Ihrigen gleichzuthun, sind durch ihren Eigendünkel gestraft genug; die altmodischen Conservativen sollen an der guten Tradition treu festhalten. In meiner Jugendzeit ging auf dem Lande Alles barfuß: Kinder und Erwachsene, Vater und Mutter, Bruder und Schwester. In die Schule, zur Kirche waren die Wege stundenweit; die Eltern gaben uns ein Stück Brod und einige Aepfel zur Reisezehrung, so auch Schuhe und Strümpfe als Fußbekleidung. Doch diese hingen wir bis zum Eintritt in die Schule oder in die Kirche über die Arme oder über die Achsel, nicht allein zur Sommers-, selbst in der kälteren Jahreszeit. Kaum machte im beginnenden Frühling auf der Höbe meiner Heimath der Schnee Miene, sich zurückzuziehen, da traten unsere bloßen Füße schon ihre Spuren in den mit seinem Wasser getränkten Boden, und wir fühlten uns froh, heiter und gesund dabei.

Erwachsene in den Städten, gar solche, welche besseren, ja den vornehmen Ständen angehören, können dieser Uebung sich nicht unterziehen, das ist klar. Wenn sie in ihrem Vorurtheile bereits so weit gekommen sind, daß sie meinen, sie könnten, wenn ihre zarten Füße beim Aus- oder Ankleiden nur einen Augenblick auf dem bloßen Boden des Salons, nicht auf warmen, weichen Teppichen stehen, Rheumatismus, Katarrh, Halsleiden oder Aehnliches sich zuziehen, so lasse ich sie vollkommen ungestört. Wenn aber Manche doch etwas thun und sich abhärten wollten, was hindert sie, Abends unmittelbar vor dem Schlafengehen oder in der Frühe beim Aufstehen 10 Minuten, 1/4 Stunde, 1/3 Stunde lang eine derartige Promenade zu machen? Dieselbe könnte die ersten Male, damit der plötzliche Beginn nicht zu stark empfunden wird, in den Strümpfen, später mit bloßen Füßen und noch später barfüßig also geschehen, daß vor dem Zimmer-Spaziergange die Füße bis über die Knöchel einige Augenblicke in kaltes Wasser getaucht werden.

Bei guter Eintheilung, bei gutem Willen, bei wahrem Streben nach Erhaltung seiner Gesundheit wird ein Jeder, selbst der Vornehmste, selbst der in seinem Berufe Angestrengteste noch so viel Zeit gewinnen, um sich selbst diese Wohlthat zu spenden.

Ein mir sehr gut bekannter Priester ging jedes Jahr auf mehrere Tage zum Besuche eines guten Freundes, welcher einen größeren Garten besaß. Der Morgenspaziergang galt stets diesem Garten, dessen durch Thau genäßtes Gras so lange die bloßen Füße labte und den Körper erquickte, als der Geist mit dem Breviergebet beschäftigt war. Gar oft hielt mir dieser Herr Lobreden auf die vortrefflichen Wirkungen des Barfußgehens.

Eine Reihe Namen von Personen der höheren und höchsten Stände stünde mir zu Gebote, die den wohlmeinenden Rathgeber nicht verachteten und zu guter Jahreszeit bei Morgengängen im einsamen Walde oder auf abgelegener Wiese durch Barfußgehen sich abzuhärten suchten.

Einer aus dieser verhältnißmäßig immer noch sehr kleinen Zahl gestand mir, er habe im Jahre selten eine Woche erlebt ohne einen wenn auch nur kleinen Katarrh. Diese überaus einfache Uebung habe ihn für immer von dieser Empfindsamkeit und Empfänglichkeit befreit.

Den Müttern widme ich an dieser Stelle noch ein besonderes Wort. Es kann kurz sein; denn an anderer Stelle habe ich versprochen, ihnen, wenn Gott mir Leben und Gesundheit schenkt, später einmal einige praktische Winke für eine gute, hauptsächlich den Leib betreffende Erziehung zu geben. Die Mütter sind in erster Linie dazu berufen, für die Heranbildung eines stärkeren, widerstandsfähigeren Geschlechtes zu sorgen, die wuchernde, so arge Lücken in die menschliche Gesellschaft reißende Verweichlichung, Entkräftung, Blutarmuth, Nervosität, und wie all die Lebenssauger und Lebensabkürzer heißen, beseitigen zu helfen. Das geschieht durch Abhärtung, durch weise Abhärtung des Kindes vom zartesten Alter an. Luft, Nahrung, Kleidung sind Bedürfnisse, welche der Säugling ebenso nothwendig braucht als der Greis. Sie bilden zugleich das Gebiet der Abhärtung. Je reiner die Luft ist, welche das Kleine einathmet, desto besser das Blut. Um dieses schwache Geschöpftem recht schnell an den Aufenthalt in frischer Luft zu gewöhnen, thun diejenigen Mütter gut, welche nach den täglichen warmen Bädern das Kleine 2—3 Sekunden in kälteres, wie von der Sonne erwärmtes Wasser tauchen oder es rasch kalt abwaschen. Das warme Wasser allein macht schlaff und verweichlicht, die abschließende kalte Waschung stärkt, härtet ab und sichert eine gesunde Körperentwicklung. Die anfänglichen Zeichen einer weinerlichen Empfindsamkeit werden bei der dritten oder vierten Anwendung von selbst ausbleiben.


Diese Abhärtung stählt die noch ganz kleinen Kinder gegen die so häufigen Erkältungen und deren Folgen und erspart den Müttern, welche diesen Uebelständen vorbeugen wollen, die jeden denkenden Menschen wahrhaft entsetzenden Einmummungen und Einhüllungen in Wolle und andere schwere, jeden Luftzutritt hindernde Stoffe. In diesem Stücke wird furchtbar gegen die kleinen Gesundheiten gesündiget. Die zarten Körperchen stecken in förmlichen verbrennenden Wollöfen: der kleine Leib keucht unter der Last der Binden und Decken, das Köpfchen ist eingepuppt, daß ihm Hören und Sehen vergehen müssen, der vor Allem abzuhärtende Hals trägt außer den allgemeinen noch besondere Wärmemittel, die ihn gegen die äußere Luft vollends abschließen. Schon wenn der oder die Kleine auf dem Arm des Kindsmädchens ruht, um ausgetragen oder ausgefahren zu werden, sieht die verzärtelnde Mama nochmals nach, ob ja jedes Winkelchen und jede Ecke sorglichst verschlossen sei.

Wen darf es bei sothanen Umständen, bei diesem gänzlichen Mangel der leisesten Spur von rationellem Abhärtungssinne wundern, wenn Diphtheritis, Halsbräune u.s.w. jährlich eine unzählbare Schaar der kleinen, ich möchte sagen jedem Windhauche erliegenden Wesen hinwegraffen, wenn viele Familien von Schwächlingen gleichsam wimmeln, wenn die Mütter über hektische, krampfhafte und andere, früher fast unbekannte Zustände, insbesonders bei den Mädchen, täglich Klage führen? Und wer erst vermöchte die geistigen Gebrechen zu zählen, diese tauben Blüthen und faulen Früchte eines Körpers, welcher vor der normalen Entwicklung und Kräftigung schon sein langsames Siechthum beginnt? Mens sana in corpore sano. Eine gesunde Seele wohnt nur in einem gesunden Körper. Eine Hauptvorbedingung der Entwicklung einer ausdauernden Gesundheit bildet die frühzeitigste Abhärtung. Daß alle Mütter ihre diesbezügliche Aufgabe und Verantwortung früh genug und tief erfaßten und keine Gelegenheit versäumten, aus guten Quellen sich guten Rath zu holen!

Gehen im nassen Gras     Abhärtung     Inhalt

2. Eine besondere, überaus wirksame Art des Barfußgehens ist das Gehen im nassen Grase, gleichviel, ob dieses durch Thau, Regen oder Wasseraufguß genäßt sei. Im dritten Theile wird man dieser Abhärtungsübung recht oft begegnen, und ich kann dieselbe Jung und Alt, Gesunden und Kranken, unbehindert jeder andern Anwendung, bestens empfehlen.

Je nasser das Gras ist, je länger die Übung fortgesetzt und je öfter dieselbe wiederholt werden kann, desto vorzüglicher wird der Erfolg sein. In der Regel dauert der Graslauf 1—3 Viertelstunden.

Nach vollendeter Fußpartie werden alle nicht an die Füße gehörigen Anhängsel, wie Laubgras oder Sand, rasch abgewischt, die Füße indessen nicht abgetrocknet, sondern in statu quo, d. i. naß, wie sie sind, sofort mit trockener Fußbekleidung versehen. Auf das Gehen im Grase folgt jetzt ein Gehen mit bekleideten Füßen auf trockenem, mit Sand oder Stein bedecktem Wege, im Beginne etwas schneller, allmählig im gewöhnlichen Tempo. Die Dauer des Gehens hängt ab von dem Trocken- und Warmwerden der Füße und dürfte eine Viertelstunde nicht übersteigen.

Ich ermahne dringend, die Worte "trockene Fußbekleidung" wohl zu bemerken und niemals sich nach dieser Anwendung nasser, angefeuchteter Strümpfe zu bedienen. Die Folgen würden sich in Kopf und Hals bald schon melden; das hieße nicht aufbauen, sondern einreißen. Es dürfte angemessen sein, junge, schnelle, unbesonnene Leutchen an die Vorsicht zu mahnen, die ausgezogenen Schuhe und Strümpfe nicht ins nasse Gras zu werfen, sondern im Trockenen bereit zu halten, daß sie später die naßkalten Füße warm empfangen und bald wieder in die gehörige Wärme bringen. Diese Uebung, wie das Barfußgehen überhaupt, kann vorgenommen werden, selbst wenn die Füße kalt sind.


Gehen auf nassen Steinen     Abhärtung     Inhalt

3. Dem Gehen im nassen Grase kommt in der Wirkung ziemlich gleich das Gehen auf nassen Steinen, das Vielen bequemer und leichter ist. Jedes Haus und Häuschen hat im Parterre oder in einem Stockwerke, in der Naschstube oder Backküche u. s. m. ein größeres oder kleineres Steinpflaster; beide genügen zu unserem bloßfüßigen Spaziergange auf nassen Steinen. Im langgestreckten Steingange wird man mit beflügeltem Schritte hin- und herwandern; auf einem Fleckchen von 4 — 5 Steinplatten wird man die Steine treten, wie der Winzerbube die Trauben, wie an manchem Orte der Bäckerlehrling den Teig tritt. Die Hauptsache besteht lediglich darin, daß die Steine naß sind, und daß man nicht ruhig auf denselben stehe, sondern in ziemlich rascher Bewegung gehe. Zum Benetzen der Steine nimmt man am besten eine Gießkanne oder einen Krug, zieht eine den Raumverhältnissen entsprechend dicke Wasserlinie, welche man durch das Treten erweitert. Sollten die Steine zu rasch trocknen, so müßte das Aufgießen ein-, zuweilen zwei- bis dreimal erneuert werden; hierbei dient das kälteste Wasser am vorzüglichsten.

In Fällen, in denen dieses Abhärtungsmittel zu Heilzwecken verwendet wird, darf seine Anwendungszeit die Dauer von 3—15 Minuten nicht überschreiten. Diese wird sich richten nach dem Zustande des Patienten, ob er stärker oder schwächer, blutarm u. s. m. sei; in der Regel dürften 3—5 Minuten ausreichen. Als reines Abhärtungsmittel von Gesunden kann die Uebung bis zu 1/2 Stunde und noch länger ohne Schaden ausgedehnt werden. Ich empfehle sie allen Jenen, welche eine solide Abhärtung beginnen wollen. Selbst der Schwächste und Empfindlichste möge sich nicht abschrecken lassen.

Wer an kalten Füßen leidet, Halsbeschwerden, Katarrhen leicht zugänglich ist, Blutandrang zum Kopfe und von letzterem erzeugtes Kopfweh hat, trete oft diese Steinwanderung an. Er thut gut, wenn er dem aufzugießenden Wasser etwas Essig beimischt.

Für die Bekleidung und Bewegung gelten dieselben Regeln wie beim Gehen im Grase. Wie Letzteres, so kann auch das Steinegehen mit kalten (vor der Uebung nicht warmen) Füßen geschehen.


Gehen im neugefallenen Schnee     Abhärtung     Inhalt

4. Größere Wirkung als durch die beiden vorhergehenden Uebungen wird erzielt durch das Gehen im neugefallenen Schnee. Wir bemerken ausdrücklich: im neu gefallenen, frischen Schnee, der sich ballt oder wie Staub den Füßen anlegt, nicht in altem, starrem, festgefrorenem Schnee, welcher zu empfindlich kältet und nichts taugt. Zudem soll diese Wanderung nie angetreten werden bei schneidend kaltem Winde, wohl aber, wenn bei der Frühlingssonne der Schnee schmilzt. Ich kenne Manchen, der in solcher Schneesülze 1/2, eine ganze Stunde, ja 1 1/2 Stunden mit den besten Erfolgen herumspazierte. Eine kleine Ueberwindung kosteten nur die ersten Minuten des Beginnes; später zeigte sich von Unbehagen oder besonderer Kälte keine Spur mehr. Die regelmäßige Dauer dieses Schneeganges ist 3—4 Minuten. Ich betone ausdrücklich: es darf nicht stille gestanden, es muß gegangen werden.

Zuweilen kommt es vor, daß gar zu zarte, der äußern Luft ganz entwöhnte Zehen die Schneekälte nicht ertragen können und Schneefieber bekommen, d.i. trocken, heiß werden, schmerzhaft brennen und aufschwellen. Man erschrecke nicht, die Sache hat keine Bedeutung, und die Heilung erfolgt schnell, wenn man die trockenen Zehen öfters mit Schneewasser tränkt oder mit Schnee leicht reibt.

Die Schneetour kann im Herbste ersetzt werden durch einen Gang im Grase mit Reif. Das Kältegefühl ist hier viel empfindlicher, da der Körper in dieser Uebergangszeit noch zu wenig der Sommerwärme entwöhnt ist. Im Winter selbst vertritt den Schneegang ein Gang auf Steinplatten, welche mit Schneewasser getränkt wurden. Bezüglich des Ankleidens und der Bewegung lese man die bei den vorhergehenden Nummern angegebenen Regeln.

Das sind Thorheiten, Narrheiten u.s.w., so lauten in der Regel die Empfehlungen gerade dieser Abhärtungsübung, von der man Erkältungen, Rheumatismen, Halsleiden, Katarrhe, alles Mögliche fürchtet. Es kommt Alles nur auf eine Probe und kleine Ueberwindung an; man wird sich bald überzeugen, wie unbegründet die Vorurtheile sind, und wie der schreckliche Schneegang statt der Nachtheile große Vortheile bringt.

Vor vielen Jahren kannte ich eine höhere Beamtenfrau. Die energische Mutter hielt große Stücke auf die Abhärtung ihrer Kinder: wählerisches Verfahren beim Essen oder Trinken wurde durchaus nicht geduldet, Klagen über Witterung, Wärme, Kälte u.s.w. stets gerügt. Sobald der erste Schnee fiel, versprach sie den Jungen Butterbrod mit Honig, wenn sie es wagten, eine Weile es barfuß mit dem Schnee aufzunehmen. So that sie lange Jahre; die Kinder erstarkten, strotzten von Kraft und waren ihr ganzes Leben überaus dankbar für diese nichts weniger als weichliche Erziehung. Diese Mutter hat ihre Aufgabe vortrefflich verstanden.

Das wäre der Schneelauf von Gesunden; es folgen zwei Fälle, welche zeigen sollen, wie erfolgreich man ihn bei manchen Leiden anwendet.

Eine Person litt viele Jahre hindurch zur Winterszeit an Frostbeulen, welche aufbrachen, eiterten und große Schmerzen verursachten. Im ersten Herbstschnee sing sie, meinem Rathe folgend, die Schneegänge an, wiederholte dieselben öfters und blieb von den lästigen Beulen gänzlich verschont.

Erst kürzlich kam ein 17-jähriges Mädchen zu mir und klagte über heftige Zahnschmerzen, "Gingest du fünf Minuten im neugefallenen Schnee," sagte ich ihr. "dein Zahnweh würde bald verschwinden." Es befolgte augenblicklich den Rath, eilte dem Garten zu und kam nach 10 Minuten zurück mit dem freudigen Rufe, daß alles Zahnweh gänzlich nachgelassen habe.

Niemals darf das Schneegehen stattfinden, wenn nicht der ganze Körper warm ist. Wen friert und fröstelt, der suche zuerst durch Arbeit oder Bewegung die normale Leibeswärme sich zu verschaffen. Personen, welche an Fußschweiß, offenen Füßen, aufgesprungenen oder eiternden Frostbeulen leiden, können selbstverständlich niemals im Schnee gehen, bis anderweitige Heilung (s. Fußbad oder Fußdampf) eingetreten.


Gehen in kaltem Wasser     Abhärtung     Inhalt

Wanne5. Im Wasser gehen. So einfach es scheint, im Wasser bis an die Waden zu gehen, so dient doch gerade diese Anwendung 

a) zur Abhärtung; es wirkt diese Anwendung auf den ganzen Körper, kräftigt die ganze Natur;

b) sie wirkt günstig auf die Nieren und auf Ableitung des Harnes, verhütet deswegen manche Leiden, die in den Nieren, der Blase und im Unterleib entstehen;

c) sie wirkt recht gut auf die Brust, erleichtert das Athmen und leitet Gase aus dem Magen;

d) sie wirkt besonders gegen Kopfleiden, Eingenommenheit des Kopfes, Kopfschmerzen.

Man kann dies Abhärtungsmittel anwenden, indem man in einer Badewanne (oder Schaff, Zuber) anfangs bis über die Knöchel im kalten Wasser Bewegung macht. Wirksamer ist es, wenn die Abhärtung gesteigert wird und man bis an die Waden im Wasser geht, am wirksamsten, wenn das Wasser bis zu den Knien reicht. Die Dauer betreffend, so kann man anfangen mit 1 Minute, dann länger bis 5 und 6 Minuten. Je kälter dabei das Wasser, um so besser. Nach solcher Anwendung ist Bewegung im Winter im warmen Zimmer, im Sommer im Freien zu machen bis zur vollständigen Erwärmung, Im Winter kann Schnee in's Wasser gethan werden. Bei Schwächlingen kann man mit Wasser anfangen, das nicht sehr kalt ist, und nach und nach zum kälteren und schließlich zum ganz kalten übergehen.

Kaltbaden der Arme und Beine     Abhärtung     Inhalt

6. Zur Abhärtung speziell der Extremitäten, der Arme und Beine, dient folgende Uebung, in vorzüglicher Weise: Man steht im kalten Wasser bis an oder über die Kniee, nicht länger als eine Minute. Nach dem Bekleiden der Füße entblößt man die Arme bis zu den Achseln und hält auch diese eine Minute in das kalte Wasser. Besser thut Derjenige, der beide Uebungen zu gleicher Zeit vornimmt. Wer im Besitze einer größeren Badewanne ist, kann dieses unschwer thun. Die Uebung kann auch in der Art vorgenommen werden, daß die Füße in ein eigenes Gefäß am Boden zu stehen und die entblößten Arme und Hände in ein auf einem Stuhl erhöhtes Holzschaff zu ruhen kommen.

Nach manchen Krankheiten wende ich diese Uebung gerne an, um den Fluß des Blutes nach den Extremitäten zu steigern.

Das Eintauchen der Arme allein thut gute Dienste all Denen, welche an Frostbeulen und kalten Händen zu leiden haben. Gut thut, wer die Hände (nicht Arme) nach dem Eintauchen gleich abtrocknet, weil scharfe Luft den freien Stellen sonst Hautsprünge verursachen könnte.

Die Vornahme dieser Uebung fordert, daß der Körper sich normal warm fühlt (nicht fröstelt). Füße, welche bis über die Knöchel (nicht bis über die Waden), Arme, die bis zum Ellenbogen kalt sind, sollen von der Applizirung (Anwendung) nicht abhalten.


Der Knieguß     Abhärtung     Inhalt

7. Als letztes Abhärtungsmittel sei der Knieguß aufgezählt. Man suche die Art seiner Applizirung bei den Gießungen. Er ist der besondere Freund der Füße, indem er in deren blutleere Adern das Blut lockt. An dieser Stelle habe ich nur zu bemerken, daß ich den Knieguß, wenn ihn Gesunde zur Abhärtung benützen, in stärkeren Formen gebe. Es wird dieses z.B. dadurch erreicht, daß ich den Strahl höher auffallen lasse, daß ich zur Winterszeit das Wasser durch Schnee und Eis noch mehr kühle u.s.w.

Die Uebung kann nur vorgenommen werden, wenn der Körper warm ist (nicht fröstelt). Bis zu den Knöcheln kalte Füße sollen die Anwendung nicht hindern. Deßgleichen darf der Knieguß allein, d.i. ohne von einer andern Anwendung begleitet zu sein, nicht zu lange fortgesetzt weiden (nicht über 3—4 Tage). Wer ihn länger gebraucht, gebraucht ihn im Wechsel mit dem Oberguß oder dem Eintauchen der Arme (s. Nr. 6), in der Frühe die eine, Nachmittags die andere Anwendung.

Diese angeführten Abhärtungsmittel mögen genügen. Dieselben können zu jeder Jahreszeit vorgenommen, im Winter und Sommer fortgesetzt werden. Im Winter wird man die eigentliche Anwendung etwas abkürzen, dagegen die Bewegung nach derselben um ein Weniges verlängern. Ungewohnte thun gut, die Abhärtungsübungen nicht gerade im Winter, zur kalten Jahreszeit zu beginnen. Vornehmlich gilt dieses allen, welche an Blutarmuth, innerer Kälte viel leiden und durch Wollkleidung verwöhnt, verweichlicht, empfindlich geworden sind. Ich sage dieses, nicht als ob ich Schaden befürchtete; ich fürchte lediglich das Abgeschrecktwerden von einer überaus guten Sache.

Gesunde und Kränkelnde können ohne Bedenken sämmtliche Uebungen vornehmen, beide mit Vorsicht und die Anweisungen genau befolgend. Schlimme Folgen sind niemals der Anwendung, sondern stets irgend einer größeren oder kleineren Unvorsichtigkeit zuzuschreiben. Selbst bei Schwindsüchtigen, bei denen das Leiden schon ziemliche Fortschritte gemacht hatte, habe ich die Nummern 1. 2. 3. 6. mit großen Erfolgen angewendet.

All die Leutchen, denen mein Büchlein in erster Linie gilt, brauche ich nicht zur Abhärtung aufzumuntern. Ihr Beruf, die täglichen Pflichten bringen täglich, oft stündlich das eine oder andere der genannten und viele, unzählige ungenannte Abhärtungsmittel von selbst mit sich. Sie mögen ruhig ausharren und Niemanden beneiden, der es scheinbar besser hat als sie. Das sind Täuschungen, sehr oft, ja meistens große Täuschungen.

Diejenigen meiner verehrten Leser, welche die angeführten Dinge vielleicht noch niemals, auch nur dem Namen nach gehört haben, lade ich ein, vor dem Verdammungsurtheile eine kleine, die kleinste Probe anzustellen. Wenn dieselbe zu meinen Gunsten ausfällt, soll es mich freuen, nicht meinetwegen, sondern wegen der Wichtigkeit der Sache. Es brechen im Leben viele Stürme herein über die Gesundheit der Menschen. Wohl dem, der ihre (der Gesundheit) Wurzeln durch die Abhärtung gut gefestigt, in die Tiefe geleitet und gegründet hat!

Die Aufschläger     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Einleitung
Oberaufschläger
Unteraufschläger
Ober- und Unteraufschläger
Unterleibs-Auflagen
Zu Eisauflagen
Zum Aderlaß


Einleitung     Aufschläger     Inhalt

Die bei mir zur Anwendung kommenden Wasserheilmittel theilen sich in: A. Aufschläger. B. Bäder, C. Dämpfe. D. Gießungen. E. Waschungen. F. Wickelungen. G. Trinken des Wassers.

A. Aufschläger.

Da beim Volke die folgenden Anwendungen bereits unter dem Namen "Aufschläger" eingebürgert und bekannt sind, so behalte ich die Benennung gerne bei, selbst auf die Gefahr hin, daß sie nicht ganz zutreffen sollte. Unter den Aufschlägern ist verwendet:


I. Der Oberaufschläger     Aufschläger     Inhalt

Ein größeres, grobes Linnenstück (Strohsackleinwand eignet sich sehr gut dazu) wird 3-4-6-8-10fach der Länge nach zusammengelegt so breit und so lang, daß es vom Halse an die Brust und den ganzen Unterleib bedeckt. Rechts und links am Körper soll es nicht wie abgeschnitten aufhören, sondern zu beiden Seiten durch ein kleines Stück herunterhängen. Das so zubereitete Tuch wird in kaltes Wasser eingetaucht (zur Winterszeit darf Warmwasser gebraucht werden), tüchtig, d. i. vollständig ausgewunden und dann in oben beschriebener Weise dem zu Bette liegenden Patienten aufgelegt. Darüber kommt eine Wolldecke oder ein 2—3fach zusammengelegtes Linnen, welches den Zweck hat, die nasse Auflage luftdicht abzuschließen, jeden Zutritt der Luft gründlich zu verhindern, darüber erst das Federbett. Um den Hals lege ich in der Regel noch ein ziemlich großes Tuch- oder Wollstück, um der von oben eindringenden Luft den Zugang zu wehren. Man sei mit dem Zudecken vorsichtig; denn leicht könnten sonst Erkältungen eintreten.

Der Aufschläger bleibt 3/4—1 Stunde liegen; muß nach Vorschrift die Anwendung, welche in diesem Falle durch Kälte wirken soll, fortgesetzt werden, so muß auch der indessen warm gewordene Aufschläger erneuert, d. i. von Neuem naß gemacht werden.

Sobald die vorgeschriebene Zeit verstrichen, entfernt man die nassen Tücher, kleidet sich an und macht Bewegung, oder man bleibt noch eine kleine Zeit im Bette liegen.

Die Anwendung des Oberaufschlagers wirkt speziell auf die Austreibung versessener Gase in Magen und Unterleib.

Diese, wie die folgenden Uebungen erfordern, daß der Körper warm sei.


2. Der Unteraufschläger     Aufschläger     Inhalt

Dem Oberaufschläger entspricht der Unteraufschläger, der, wenn beide Anwendungen successive, d.i. nacheinander geschehen, zuerst an die Reihe kommt. Dabei ist Folgendes zu bemerken:

Da auch der Unteraufschläger im Bette zu nehmen ist, legt man, um das Naßwerden der Matratze oder des Strohsackes zu verhüten, über das Leintuch ein anderes Linnenstück, darüber der Breite nach eine Wolldecke ("Kotze").

Dasselbe mehrfach (3—4fach) zusammengelegte, vorher durchnäßte und ausgewundene, rohe Linnenzeug wird der Länge nach so auf die Wolldecke ausgebreitet, daß es vom letzten Halswirbel an die ganze Wirbelsäule, den ganzen Rücken hinunterreicht. Darauf legt man sich mit dem Rücken, schlägt, um sich luftdicht abzuschließen, die ausgebreitete Wolldecke nach beiden Seiten ein und deckt sich mit Wolle und Federbett gut zu. Auch der Unteraufschläger soll 3/4 Stunden gebraucht und im Verlängerungsfalle erneuert, von Neuem eingetaucht werden, da er wie der Oberaufschläger mir durch Kälte wirken soll. Die Verhaltungsmaßregeln nach der Anwendung sind dieselben wie die oben angegebenen.

Zur Stärkung des Rückgrates, des Rückenmarkes, bei Rückenschmerzen, bei Hexenschuß ist der Unteraufschläger eine vorzügliche Anwendung. Beim Hexenschuß z.B. kenne ich viele 
Fälle, in denen zwei solcher Aufschläger, in einem Tage gebraucht, das Uebel gänzlich gehoben haben.

Auch bei Anstauungen von Blut, in der Fieberhitze wirkt der Unteraufschläger sehr gut.

In welchen einzelnen Fallen er zu gebrauchen, und wie oft er zu erneuern sei, das wird bei den einzelnen Krankheiten gesagt werden.


3. Ober- und Unteraufschläger zusammen genommen     Aufschläger     Inhalt

Wie nach einander, so können diese beiden Anwendungen auf einmal zur selben Zeit genommen werden.

Man bereitet den Unteraufschläger vor, wie Nr. 2 besagt, desgleichen den Oberaufschläger, den man neben das Bett legt. Ausgekleidet liegt man sodann auf den Unteraufschläger und applizirt sich den zur Seite parat (fertig) liegenden Oberaufschläger. Das Zudecken mit Wolldecke und Federbett geht leicht. Ist Jemand zur Stelle, so kann er Beides, Federbett und Wolldecke, zu beiden Seiten gut einschlagen, daß nirgends die frische Luft Zutritt hat. Wichtig ist bei dieser Doppelanwendung, daß die der Breite nach unter dem Unteraufschläger aufgeschlagene Wolldecke so groß ist, daß sie gleich einer Binde beide nassen Aufschläger einhüllen kann.

Die Dauer der Anwendung beträgt zum mindesten 3/4, zum höchsten eine Stunde.

Bei großer Hitze, dann wieder bei Gasen, bei Congestionen, bei Hypochondrie und anderen Leiden thut dieselbe vorzügliche Dienste.

Der Name "Batzerei" darf uns nicht aus der Fassung bringen. Wende sie ruhig an diese etwas mühsame Kur, sie wird dir manchen Batzen ersparen.


4. Auflage auf den Unterleib     Aufschläger     Inhalt

Der Patient liegt zu Bett.

Ein 4-6fach zusammengefaltetes Linnentuch wird in Wasser getaucht, ganz ausgewunden (so daß es nicht mehr trieft), auf den Unterleib (Magengegend und abwärts) gelegt und mit Wolldecke und Federbett sorgfältig zugedeckt. Die Anwendung kann 3/4—2 Stunden dauern. Bei einer Dauer von zwei Stunden indessen soll die Auflage nach der ersten Stunde erneuert, d.i. von neuem eingetaucht werden. Diese Auflage leistet gute Dienste bei Magenbeschwerden, bei Krämpfen, auch wenn es gilt, das Blut von der Brust und vom Herzen wegzuleiten.

Sehr oft wird zum Eintauchen und Netzen des Tuches statt des Wassers Essig verwendet, wohl auch, wie Solches im Besonderen im dritten Theile angegeben ist, ein Absud von Heublumen, Zinnkraut, Haberstroh (Haferstroh) u.s.w.

Um den Essig zu sparen, gebe ich die Essig-Auflagen in der Art, daß ich zuerst ein zweifach gefaltetes Linnen, in halb Wasser und halb Essig eingetaucht, auf den bloßen Leib lege und darüber dann ein 2—4fach gefaltetes, nur in Wasser getauchtes Tuch breite. Das Zudecken geschieht wie oben.


Exkurs zum Eisauflagen     Aufschläger     Inhalt

Sehr oft bin ich gefragt worden, welche Grundsätze ich befolge, bezüglich der Eis-Auflagen, des Aderlassens u.U. Dieselben mögen hier in Kürze ihre Stelle finden.

Wer mit gerunzelter Stirne einem Feinde zur Versöhnung die Hand bietet, wird schwerer zu Werke kommen, als wer ihm freundlichen Antlitzes und frohen Herzens die Hand reicht. Dieses Bild will mir nicht übel dünken da, wo es sich um die Anwendung von Eis oder um Wasser handelt. Von jeher habe ich die Eis-Auflagen, namentlich auf die edelsten Körperteile (Kopf, Augen, Ohren u.s.w.), zu den schroffsten und gewaltsamsten Mitteln gerechnet, welche überhaupt zur Anwendung kommen können. Sie gehen der Natur nicht helfend an die Hand, daß sie anfange, selbst wieder zu arbeiten; sie erzwingen gewaltsam etwas von ihr, und das muß sich rächen. Eistuch und Eisbeutel, und wie die Dinge heißen, sind in meiner Werkstätte unbekannte Größen und sollen es auch für alle Zukunft bleiben. Man stelle sich nur einmal die kolossalen Gegensätze vor: drinnen im Körper die Glühhitze, draußen der Eisberg, dazwischen das leidende Glied, das von beiden bearbeitete Organ von zartem Fleisch und Blut. Die Ergebnisse solcher Arbeit habe ich stets nur mit großem Bangen erwartet, und mein Bangen war in den meisten Fällen sehr gerechtfertigt.

Ich kenne einen Herrn, der ein ganzes Jahr hindurch bei Tag und bei Nacht auf einem Fuße Eis-Auflagen zu tragen hatte, ohne jede Unterbrechung. Fürwahr, da müßte ja geradezu ein Wunder geschehen, wenn diese Eisscholle nicht alle Hitze, aber auch die unentbehrliche Naturwärme davontragen sollte! Von Heilung des Fußes war keine Spur zu sehen.

Aber, entgegnet mir Jemand, in vielen Fallen hat's in der That geholfen. Mag sein, daß das Uebel den Zwangsmitteln nicht widerstehen konnte. Welches waren indessen die Folgen? Unzählige sind zu mir gekommen mit theilweisem Verluste des Gesichtes, mit größerer oder geringerer Taubheit, mit Rheumatismen der verschiedensten Art, besonders mit Kopfhaut-Rheumatismus und sonstiger großer Empfindsamkeit des Kopfes u.s.w. Woher das alles? "Ja, da und dort und dann," so lauten die Antworten, "hat Solches der leidige Eisbeutel gethan; dieses Uebel trage ich, nun schon seit so und so vielen Jahren." Gewiß, und die Meisten werden es tragen bis zum Ende ihrer Jahre.

Noch einmal sei es gesagt: ich spreche durchaus gegen jede Eis-Auflage und behaupte dagegen, daß das Wasser, richtig angewendet, jedwede, auch die stärkste Hitze, in welchem Theile oder Organe des Körpers dieselbe immer wüthe, zu dämmen und zu tilgen im Stande ist. Wenn eine Feuersbrunst nicht mehr durch Wasser gelöscht werden kann, dann kann sie auch nicht durch Eisschollen gelöscht werden. Das sieht ein Jeder sehr gut ein.

Ich sagte soeben: Hilfe wird bringen, wer das Wasser richtig anwendet. Darunter verstehe ich freilich nicht, daß man z.B. bei einer Entzündung am oder im Kopf, wie man sonst die Eisplatte, den Eisbeutel auflegt, nun möglichst viele nasse Kopfwickel, Auflagen u.s.w. gebrauchen müsse. 100 Eisplatten und Kopfwickel werden das Zuströmen des Blutes nach der entzündeten Stelle, wodurch die Hitze sich steigert, nicht aufhalten. Ich muß das Blut anders wegzuleiten, zu vertheilen suchen, mit anderen Worten: ich muß neben den Anwendungen auf die leidende Stelle auch solche auf den ganzen Körper machen. Diesen Feind im oder am Kopf z.B. werde ich zu allererst bei den Füßen des Patienten angreifen und allmählig dann gegen den ganzen Körper vorrücken.

Das Eis leistet im Uebrigen auch mir bei meiner Wasserkur durch indirekte Verwendung treffliche Dienste. Es kühlt zur Sommerszeit das Wasser, wenn es anfangen will, lau zu werden.


Exkurs zum Aderlaß     Aufschläger     Inhalt

Wie ich über das Aderlassen, die Blutegel und all die wie immer gearteten Blut-Entziehungen denke?

Noch vor 50, 40, 30 Jahren war selten eine Frau, die sich nicht 2, 3, 4 mal im Jahr zur Ader gelassen hätte; die Halbfeiertage und natürlich die günstigsten Zeichen waren gleich am Jahresanfänge im Kalender strenggläubig gewählt und roth oder blau angestrichen worden. Die Land- und anderen Aerzte, die Bader und Rasirer selbst nannten ihre eigene Arbeit in dieser Beziehung eine förmliche "Metzgerei". Auch Anstalten, Klöster hatten ihre Aderlaß-Zeit und die vor allem Anderen streng eingeführte Diät (Lebensweise) genau bezeichnet. Man wünschte sich Glück und gratulirte sich nach den überstandenen blutigen Strapazen. Diese mögen zuweilen nicht gering gewesen sein. Ein geistlicher Herr aus jener Zeit versicherte, 32 Jahre lang habe er sich zur Ader gelassen, in jedem Jahre 4 mal, und bei jedem Aderlaß 8 Unzen (1 Unze = 29, 6 Milliliter) Blut verloren. Thut in Summa 8 X 4 X 32 — 1024 Unzen Blut!

Neben dem Aderlaß gingen noch Blutegel, Schröpfköpfe u. A. um; es war gut gesorgt für Jung und Alt, für Hoch und Nieder, für Männer und Frauen.

Wie doch die Zeiten sich ändern! Dieses Treiben hielt man lange für das unum necessarium, das einzige und absolut Nothwendige des Gesundseins und Gesundbleibenwollens. Und wie denkt man heutzutage darüber? Man belächelt und bespöttelt diesen Irrwahn der Alten, diese Naturwissenschaftlichkeit, zu meinen, daß irgend ein Mensch zu viel Blut habe. Vor ungefähr zwei Jahren sagte mir ein literarisch thätiger Arzt des Auslandes, der einer neueren Schulrichtung folgt, er habe in seinem Leben noch nie Blutegel gesehen. Viele Aerzte schreiben die Blutarmuth unserer Zeit dem früheren Uebelstand und Mißbrauch des Aderlassens zu. Sie mögen Recht haben, nur ist dieses nicht die einzige Ursache.

Doch zur Sache! Meine Ueberzeugung ist folgende: Beim menschlichen Körper stimmt Alles so wunderbar zusammen, der Theil zum Theil und jeder Theil zum Ganzen, daß man nicht ansteht, das Gebilde des Körpers ein einziges Kunstwerk zu nennen, dessen Idee nur in Gottes Schöpfergeist ruhen konnte, und dessen Inswerksetzung nur durch Gottes Schöpferkraft möglich war. Dieselbe Ordnung, dasselbe Maß, dieselbe Harmonie besteht zwischen Einnahme und Verbrauch der zum Unterhalte, zur Erhaltung des Körpers nothwendigen Stoffe, wenn anders der vernünftige und freie Mensch durch rechten Gebrauch des ihm Gegebenen nach Gottes Willen mitarbeitet und nicht durch Mißbrauch desselben die Ordnung verkehrt und Mißklänge in die Harmonie bringt. Da der Sachverhalt ein derartiger ist, so kann ich mir nicht denken, wie die Blutbildung allein, dieser wichtigste aller Prozesse im menschlichen Körper, ohne Ordnung, ohne Zahl und Maß, ungeordnet und übermäßig vor sich gehen solle.

Jedes Kind, so denke ich mir die Sache, bekommt von seiner Mutter mit dem Leben als Erbtheil gleich bei der Geburt ein Quantum, eine Portion Blutbildungsstoff mit, mag man letzteren nennen, wie man will, gleichsam die Essenz, ohne welche kein Blut fabrizirt, bereitet werden kann. Geht diese Essenz aus, so hört auch die Blutbildung, mit ihr das eigentliche Leben auf. Absterben, hinsiechen nenne ich nicht mehr "leben". Durch einen jeden Blutverlust nun, geschehe es durch Fall, Sturz oder durch Aderlaß, Blutegel, Schröpfköpfe, geht ein Theilchen oder Theil dieses Blutbildungsstoffes, dieser Lebensessenz verloren; um so viel hat der Mensch weniger, kürzer zu leben. Jede Blutentziehung bedeutet soviel als Verkürzung des Lebens; denn im Blute ist das Leben.

Man wendet ein: Nichts geht rascher als Blutbildung; Blut verlieren, Blut gewinnen, ist fast ein und dasselbe.

Unglaublich wunderbar schnell geht die Blutbildung vor sich, das gestehe ich vollkommen zu. Aber man entschuldige folgendes Erfahrungsargument (Beispiel); es wird meine Leser aus dem Bauernstand interessieren und sie werden es bestätigen müssen. Wer ein Stück Vieh schnell fett machen will, zapft ihm einen großen Theil Blutes ab, läßt ihm zur Ader und füttert es dann recht gut. In ganz kurzer Zeit wird neues, schönes Blut in Menge fließen. Dabei gedeiht das Stück außerordentlich und nimmt zu an Fettigkeit. Nach 3—4 Wochen läßt man nochmals Blut ab und füttert wieder kräftig und gut, gibt auch viele und kräftige Tränke. Das Gedeihen ist prächtig, und selbst ein altes Stück Vieh wird beim Schlachten so viel und so schönes Blut zeigen wie ein junges. Sehen wir uns indessen das Blut näher an! Das künstlich gebildete Blut ist nur mehr wässeriges, fades, lebensunfähiges Blut. Das Stück Vieh hat keine Kraft, keine Leistungsfähigkeit, keine Ausdauer mehr, und wird es nicht bald geschlachtet, so wird sich binnen Kurzem die Wassersucht ansetzen.

Sollte es bei dem Menschen anders sein? Wer schon mehr als 60 Jahre zählt und ein bischen Erfahrung und Einsicht hat in's Menschenleben, weiß, wie gerade der unmäßige Aderlaß der Voreltern Einfluß hatte auf Fähigkeiten, Talente, Lebensdauer der Nachkommen. Der im Beginne dieser Abhandlung angeführte Herr, der so viele Unzen Blutes lassen mußte, starb in den schönsten Mannesjahren an der Wassersucht. Und wenn eine Frau, es sind dieses Thatsachen, 300 mal, eine andere 400 mal sich zur Ader ließ und dabei namenlos schwach und krank wurde, mußte da die folgende Generation nicht schwächlich und gebrechlich, zu Krämpfen und anderen Leiden veranlagt sein?

Ich gestehe gerne zu, daß es Fälle geben kann, welche aber stets zu den Ausnahmen gehören, in denen, da andere rasch wirkende Mittel nicht zur Hand sind, der Aderlaß eine augenblickliche Gefahr beseitigt.

Sonst aber frage ich jeden vernünftigen Unparteiischen: Was ist besser, sich Stück für Stück vom Lebensfaden abzwacken zu lassen, oder durch richtige Wasseranwendung das Blut so zu vertheilen, daß selbst der Vollblütigste kein zu großes Quantum Blut besitzt? — Wie und durch welche Anwendungen diese Vertheilung zu geschehen habe, ist an passender Slelle des öfteren erörtert.

Gewöhnlich bekommt man zu hören, daß bei drohenden Schlaganfällen der Aderlaß das einzige Rettungsmittel sei.

Da erinnere ich mich soeben eines Falles, wo nach einem stattgehabten Schlagflusse der erste Arzt in der That schnell zur Ader ließ, der zweite Arzt aber bestimmt erklärte, der Kranke müsse gerade in Folge dieses Aderlasses sterben, was auch geschah. Nicht Blutreichthum und Blutüberfluß führen, wie irrtümlicherweise die Leute meinen, in der Regel einen Schlag herbei, sondern Blutarmuth. "Er ist am Schlage verschieden" heißt gewöhnlich so viel als: mit dem Ausgehen des Blutes ist ihm auch das Leben ausgegangen. Das Oel hat aufgehört zu fließen und zu befruchten; deßhalb ist der glimmende Docht völlig erloschen.

Welch nützliche Dienste gerade nach Schlaganfällen das Wasser leistet, lese man im dritten Theile nach. Ich bemerke hier nur noch, daß gerade mein Vorgänger im pfarrlichen Amte dreimal vom Schlage gerührt und nach dem dritten male vom Arzt als lebensunfähig erklärt wurde. Das Wasser hat ihn nicht nur im Augenblicke gerettet, sondern noch mehrere Jahre seiner Gemeinde erhalten.


Fußbäder     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Kaltes Fußbad
Warmes Fußbad


Einleitung/ das kalte Fußbad

B. Bäder.

I. Fußbäder.

Die Fußbäder können kalt und warm zur Anwendung kommen.

1. Das kalte Fußbad     Fußbäder     Inhalt


Das kalte Fußbad besteht darin, daß man 1—3 Minuten bis an oder über die Waden in kaltem Wasser steht.

Bei Krankheiten dienen kalte Fußbäder vornehmlich dazu, das Blut von Kopf und Brust abwärts zu leiten; sie kommen indessen meist nur in Verbindung mit anderen Anwendungen vor, zuweilen in Fällen, in denen Ganz- oder Halbbäder von den Patienten verschiedener Ursachen wegen nicht ertragen werden.

Bei Gesunden bezwecken sie Auffrischung (Entziehung der Mattigkeit) und Kräftigung und sind Landleuten insbesondere zur Sommerszeit anzurathen, wenn nach anstrengenden, sehr ermüdenden Tagen Nachts der Schlaf sich nicht einstellen will. Sie ziehen die Müdigkeit aus, bringen Ruhe und guten Schlaf.


2. Das warme Fußbad     Fußbäder     Inhalt

kann auf verschiedene Weise genommen werden.

a) In warmes Wasser von 25 - 26° R. (31 - 32° C.) bringt man eine Hand voll Salz und die doppelte Quantität Holzasche. Nach gehörigst Mischung benützt man das Fußbad ungefähr 12 — 15 Minuten.

Zuweilen gebe ich — es muß Solches stets besonders verordnet werden — so ein Fußbad mit einer Temperatur bis zu 30 R, (37 C.) jedoch stets mit darauffolgendem kalten Fußbad von der Dauer einer halben Minute.

Die Fußbäder dienen vortrefflich überall da, wo wegen Kränklichkeit, Gebrechlichkeit, mangelnder Körperwärme u.s.w. strenge und kalte Mittel nicht leicht gebraucht werden können, da zu geringe oder gar keine Reaktion stattfindet, d.h. das kalte Wasser wegen Blutmangels zu wenig Wärme entwickelt.

Es sind die eigentlichen Fußbäder für schwächliche, blutarme, nervöse, sehr junge und sehr alte, vorherrschend für Frauens-Personen und erweisen sich sehr wirksam bei allen Störungen im Blutumlaufe, bei Congestionen (Blutstau), Kopf- und Halsleiden, Krämpfen u.s.w.

Sie leiten, ziehen das Blut nach den Füßen und wirken beruhigend.

Solchen, die an Fußschweiß leiden, empfehle ich dieselben nicht.

Bei unserm Landvolke sind diese warmen Fußbäder allbekannt und deren Wirkungen, wie der häufige Gebrauch zeigt, allgemein anerkannt.

b) Ein heilkräftiges Fußbad ist das Heublumenfußbad.

Man übergießt ("schwellt an") eine kleine Schürze (8 — 5 Hand voll) Heublumen mit strudelndem Wasser, deckt das Gefäß zu und läßt die ganze Mischung bis zu der angenehmen Fußbadwärme von 25 - 26° R. (31 - 32° C.) erkalten.

Es ist ganz gleichgültig, ob die Heublumen selbst im Fußbade verbleiben, oder ob nach Entfernung derselben der Absud allein zur Verwendung komme. Gewöhnliche Leute lassen der Einfachheit und Zeitersparnis; wegen in der Regel Alles beisammen.

Diese Fußbäder wirken auflösend, ausleitend und stärkend und dienen sehr gut bei kranken Füßen, des Weiteren bei Fußschweißen, bei offenen Schäden, bei Quetschungen aller Art (ob durch Schlag, Stoß, Ausfallen u.s.w. entstanden, ob blutend oder blutunterlaufen), bei Geschwülsten, bei der Fußgicht, bei Verknorpelungen an und bei Fäulniß zwischen den Zehen, bei Nagelgeschwüren, bei Verletzungen durch zu enge Schuhe u.s.w. Im Allgemeinen kann gesagt werden: diese Fußbäder dienen all jenen Füßen vortrefflich, deren Säfte mehr krankhaft und zur Fäulniß neigend als frisch und gesund sind.

Ein Herr litt entsetzlich an der Fußgicht. Er schrie vor Schmerzen. Ein solches Fußbad mit Fußwickel, der in den Absud getaucht war, benahm nach einer Stunde die gräßlichen Schmerzen.

c) An das Heublumenfußbad schließt sich enge an das

Haberstrohfußbad (Haferstrohfußbad) - (wer kein Haberstroh zur Hand hat, nehme Zinnkraut oder saures Pferdeheu)

In einem Kessel werde Haberstroh (Haferstroh) eine halbe Stunde lang gesotten und der Absud zu einem Fußbade von 25 - 26° R. (31 - 32° C.) verwendet, in dem man 20—30 Minuten aushält.

Nach meinen Erfahrungen sind diese Fußbäder unübertroffen, wenn es sich um Auflösung aller möglichen Verhärtungen an den Füßen handelt. Sie dienen somit bei Verknorpelungen, Knoten u.s.w., den Folgen von Gicht, Gliedersucht, Podagia, bei Hühneraugen, bei eingewachsenen faulenden Nägeln, bei durch Gehen entstandenen Hitzblattern. Selbst offene, eiternde Füße und durch zu scharfen Fußschweiß verwundete Zehen können in diesem Fußbade behandelt werden.

Ein Herr schnitt sich das Hühnerauge aus. Die Zehen entzündeten sich; ein bösartiges Geschwür ließ an Blutvergiftung denken. Täglich drei Haberstrohfußbäder und bis über die Fußknöchel reichende Fußwickel, in solchen Absud getaucht, heilten den Fuß innerhalb vier Tagen.

Einem Kranken drohten sämmtliche Zehen eines Fußes wegzufaulen. Geschwülste, dunkelblau gefärbt, legten wiederum die Versorgniß vor Blutzersetzung nahe. Die Fußbäder und Fußwickel halfen in kurzer Zeit wieder auf die Beine.


In manchen Fällen verordne ich bei den genannten Fußbädern (man lese die einschlägige Stelle bei: Warme Vollbäder) wie bei den warmen Vollbädern den dreimaligen Wechsel. Den Abschluß bildet auch hier wie dort das Kalte. Eine stete Ausnahme bildet jedoch das oben unter a erwähnte 25 bis 26° R. warme Fußbad mit Beigabe von Asche und Salz. Dasselbe hat den Zweck, das Blut in verstärkter Weise von oben nach unten zu ziehen und daselbst zu vertheilen. Wer auf dieses warme Fußbad also noch ein kaltes folgen ließe als Abschluß, der würde das stark nach den Füßen geleitete Blut abermals von unten nach oben zurückschrecken, und es würde dasselbe keineswegs mehr in so ausgiebiger Menge in die Füße hinabfließen, in der es durch das warme Wasser mit Asche und Salz hinabgezogen wurde. Die erste, gewollte Wirkung würde auf diese Art wenigstens theilweise aufgehoben und der Zweck vereitelt. Auf das warme Fußbad mit Beigabe von Asche und Salz folgt also nie ein kaltes.

d) An eine besondere Art von Fußbädern, die mehr fester als tropfbar flüssiger Natur sind, möchte ich hier nur erinnern. Wer in die Möglichkeit ihres Gebrauches gesetzt ist, verschmähe dieselben nicht! Ich habe sie oft, sehr oft mit großem Erfolge angewendet.

Man lege in ein Gefäß (Fußkübel) den noch warmen Malztreber (Malztreber = Malzfuttermehl entsteht beim Schroten der gemälzten Gerste beim Bierbrauen). Die Füße bohren sich leicht ein und fühlen sich in der wohlthuenden Wärme bald heimisch. Das Bad kann 15 bis 30 Minuten währen. — Noch stärker wirken die Trebern der Weintrauben. Das sogenannte "Trebernhocken" ist in den Weingegenden beim Volke bekannt und das Trebernbad von den Landleuten als sehr günstig wirkend erprobt.

Wer an Rheumatismus, Gicht oder ähnlichen Uebeln leidet, wird die Heilwirkung am besten spüren.

Eine Bemerkung, welche für sämmtliche Fußbäder gilt, ist folgende: Bei Personen, die mit Krampfadern behaftet sind, sollen die Fußbäder nie weiter als bis zu den beginnenden Waden reichen und die Temperatur von 25° R. (31° C.) nicht übersteigen.

Fußbäder mit einfachem warmem Wasser, ohne jede Beimischung, nehme und verordne ich nie.


II. Halbbäder     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Im Allgemeinen verstehe ich unter Halbbildern jene Bäder, welche den Körper im höchsten Falle bis zur Mitte des Unterleibes, ungefähr bis zur Magengegend herauf bespülen, aber sehr oft unter diesem höchsten Wasserstande bleiben. Ich mußte ein Mittelding haben zwischen den Vollbädern, die mir zu viel, und zwischen den Fußbädern, die mir zu wenig bieten. Für dieses Mittelding wählte ich mit Verlaub den Namen Halbbäder.

Die Anwendung kommt in dreifacher Art vor:

1. in's Wasser stehen, so daß dieses reicht bis über die Waden oder über die Kniee;

2. in's Wasser knieen, so daß die ganzen Schenkel mit in's Wasser kommen;

3. in's Wasser sitzen. Die dritte Art nur verdient mit Recht den Namen des eigentlichen Halbbades; es reicht bis zur Mitte des Unterleibes, bis in die Nabelgegend.

Alle drei Anwendungen, die stets nur in kaltem Wasser vorgenommen werden, zählen in erster Linie mit zu den Abhärtungs Mitteln. Sie betreffen demnach Gesunde, die noch stärker, Schwächlinge, die stark, Rekonvalescenten, die vollends gesund und stark werden wollen. In Krankheitsfällen muß ihr Gebrauch speziell und ausdrücklich vorgeschrieben sein, sonst soll man damit keine Versuche anstellen; sie könnten unter Umständen nicht gut ausfallen.

Bei jeder Art des Verwendens, sie betreffen Gesunde oder Kranke, ist die Anwendung stets eine der 3 Heilanwendungen (stehen, knieen, sitzen), und darf die Gebrauchszeit 1/2—3 Minuten nie übersteigen.

Die Nummern 1 und 2, in's Wasser stehen und in's Wasser knieen, habe ich bei solchen Personen, die an Kraft durch die verschiedensten Ursachen gänzlich heruntergekommen waren, beim Beginne der Wasserkur stets mit großem Erfolge angewendet. Ich will diese Ursachen nicht nennen, sondern nur andeuten, daß es Viele gibt, welche den Druck des Wassers bei Vollbädern Anfangs ohne die unangenehmsten Folgen nicht ertragen können. Man gehe über diesen Punkt nicht mit vornehmem Naserümpfen oder mit Lachen hinweg. Ich wäre gern bereit, nicht einige, nein, hunderte von schlagenden, lebendigen Beispielen aus den verschiedensten Klassen und Ständen anzuführen. Gerade solche (wegen zu großer Schwäche und Armseligkeit) Kranke haben mich auf diese zwei Anwendungen gebracht; ihr Zustand erforderte diese diskrete, maß- und rücksichtsvollste Wasserbehandlung — manchmal durch lange Wochen hindurch, solange, bis sie mehr gekräftigt auch mehr aushalten konnten.

Als zweite abhärtende Uebung wird mit beiden Nummern gewöhnlich verbunden das Eintauchen der Arme bis zu den Achseln (s. Abhärtungsmittel S. 29). Neben Stählung der Natur verordne ich diese eine ganze (aus zwei Theilanwendungen bestehende) Anwendung speziell gegen kalte Füße.

Die Nummer 3, das eigentliche Halbbad, ist wohl zu beachten; ich empfehle dieses allen Gesunden auf das Eindringlichste. Die Unterleibsschwächen und Unterleibskrankheiten — und deren Zahl ist Legion, deren Ursache im Grunde nur eine: Mangel an Abhärtung, Verweichlichung — werden durch sie im Keime erstickt, die schon seßhaften beseitigt. Diese Halbbäder kräftigen den Unterleib, erhalten und mehren die Kraft. Tausende und Tausende von Menschen tragen eine, zwei, mehr Leibbinden und Anderes. Machen die es besser? Oft schlimmer; sie binden die Verweichlichung, das Gebrechen erst recht so zu sagen in den armen Leib hinein. Man probire einmal, langsam, aber entschieden, unser Halbbad: Die Klagen über Hämorrhoiden, Windkolik, Hypochondrie, Hysterie u.s.w. werden sich in Bälde bedeutend mindern. Uebel, die jetzt im kranken und geschwächten Unterleib ihr geistverrückendes Spiel treiben.

Gesunden gebe ich den Rath, sie sollen Morgens beim Aufstehen den Oberkörper waschen, Nachmittags oder Abends sodann unser Halbbad nehmen. Haben sie zur Waschung in der Frühe keine Zeit, so mögen sie im Halbbade selbst die Waschung des Oberkörpers (der Brust und des Rückens) vornehmen.

Ueber den Gebrauch der einen oder anderen unserer drei Anwendungen in Krankheitsfällen mögen Beispiele ein Wort sagen.

Ein junger Mann wurde durch den Typhus derart geschwächt, daß er zu jeder Arbeit unfähig war. Längere Zeit hindurch kniete er jeden 2. oder 3. Tag 1, später 2—3 Minuten, in's Wasser.

Er erholte sich von Woche zu Woche mehr und wurde kräftig wie früher.

Jemand leidet an heftigen Congestionen, die vom Unterleibe (es kommt dieses häufig vor) ausgehen. Er wäscht den einen Tag den Oberkörper kräftig ab, den andern Tag kniet er in's Wasser. So setzt er es eine geraume Zeit fort und wird frei.

Magenleiden, die von Blähungen, verhaltenen oder versessenen Winden herrühren, werden ebenso geheilt.

Das Austreiben solcher Gase, die nach Krankheiten zu den belustigendsten Nebeln gehören können, ist ein Spezifikum, d.i. eine ganz besondere Wirkung unseres Halbbades.


III. Sitzbäder/ kaltes Sitzbad     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Die Sitzbäder kommen kalt und warm zur Verwendung.

1. Das kalte Sitzbad wird in folgender Weise genommen.


Sitzwanne01

 Fig. 2: Sitzbadewanne zu Anwendung des kalten Sitz-Bades

Die eigens für die Sitzbäder gefertigte Sitzbadewanne (Fig. 2) oder in deren Ermangelung das weite, nicht tiefwandige Gefäß aus Holz, Blech oder Zink (Fig. 3) wird zum vierten oder fünften Theile etwa mit Kaltwasser angefüllt. In diese Wanne setzt man sich ausgekleidet wie auf einen Stuhl derart, daß der halbe Unterleib bis in die Nierengegend und die obere Hälfte der Schenkel in das Wasser kommen. Die andere Schenkelhälfte gegen die Kniee zu und die Fuße kommen außer Wasser zu stehen, (Fig. 4). Wer schon einige Praxis hat, braucht sich nicht ganz auszukleiden. Die Dauer eines Bades beträgt eine halbe bis drei Minuten.


Ersatzwanne

Fig. 3: Ersatz-Badewanne zu Anwendung des Sitzbades

Diese kalten Sitzbäder gehören nächst den Halbbädern zu den bedeutsamsten und wirksamsten Anwendungen speziell für den Unterleib. Sie sind Luft (Gas) ausleitend, die schwache Verdauung und den Stuhlgang befördernd, den Blutumlauf regelnd, stärkend und deßhalb bei Bleichsucht, Blutfluß und ähnlichen Zuständen, bei Unterleibsgebrechen der delikatesten Art nicht genug zu empfehlen. Niemand braucht die naßkalte, nur 1—2 Minuten dauernde Anwendung zu fürchten. Gut und nach Vorschrift ausgeführt, kann dieselbe niemals schaden.


Sitzwanne02

Fig. 4: Anwendung der Badewanne für das Sitzbad

Um Erkältungen vorzubeugen, um gefeit, gekräftigt, unempfindlich zu werden gegen den häufig so arg mitspielenden Temperaturwechsel, nehme man öfters solche Sitzbäder, am besten Nachts vom Bette aus. Man erwacht zu irgend einer Stunde, steigt schnell in's Sitzbad (das Auskleiden bleibt erspart) und sofort, ohne abzutrocknen, wieder in's Bett. Vor oftmaligem Gebrauche hintereinander möchte ich jedoch warnen, weil dadurch das Blut zu fehl in die Sitztheile geleitet wird und so Hämorrhoiden großgezogen werden; 2—3 mal in der Woche geht an.

Wem der gesunde, ruhige Schlaf fehlt, schon beim Beginn der Nachtruhe, wer Nachts aufwacht und nicht wieder einschlafen kann, wer überhaupt an Schlaflosigkeit leidet, benutze fleißig das kalte Sitzbad. Die Sitzungen während je 1—2 Minuten benehmen die Aufregung und verschaffen angenehme Ruhe.

Ein Patient vermochte geraume Zeit hindurch selten länger als 1—2 Stunden zu schlafen und wälzte sich, alle möglichen Gedanken aufgreifend, in immer tiefere Aufregung hinein. Diese Bäder brachten ihm die heißersehnte Rast.

Wer in der Frühe mit eingenommenem Kopfe, wer matter aufsteht, als er zur Ruhe ging: Beiden rathe ich dringend diese Anwendung.

Auch allen Gesunden sei dieselbe hiermit nochmals auf's wärmste empfohlen.


Vollbäder     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Kalte Vollbäder
Für Gesunde
Für Kranke
Warme Vollbäder
Für Gesunde
Für Kranke
Heublumenbad
Haberstrohbad (Haferstrohbad)
Fichtenreiserbad
Gemischtes Bad
Mineralbad


IV. Vollbäder oder Ganzbäder. Kalt

Auch diese Bäder werden unterschieden in kalte und warme Vollbäder. Jede Art dient sowohl den Gesunden als den Kranken.

1. Das kalte Vollbad     Vollbäder     Inhalt
kann auf zweifache Weise genommen werden: entweder steht oder liegt man mit dem ganzen Körper in das kalte Wasser, in die Badewanne; oder man geht, um den fühlbaren Druck des Wassers auf die Lunge zu vermeiden (obgleich nie eine Gefahr besteht), nur bis unter die Arme in's Wasser, so daß die Lungenspitzen frei bleiben, und wäscht den Oberkörper mit der Hand oder einem rauhen Linnen (Handtuche) rasch ab.

Die kürzeste Dauer eines solchen kalten Vollbades ist eine halbe Minute, die längste, welche nicht überschritten werden soll, drei Minuten.

Auf diese meine Sonderanschauung werde ich im Folgenden noch einige male zurückkommen müssen. Hier stehe nur die Bemerkung, daß ich vor ungefähr 20 Jahren selbst noch anderer Meinung war, Bäder von längerer Dauer anrieth und im Glauben lebte, die Wasserheilanstalten könnten von der besten Methode nicht weit abirren.

Die langjährige Erfahrung und die tägliche Praxis an mir und an Anderen haben mich seit langer Zeit, wie ich glaube, eines Besseren belehrt. Diese Lehrmeisterinen brachten mich zu der festen Ueberzeugung, daß bei Kaltwasserbädern der Grundsatz der richtige und wahre ist:

Je kürzer das Bad, desto besser die Wirkung. Wer eine Minute im kalten Vollbade bleibt, handelt klüger und sicherer als Derjenige, welcher fünf Minuten darinnen bleibt.

Mögen Gesunde oder Kranke dieses Bad gebrauchen, ich verwerfe ein jedes, das über drei Minuten dauert.

Diese Ueberzeugung, die unzählige Thatsachen gebracht und seitdem bestätigt haben, macht es erklärlich, daß, ich über die schroffen Anwendungen in Wasserheilanstalten, auch über das vielfach unüberlegte Baden zur Sommerszeit meine eigenen Anschauungen habe.

Was den letzten Punkt angeht, so gibt es Leute, welche einmal, ja zweimal im Tage je eine halbe Stunde und darüber im Wasser bleiben. Bei tüchtigen Schwimmern, die starke Bewegung machen und nach dem Baden gute, kräftige Nahrung zu sich nehmen können, sage ich weniger. Die kräftige Natur wird schnell ersetzen, was das Bad ihr genommen. Den Landratten aber, die ohne rechte Bewegung wie mühsam gehende Schildkröten eine halbe Stunde im Wasser herumkriechen, nützt so ein Badmartyrium nicht nur nichts (die Reinigung der Hautwäsche hätten sie billiger haben können), es schadet, und wenn es öfters, gar zu oft wiederkehrt, schadet es viel: derlei Bäder machen schlaff, müde. Statt daß sie der Natur, dem Organismus nützen, ziehen sie ihn aus; statt daß sie kräftigen und nähren, zehren sie.


a) Das kalte Vollbad für Gesunde     Vollbäder     Inhalt

Oefters kamen mir von bekannter und unbekannter Seite Warnungen zu des Inhaltes, ich möchte doch bedenken, daß die Anwendung des kalten Wassers gleichbedeutend sei mit Wärmeentziehung, daß Wärme-Entziehung blutarmen Personen sehr schade und die Nervenreizbarkeit in hohem Grade steigere.

Ich unterschreibe jedes Wort, wenn es sich um allzu schroffe Anwendungen der oben beschriebenen Art handelt; meine Anwendungen aber, an dieser Stelle die kalten Vollbäder, empfehle ich vorerst allen Gesunden zu jeder Jahreszeit, im Sommer und Winter, und behaupte, daß gerade diese Bäder zur Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit wesentlich beitragen; sie reinigen die Haut, befördern die Hautthätigkeit, erfrischen, beleben und starken den ganzen Organismus. Im Winter sollen die Bäder in der Woche die Zahl zwei nicht leicht überschreiten; eines genügt alle acht, unter Umständen alle vierzehn Tage.

Noch zwei Punkte seien hier berührt.

Eine wichtige Rolle im Gesundbleiben spielt das Abgehärtetsein gegen die verschiedenen Einflüsse, den Wechsel der Temperatur (Witterung, Jahreszeiten). Unglücklich der Mensch, dem jeder Windhauch, jedes Lüftchen die Lunge, den Hals, den Kopf verdreht, der das ganze Jahr aufmerken muß, wie heut und morgen die Windfahne gerichtet ist. Dem Baum in der freien Natur kann es gleichgültig sein, ob Sturm, ob Windstille, ob Hitze, ob Kälte herrscht. Er trotzt Wind und Wetter, er ist abgehärtet. Der Gesunde probire unser Bad, er wird dem starken Baume gleichen.

Ein Grund der Angst und Vesorgniß vor den Kaltwasser-Anwendungen ist Vielen sehr schwer zu benehmen; ich möchte denselben bezeichnen als die fixe Idee von der Wärme-Entziehung. Die Kälte schwächt und muß schwächen, sagen sie, wenn nicht auf deren Anwendung alsbald das Gefühl von Wärme folgt. Ganz gewiß, ich stimme bei. Aber ich behaupte entgegen, daß, abgesehen von der vielen Bewegung, die nach unsern Grundsätzen mit jeder Anwendung von kaltem Wasser strenge und vorschriftsmäßig verbunden ist, unsere Kaltwasserbäder der Natur die Wärme nicht rauben, vielmehr dieselbe erhalten und pflegen. Statt Allem die Frage: Wenn ein geschwächter, durch fortwährendes Stubensitzen verweichlichter Mensch, welcher zur Winterszeit nur im äußersten Nothfälle noch einen Ausgang wagen darf, durch die Bäder oder durch die Waschungen auf einmal so abgehärtet ist, daß er ohne Furcht bei jeder Witterung ausgeht, die empfindsame Kälte selbst kaum mehr empfindlich spürt, muß bei einem solchen die Naturwärme nicht gewonnen haben? Sollte dieses alles Schein und Trug sein?

Ein Beispiel von vielen möge doch hier Platz finden!

Ein hoher Herr, über 60 Jahre alt, war wasserscheu auf's äußerste. Seine größte Sorge bei Ausgängen bestand darin, ja nicht eines der unentbehrlichen Wollstücke zu vergessen; alle möglichen und unmöglichen Erkältungen u.s.w. könnten ja die Folge solch' unverzeihlicher Vergeßlichkeit sein. Der Hals des Herrn war vor allen andern Kopf-, Rumpf- und Gliedertheilen so empfindlich, daß er ihn kaum mehr entsprechend zu pflegen, zu umhüllen wußte. Da kam der "Barbar" dahinter. Mit einer gewissen Schadenfreude verordnete er unsere kalten Vollbäder. Der Herr gehorchte. Und die Folgen? Dieselben waren außerordentlich günstige. Nach wenigen Tagen schon vollzog sich die erste Häutung; dem ersten Woll- und Flanellhemd folgte bald das zweite, und die Wollseile des Halses gingen bald denselben Weg. Jeden Tag, an dem er kein Vollbad nehmen konnte, hielt er für keinen geordneten Tag; so sehr stählte es fühlbar gegen Klima und Witterung. Und er nahm die Bäder nicht bloß im erwärmten Zimmer, er nahm dieselben im Oktober noch beim täglichen Spaziergange in einem Flusse, dessen kalte Wasser ihm willkommener waren als das Wasser der zu Hause stehenden Badewanne.

Die Hauptfragen, die wir zu beantworten haben, sind folgende:

In welchem Zustande, in welcher Disposition (Beschaffenheit) muß der gesunde Körper sein, daß er solche kalte Vollbäder mit gutem Erfolge gebraucht? Ferner:

Wie lange darf ein Gesunder im Bade bleiben? Endlich:

Zu welcher Jahreszeit beginnt man am leichtesten diese Abhärtungskur?

Die gute Disposition für die kalten Vollbäder erfordert wesentlich, daß der ganze Körper vollkommen warm sei.

Wer somit durch den Aufenthalt im warmen Zimmer, wer durch Arbeiten oder durch Gehen vollständig durchwärmt ist, befindet sich in der richtigen Verfassung.

Wem kalt ist, wer an kalten Füßen leidet, wen fröstelt, der soll bei solchem Kältezustände nie ein kaltes Vollbad nehmen, er habe sich denn zuvor durch Gehen u.s.w. gehörig erwärmt.

Umgekehrt: wer schwitzt, wer erhitzt (ich rede von gesunden Menschen), im größten Schweiße wie gebadet ist, nehme ruhig unser Vollbad.*

Kaum wird irgend etwas selbst von ruhigen, besonnenen, einsichtsvollen Männern so sehr gefürchtet, als in der Hitze, im Schweiße sich in's kalte Wasser zu begeben. Und doch, nichts ist schuldloser. Ja, ich stelle kühn die wohlüberlegte und langjährig erprobte Behauptung auf: Je ärger der Schweiß, um so besser, um so wirksamer das Bad.

Bei Unzähligen, die früher geglaubt hatten, es müsse sie bei solcher "Roßkur" sofort der Schlag treffen, war nach einem einzigen Versuche, nach der ersten Probe alle Furcht, alle Angst, alles Vorurtheil geschwunden. **

Wer hat denn je, wenn er schwitzend nach Hause kommt, wenn ihm der salzige Saft über's Gesicht rinnt und die Finger wie mit Klebstoff zusammengeleimt erscheinen, Bedenken und Furcht, Hände und Gesicht zu waschen, wohl auch noch Brust und Füße? Das thut ein Jeder; denn es macht behaglich und wohl. Muß die Wirkung für den ganzen Körper — das ist die nothwendige Folgerung — nicht dieselbe sein? Sollte eine Sache, die einzelnen Theilen vortrefflich zu statten kommt, für dieselben eine Wohlthat ist, für das Ganze ein Nachtheil, ein Verderben sein?

Ich glaube, die Angst vor der schädlichen Wirkung der kalten Bäder für Schwitzende rührt meistens her von der Wahrnehmung, daß Personen, die, von Schweiß triefend, plötzlich an die Kälte kommen oder der frischen Luft, besonders der Zugluft sich aussetzen, sich manchmal schon für ihr ganzes Leben gründlich verdorben haben. Das ist ganz wahr.

Ich gebe noch mehr zu, daß sich nämlich auch schon manche Schwitzende im kalten Nasser die Keime zu schweren Leiden holten. Was trägt die Schuld: der Schweiß oder das Kaltbad? Keines von beiden! Wie bei Allem im Leben, so kommt es auch hier in erster Linie nicht auf das Was, sondern auf das Wie an, in unserm Falle, wie die Menschen im Schweiße das kalte Wasser gebrauchen. Mit dem einfachen Taschen- und Brodmesser kann ein Rasende namenloses Unheil anrichten. Unvernünftige Anwendung kann das höchste Gut in das größte Uebel verkehren. Merkwürdig bleibt nur, daß man dann stets das Gut und nicht die zu verurtheilenden Mißbräuche desselben verdammt.

Auf das Wie des Gebrauches also kommt es an. Wer in diesem Stücke seinem Kopfe nachgeht, der mag auch die Folgen, an denen er leichtfertiger Weise selbst die Schuld hat, allein tragen.

Damit stehen wir bei der Beantwortung der zweiten Frage: wie lange darf ein Gesunder im kalten Vollbade bleiben?

Ein Herr, dem ich wöchentlich zwei solcher Bäder verordnet hatte, kam nach 14 Tagen zu mir und jammerte, daß sein Zustand sich bedeutend verschlimmert habe, er sei wie ein Eisklumpen. Das Aussehen war sehr leidend, und ich begriff nicht, daß das Wasser mich auf einmal so im Stich gelassen. Auf meine Frage, ob er die Anwendung genau nach Weisung gemacht, antwortete der Herr: "Auf's genaueste; ich habe noch mehr gethan, als Sie befohlen haben; statt einer Minute bin ich fünf Minuten im Wasser geblieben, dann aber kaum mehr oder nicht mehr warm geworden." Er machte es die folgenden Wochen richtig und hatte in Bälde die frühere Naturwärme und Frische.

Dieser eine Fall illustrirt (bildet ab) alle Fälle, in denen das Wasser geschadet haben soll. Nicht das Wasser, nicht die Anwendung fällt aus der Rolle; die unvorsichtigen und ungenauen Menschen sind die Missethäter. Wie nun aber einmal die Gewohnheit besteht, muß ihre Schuld das unschuldige Wasser tragen.

Wer das kalte Vollbad nimmt, kleide sich rasch aus und lege sich eine Minute in die bereitstehende Badewanne. Wer es im Schweiße nimmt, setze sich in die Wanne, d. h. gehe nur bis an die Magengegend in's Wasser und wasche sich schnell und kräftig den Oberkörper ab. Dann tauche er einen Augenblick bis zum Halse unter, gehe ungesäumt aus dem Wasser und kleide sich, ohne abzutrocknen, in thunlichster Eile an. Der Hand- oder Feldarbeiter kann sofort wieder seine Arbeit aufnehmen; Andere müssen (mindestens eine Viertelstunde) so lange Bewegung machen, bis der Körper vollständig trocken und normal erwärmt ist. Ob dieses im Zimmer oder im Freien geschieht, bleibt sich ganz gleich; ich für meine Person gebe selbst im Herbst und Winter stets der frischen Luft den Vorzug.

Was du thust, mein lieber Leser, das thue vernünftig und überschreite nie das rechte Maß! Auch die Anwendung des Vollbades soll in der Woche die Zahl von drei in der Regel nicht übersteigen.

Wann soll ich am besten diese Bader beginnen?

Die wichtige Arbeit, den Körper abzuhärten oder, was gleichbedeutend ist, ihn gegen Krankheit zu schützen, widerstandsfähig zu machen, kann nie früh genug begonnen werden. Fange gleich heute noch an, aber fange an mit leichteren (s. Abhärtungsmittel), nicht gleich mit den schwereren Hebungen! Du könntest sonst leicht den Muth verlieren! — Unsere kalten Vollbäder wirst du beginnen können, wenn du kräftig bist, vielleicht nach kurzer Vorbereitung, wenn du schwach bist, unter Umständen erst nach längerer Vorübung.

Es ist dieses ein sehr wichtiges Kapitel. Nur nicht unvermittelt, plötzlich, mit den strengsten Mitteln etwas forciren, erzwingen wollen! Das ist zum mindesten Unverstand.

Ein Arzt rieth einem am Nervenfieber Erkrankten, er solle eine Viertelstunde in's kalte Wasser gehen. Der Kranke that es, bekam aber darnach solchen Frost, daß er in Zukunft von einem solchen Heilbade natürlich nichts mehr wissen wollte, es verwünschte und verfluchte. Die Erklärung des Sachverständigen ging einfach dahin: nach solchen Erfahrungen sei klar, man könne bei dem Kranken das Wasser nicht ferner in Anwendung bringen, der Kranke sei im Uebrigen verloren. Mit diesem Todesurtheil kam man zu mir. Ich gab den Rath, der Aufgegebene solle doch nochmals das Wasser probiren, aber statt einer Viertelstunde nur zehn Sekunden (Hinein und hinaus) im Wasser bleiben, der Erfolg müsse, ein anderer sein. Gesagt, gethan; in wenigen Tagen erholte sich der Kranke.

Bei derartigen Vorkommnissen drängte sich mir stets die Meinung auf, man wende das Wasser absichtlich in solch' schroffer, unbegreiflich gewaltthätiger Weise an, um das Volk, anstatt mit Vertrauen, mit Schrecken vor diesem nassen Wauwau zu erfüllen. Ich bin ein sonderbarer Mensch, ich weiß es; d'rum wird man mir solche Einfälle nicht hoch anrechnen.

Solche, denen es Ernst ist, mögen nach Anwendung der Abhärtungsmittel zuerst noch die Ganzwaschungen (s. Waschungen) beginnen und dieselben, wenn sie das Waschen vor Schlafengehen nicht aufregt und wach erhält, abends vor dem Bettgehen, sonst in der Frühe beim Aufstehen vornehmen. Abends verliert man gar keine Zeit, auch früh ist in einer Minute alles fertig. Wer nicht gleich zu tüchtiger Hand-Arbeit oder in kräftige Bewegung kommt, soll sich nochmals (bis zur Trocknung und Erwärmung) ein Viertelstündchen niederlegen.

Diese Uebung, wöchentlich zwei- bis viermal vorgenommen, was genügt, oder täglich praktizirt, bildet die beste Vorbereitung zu unserem kalten Vollbade. Man versuche es nur einmal! Dem ersten Unbehagen wird bald ein bis in's Innerste hinein wohlthuendes Behagen folgen, und was früher gescheut und gefürchtet war, wird bald fast Bedürfniß werden.

Ein mir bekannter Herr ging 18 Jahre hindurch allnächtlich in sein Vollbad. Ich hatte es ihm nicht vorgeschrieben; aber er wollte die Uebung durchaus nicht lassen. In den 18 Jahren war er keine Stunde lang krank.

Andere, die in einer Nacht zwei- bis dreimal in die Badewanne stiegen, mußte ich zurückhalten, es ihnen verbieten. Wäre die Uebung sie hart oder unausstehlich angekommen, wie man so oft ausschreit und ausheult, sie hätten es sicherlich bleiben lassen.

Wer es mit der Abhärtung, mit der Erhaltung seiner Gesundheit, mit seiner Kräftigung ernst meint, fasse das kalte Vollbad recht in's Auge,* lasse es aber bei dem guten Vorsatze allein nicht bewenden.

Kräftige Völker, Geschlechter, Familien sind stets treue Freunde des kalten Wassers, gerade unseres Vollbades gewesen. Je mehr unser Zeitalter den Charakter und Namen des verweichlichten bekommt, um so höhere Zeit ist's, zurückzukehren zu den gesunden, natürlichen (nicht verkünstelten und unnatürlichen) Anschauungen und Grundsätzen der Alten.

Noch gibt es manche, besonders hochadelige Familien, angesehene Männer, welche gerade unsere Wasseranwendung gleichsam als Haustradition und als ein zur Gesundheitspflege überaus wichtiges Erziehungsmittel ansehen und ihrem Stamme, ihren Nachfolgern gesichert wissen wollen.

Wir brauchen uns also unserer Sache nicht zu schämen.


b) Das kalte Vollbad für Kranke     Vollbäder     Inhalt

Bei Beschreibung der einzelnen Krankheiten (im dritten Theile) wird genau angegeben werden, wann und wie oft es zur Verwendung kommen soll. Nur einige Bemerkungen von mehr allgemeiner Natur mögen hier ihre Stelle finden.

Eine kräftige Natur, ein gesunder Organismus ist im Stande, die Krankheitsstoffe, welche sich ansetzen wollen, selbst auszuscheiden,

Dem kranken und durch Krankheit geschwächten Körper muß man beispringen, ihn unterstützen, daß er anfange, diese Arbeit selbst wieder zu thun. Vielfach geschieht diese Unterstützung durch das kalte Vollbad, das in solchem Falle als vortreffliche Krücke oder Stab, als Kräftigungsmittel dient.

Die Hauptanwendung findet es indessen bei den sogenannten "hitzigen Krankheiten", d.h. bei all' jenen Krankheiten, welche als Vorboten und Begleiter heftige Fieber haben. Die Fieber von 39—40° und darüber sind am meisten zu fürchten; sie rauben alle Kraft, brennen die Hütte des menschlichen Körpers gleichsam elendiglich nieder. Mancher, den die Krankheit verschont, wird ein Opfer der Schwäche.


Zusehen und Zuwarten, was sich aus einem so schrecklichen Feuerbrande wohl entwickeln möge, scheint mir bedenklich und folgenschwer zu sein. Was soll da "alle Stunden einen Eßlöffel voll", was das theure Chinin, was das wohlfeile Antipyrin, was die giftige Digitalismixtur, deren Folgen für den Magen wir alle kennen? Medikamente sind und bleiben bei solchen Bränden doch recht schwache Hilfs- oder Fieberstillungsmittel. Was sollen endlich jene künstlichen Verauschungsmittel, die man dem Kranken eingibt oder einspritzt, die ihn in der That berauschen, daß er nichts mehr weiß, nichts mehr fühlt, nichts mehr empfindet? Ganz abgesehen vom moralischen und religiösen Standpunkte ist es wahrlich erbärmlich, so einen halb eingeschlummerten, vielmehr berauschten Kranken zu sehen, wie er daliegt mit entstellten Zügen, mit verdrehten Augen. Wird das helfen?

Bei solchem Fieberfeuer hilft gar nichts als das Löschen. Feuer und Brände löscht man mit Wasser, den allgemeinen Körperbrand, wo gleichsam Alles in hellen Flammen steht, am gründlichsten durch das Vollbad. Bei jedem neuen Aufflackern, d.h. so oft die Hitze, die Bangigkeit groß wird, vielleicht im Anfange des Fiebers jede halbe Stunde erneuert, wird es, früh genug angewendet, bald Herr des Feuers sein (s. Entzündungen, Scharlach, Typhus u.A.).

Früher schon hörte ich, daß man in großen allgemeinen Krankenhäusern für arme Kranke, welche das theure Chinin nicht auftreiben konnten, häusig die Badewanne gebrauchte; in den letzten Zeiten durchlief manche Zeitungen die mir freudige Kunde, daß man besonders in großen Militärspitälern Oesterreichs wieder angefangen habe, gewisse Krankheiten wie den Typhus mit Wasser zu behandeln. Warum, so möchte ich fragen, nur den Typhus? Warum nicht mit logischer Notwendigkeit all' jene Krankheiten, die als giftige Früchte aus den Fieberpilzen hervorwachsen? Wer A sagt, muß B sagen. Mit Spannung warten Viele auf das B, darunter auch manche Leute vom Fach.

Eine Bemerkung, die vielleicht besser bei den Waschungen stünde, möge gleichwohl hier sich anreihen. Nicht alle Kranken sind im Stande, die Vollbäder zu benützen; manche sind vielleicht schon derart geschwächt, daß sie weder selbst sich heben und wenden, noch auch aus dem Bette gehoben werden können. Müssen solche Kranke der Kaltwasseranwendung verlustig gehen? Durchaus nicht. Unsere Wasser-Anwendungen sind so mannigfaltig, und jede einzelne Anwendung hat wieder so viele Grade oder Stufen, daß der Gesündeste wie der Schwerkranke das für ihn und seinen Zustand Passende finden kann. Nur darum handelt es sich, die Anwendung gut auszuwählen.

Für einen Schwerkranken, der wegen zu großer Schwäche unfähig ist, die kalten Vollbäder zu gebrauchen, dienen als Ersatz die Voll- oder Ganzwaschungen, die bei jedem, auch dem schwächsten Kranken, leicht im Bette vorgenommen werden können. Wie sie zu geschehen haben, sehe man bei den Waschungen. Sie werden wie die Vollbäder so oft wiederholt, als der Hitze- oder Bangigkeitszeiger einen hohen Grad, eine hohe Ziffer aufweist.

Gerade bei solchen an's Bett gefesselten Schwerkranken hüte man sich doppelt vor dem großen Fehler einer zu schroffen Anwendung; man würde stets das Uebel ärger machen.

Ich könnte Jemanden nennen, der elf Jahre bettlägerig und ebensolange Zeit in ärztlicher Behandlung war. Auch Wasser-Anwendungen waren versucht worden; Alles scheiterte. Nach der Heilung dieser Person, die in sechs Wochen erfolgte, erklärte der Arzt selbst, die Sache komme ihm wie ein Wunder vor. Er besuchte mich persönlich und wollte wissen, was denn geschehen. Der ganze Hergang sei ihm um so unbegreiflicher, als nach seinem Dafürhalten nicht mehr die geringste Thätigkeit in dem Körper vorhanden war und seine sämmtlichen Anwendungen mit Wasser ohne Erfolg blieben. Ich nannte dem Herrn den einfachen Hergang und die noch einfacheren Wasserübungen. Wir beide sahen ein, einen glimmenden Kienspan löscht man nicht mit der Feuerspritze aus; sein Wasser war zu schroff, das meinige sachte, langsam, den Fassungskräften des elenden Körpers entsprechend zur Anwendung gekommen.

Mich hat es oft erbarmt, daß man hören und lesen muß, wie in manchen Anstalten und Häusern Leute zehn, zwanzig und mehr Jahre das Bett nie mehr verlassen können. Das sind bedauerndwürdige Geschöpfe. So etwas begreife ich übrigens nicht und habe es nie begriffen, ganz wenige Ausnahmefälle abgerechnet; es hat ja auch die heilige Schrift ihren 38jährigen Kranken. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß gar vielen dieser Betthüter und Betthüterinen durch die einfachsten, mit Ausdauer und Pünktlichkeit fortgesetzten Wasseranwendungen wieder auf die Beine zu helfen wäre.


2. Das warme Vollbad     Vollbäder     Inhalt

dient wie das kalte für Gesunde und Kranke. Die Art und Weise, wie es genommen wird, ist eine zweifache.

Warmwasser 


Man steigt einmal in die mit Warmwasser so hoch angefüllte Badewanne (a), daß das Wasser den ganzen Körper überspült, kein Theil bloß, d.i. über Wasser liegt. In dem Bade verweilt man 25 — 80 Minuten. Dann geht man rasch in eine danebenstehende Wanne (d), die kaltes Wasser enthält, und taucht bis an den Kopf, nicht mit dem Kopfe, unter, oder in Ermangelung dieser zweiten Badewanne wäscht man den ganzen Körper möglichst rasch kalt ab.

In einer Minute muß das kalte Bad, die kalte Waschung fertig sein. Schnell, ohne abzutrocknen, wirft man sich in die Kleider und macht bis zu völliger Trocknung und Erwärmung Bewegung (mindestens eine halbe Stunde) im Zimmer oder im Freien. Landleute können ruhig und sofort wieder zur Arbeit zurückkehren. Das Badewasser hat bei diesem ersten Bade eine Temperatur von 26 - 28° R. (33 - 35° C.), bei älteren Personen von 28-30° R. (35 - 37° C.).  Ich rathe, mit einem Thermometer, das man leicht bekommt, mit Vorsicht und genau zu messen. Es genügt nicht, das Quecksilberröhrchen hineinzustecken in's Warme und sofort wieder herauszuziehen, dasselbe muß einige Zeit im Wasser belassen werden. Erst das Ruhigstehen des flüssigen Silbers gibt an, daß gut und lange genug gemessen sei. Wer immer das Bad bereiten mag, nehme es mit der Bereitung und der damit verbundenen Verantwortung ernst, Gleichgültigkeit und Schlendrian sind nirgends weniger am Platz als bei derart wichtigen Diensten der Nächstenliebe.


Die zweite Art, dieses Bad zu nehmen, ist folgende: Die Badewanne wird gefüllt wie das erstemal, das Badewasser aber hat die höhere Temperatur von 30 - 35° R. (37 - 44° C.). Ueber die Zahl 35 sollen bei dieser Art Bäder die Wärmegrade nie steigen (wann, in welchen Fällen sie zur Anwendung kommen soll, muß stets extra gesagt sein), unter die Zahl 28 nie fallen; durchschnittlich rathe und bereite ich sie selbst mit 31—33° R. (38 - 40° C.). 

Bei diesem Bade geht man nicht einmal, sondern dreimal in's Warme, nicht einmal, sondern dreimal in's Kalte. Es ist dieses Bad das sogenannte warme Vollbad mit dreimaligem Wechsel. Das ganze Bad dauert akkurat 33 Minuten; die verschiedenen Wechsel vertheilen sich auf diese Zeit also (man lege die Uhr auf ein Stühlchen neben die Wanne und zähle gut): 10 Minuten in das Warme, 1 Minute in das Kalte, 10 Minuten in das Warme, 1 Minute in das Kalte, 10 Minuten in das Warme, 1 Minute in das Kalte.

Mit Kalt muß ohne Ausnahme stets abgeschlossen werden. Gesunde, kräftige Leute setzen sich in die Wanne mit kaltem Wasser und tauchen langsam bis an den Kopf unter. Empfindsame Personen setzen sich und waschen rasch Brust und Rücken* ab, ohne unterzutauchen. Eine Ganzwaschung thut Jedem, der die kalte Wanne zu sehr fürchtet, dieselben Dienste. Der Kopf wird nie naß gemacht. Sollte er naß geworden sein, so trockne man ihn ab; ebenso trockne man beim letzten Heraussteigen aus der kalten Wanne von allen Körpertheilen die Hände allein, damit selbe beim Anziehen der Kleider diese nicht naß machen.

Bezüglich des Weiteren, insbesondere bezüglich der nach dem Baden nothwendigen Bewegung gilt genau das beim ersten Bad Gesagte.

Ich schulde hier einige Bemerkungen.

Warme Bäder allein, d.i. ohne darauffolgende kalte Bader oder kalte Waschungen, verordne ich niemals. Die erhöhte Wärme, zumal wenn sie längere Zeit andauert und einwirkt, stärkt nicht, sie schwächt und macht den ganzen Organismus schlaff; sie härtet nicht ab, sie macht die Haut gerade noch empfindsamer gegen alle Kälte; sie schützt nicht, sie bringt Gefahr. Das Warmwasser öffnet die Poren; es dringt kalte Luft ein, und die Folgen zeigen sich schon in den nächsten Stunden. Sämmtlichen Uebelständen helfen die auf die warmen Bäder folgenden Kaltbäder oder Kaltwaschungen (ich kenne keine warme Wasser-Anwendung ohne die darauffolgende kalte) gründlich ab; das frische Wasser stärkt, die erhöhte Wärme herunterdrückend; es erfrischt, die überflüssige Hitze gleichsam wegwischend; es schützt, die Poren schließend und die Haut fester machend.


Dasselbe Vorurtheil von der plötzlichen Kälte, die auf die Wärme folgt, begegnet uns hier schon wieder. Gerade mit Rücksicht auf die folgenden Kaltbäder können und müssen die Warmbäder in höherer Temperatur, als sonst normal ist und ich unter andern Umständen rathen würde, gegeben werden. Der Körper wird mit so viel Wärme erfüllt, gleichsam gewappnet, daß er den Anstoß der eindringenden Kälte gut aushalten kann. Wer beim ersten male zu sehr vor der kalten Wanne zurückschrecken sollte, nehme eine Ganzwaschung vor. Er wird Muth bekommen. Es kommt Alles nur auf die erste Probe an. Wer es einmal versucht hat, nimmt schon des Wohlbehagens wegen nie mehr ein warmes Bad ohne das darauffolgende kalte. Vielen, die anfangs vor Angst gezittert, später aber sich an den merkwürdig wirkenden Wechsel gewöhnt, denselben liebgewonnen haben, mußte ich strenge Grenzen ziehen, daß das Uebermaß des Guten ihnen nicht zum Uebel werde.

Das Prickeln, das Krabbeln in der Haut, welches man beim Wiedereinsteigen vom kalten in's warme Bad, besonders an den Füßen lebhaft verspürt, darf Niemanden beängstigen; es wird Einem später ein angenehmes Frottiren.

Besondere Vorbereitungen, um z.B. die richtige Wärmetemperatur im Körper herzustellen, sind bei beiden Arten dieses Vollbades nicht nothwendig.

Auch hier wie bei allen Warmbädern benütze ich nie oder höchst selten bei Gesunden Warmwasser allein; ich mische stets Absude von verschiedenen Heilkräutern bei.


a) Das warme Vollbad für Gesunde     Vollbäder     Inhalt

Wenn ich Gesunden, d. h. relativ Gesunden (gesunden, aber schwachen Menschen) warme Vollbäder verordne, so geschieht dieses nur dann, wenn solch' geschwächte Leute zu den Kaltwasserbädern sich nicht entschließen können, und allein zu dem Zwecke, sie durch das Warmbad mit folgender kalter Waschung allmählig für's frische Kaltbad vorzubereiten und reif zu machen.

Meine Grundsätze und meine Praxis sind in diesem Stücke folgender Art:

Ganz gesunden und kräftigen Naturen, deren frisches, geröthetes Aussehen gleichsam selbst Wärme und Lebensfeuer sprüht, gebe ich warme Bäder selten, fast nie. Sie verlangen auch nicht darnach, sie streben wie der Fisch in's kalte Wasser.

Jüngeren, schwächlichen, blutarmen, nervösen Personen rathe ich es als gut, besonders jenen, welche Anlage zeigen zu Krämpfen, Rheumatismen und ähnlichen Gebrechen. Die Hausmütter, welche so frühe schon durch alle möglichen Mühseligkeiten aufgerieben werden, mögen hier obenan stehen. Jeden Monat ein solches Bad mit 28° R. (35° C.) und folgender kalter Abwaschung, 25—30 Minuten dauernd, würde genügen.

Bei Anlage zu Gliedersucht, Gicht, Podagra sind zwei solcher Bäder in jedem Monat besser als eines.

Zur Sommerszeit sollen die jüngeren Personen die kalten Vollbäder versuchen.

Bejahrten, schwächlichen Leuten empfehle ich der Reinlichkeit der Haut, der Auffrischung und Stärkung wegen wenigstens allmonatlich ein warmes Vollbad mit 28 - 30° R. (35 - 37° C.) von 25 Minuten Dauer mit abschließender kräftiger Abwaschung. Sie werden jedesmal in Folge der erhöhten Transpiration (Hautthätigkeit) und der lebendigeren Cirkulation (Umlauf) des Blutes wie neu aufleben.


b) Das warme Vollbad für Kranke     Vollbäder     Inhalt

In welchen Krankheiten das warme Vollbad anzuwenden sei, das besagen die einzelnen Krankheitsfälle. Beide Arten desselben kommen in Verwendung, und man hat bei gehöriger Vorsicht und Pünktlichkeit durchaus nichts zu fürchten.

Die Bäder verfolgen einen doppelten Zweck: im einen Falle sollen sie durch Zufuhr von Wärme die Körperwärme erhöhen, vermehren, im anderen Falle mitwirken zur Auflösung und Ausleitung von Stoffen, welche der kranke Körper allein aus eigener Kraft nicht mehr entfernen kann. Die warmen Vollbäder werden bereitet als Heublumenbäder, Haberstrohbäder (Haferstrohbäder), Fichtenreiser- (Nadel-) Bäder, gemischte Bäder.

Die Bereitung und Wirkung der zwei ersten Bäder wurde der Hauptsache nach schon bei der Abhandlung über das warme Sitzbad angegeben. Nur einige Punkte seien der Vorsicht halber wiederholt.


aa) Das Heublumenbad     Vollbäder     Inhalt

Ein kleines Säckchen mit Heublumen angefüllt kommt in einen Kessel heißen Wassers und bleibt mindestens eine Viertelstunde im Sude. Der ganze Absud wird in die mit Warmwasser bereitstehende Wanne geschüttet und die Mischung, bis sie die vorgeschriebene Temperatur erreicht hat, mit warmem oder kaltem Wasser aufgefüllt. Dieses Bad, das leichteste und häufigste, ist eigentlich das unschuldigste, das normale Bad zum Wärmen des Körpers. Auch Gesunde können es jederzeit benutzen. Bei mir zu Hause geht mancher Wassermann, von solchem Heublumenduft umschwängert, Dorf auf und ab. Das kaffeebraune Wasser öffnet eindringlich die Poren und löst Anstauungen im Körper auf.


bb) Das Haberstrohbad (Haferstrohbad)     Vollbäder     Inhalt

Haferstroh besteht aus den getrockneten, gedroschenen Laubblättern und Stängeln des Hafers. Nachdem ein ordentliches Büschel Haberstroh in einem Kessel siedenden Wassers eine halbe Stunde lang gesotten, verfährt man mit dem Absude wie oben.

Dieses Bad wirkt stärker als das Heublumenbad und ist bei Nieren- und Blasenbeschwerden, bei Stein-, Gries- und Gichtleiden (Hunderte von kleinsten Steinen bilden den so genannten "Gries") vorzüglich. Wer kein Haberstroh zur Hand hat, nehme Zinnkraut oder saures Pferdeheu.


cc) Das Fichtenreiser- (Nadel-) Bad     Vollbäder     Inhalt

wird also bereitet: Man nimmt Fichtennadeln, je frischer, desto besser, klein zerhackte Aestchen (Reiser), selbst recht harzige, gleichfalls zerschnittene Tannenzapfen, und siedet die ganze Masse, bunt durch einander geworfen, eine halbe Stunde in heißem Wasser. Mit dem Absude verfährt man wie oben. Auch dieses Bad hat günstigen Einfluß auf Nieren- und Blasenleiden, doch schwächeren als das Haberstrohbad (Haferstrohbad). Seine Hauptwirkung betrifft die Haut, welche es zur Thätigkeit spornt, und die inneren Gefäße, welche es stärkt. Dieses wohlduftende und stärkende Fichtennadelbad ist so recht das obenerwähnte Bad der älteren Leute.


dd) Gemischte Bäder     Vollbäder     Inhalt

nenne ich jene, bei denen, wenn gerade das nothwendige Quantum irgend einer dieser Heilpflanzen abgeht, die Absude von mehreren zusammengegeben werden in ein Bad. Am häufigsten habe ich so gemischt die Absude von Heublumen und Haberstroh (Haferstroh), indem schon die Pflanzen zusammen gekocht wurden. Das Haberstrohbad (Haferstrobbad) wird auf diese Weise auch wohlriechender.

Bäder wären schon gut, sagt mir Einer, das weiß ich; aber die Sache kommt zu theuer und ist viel zu umständlich.

Mit Recht könnte mir derjenige meiner Leser diesen Einwand erheben, welchen ich nach Reichenhall, nach Karlsbad oder sonst einem Bade schicken, oder welchem ich etwa verordnen wollte, er solle die kleinen, schwarzen, sorgfältigst verpfropften, theuren Fichtennadelextrakt-Flaschchen kaufen und in jedes Bad die Hälfte oder ein Dritttheil des Inhaltes gießen.

So aber hat Niemand auch nur den geringsten Grund zur Klage, zur Entschuldigung, zu einem Einwände. Der Aermste selbst kann sämmtliche Bäder mit Leichtigkeit bereiten, und er hat in jedem Falle den reinsten Extrakt, wie er ihn echter und unverfälschter an keinem Orte bekommen kann.

Gerade für ärmere und unbemittelte Leute habe ich solche Bäder lange Zeit gesucht, damit auch sie der Wohlthat des Bades, das auf die Gesundheit vielfach so großen Einfluß übt, nicht ganz verlustig gehen müssen.

Der Reisen bedarf es dazu nicht, höchstens eines Ganges auf den Heu- oder Stroh-Speicher oder in den nahen Wald. Kosten thun die Bäder auch nur ein paar Schritte oder ein gutes Wort. Heublumen und ein Büschel Haberstroh (Haferstroh) schenkt jeder Bauer jedem Armen (Wer kein Haberstroh zur Hand hat, nehme Zinnkraut oder saures Pferdeheu); keine Tanne versagt ihm ihre Zapfen und ihr grünes Reisig. Eine hölzerne Stande (Zuber, Schaff) hat doch ein Jeder unter dem Hausrathe; im Nothfalle borgt sie der Nachbar gerne.

Dieses genüge bezüglich des Kostenpunktes.

Was die Mühe, die Umständlichkeit angeht, so stelle ich einzig die Frage: ist es für dich, für deine Angehörigen weniger umständlich, wenn du wochenlang auf's Krankenlager geworfen wirst.

Oder wenn der verwahrloste, über Gebühr geschwächte und nie erfrischte, niemals neu aufgerichtete Körper langsam dahinsiecht?

Von Mühe und Arbeit kann da gar nicht die Rede sein; ich müßte es Bequemlichkeit und Trägheit nennen, wem immer es zu viel wäre, meinen allergeringsten Anforderungen zu entsprechen. Wer solche Gesinnung hegen würde, verdiente in der That gar kein solches Bad.


3. Die Mineralbäder     Vollbäder     Inhalt

An dieser Stelle schulde ich ein Wort über die Mineralbäder, wegen deren ich sehr oft schon befragt wurde.

Meine unmaßgebliche Ansicht über diesen Punkt ist folgende.

Ich kann nach all den Grundsätzen meiner Wasserkur nicht dafür sein, weil ich alles Forcirte, alles Gewaltsame nicht billige, ganz gleich, ob von außen nach innen oder direkt nach innen gewirkt wird. Mein Urtheil lautet und wird immer lauten: Die gelindeste Anwendung ist die beste, ob es sich nun um die Wasser-Heilmittel, oder ob es sich um Medizinen u.s.w. handle, und wer mit einer Anwendung seinen Zweck erreicht, soll ja keine zweite gebrauchen. Wir müssen der Natur, dem kranken oder geschwächten Organismus sachte an die Hand gehen, nicht streng und stürmisch; wir müssen den kranken Körper sozusagen milde und leicht an der Hand führen, ihm bisweilen helfend und stützend unter die Arme greifen, aber ihn nicht allzusehr drängen, ihn nicht zerren und stoßen; wir müssen nicht durch dies und das absolut etwas einwirken wollen, sondern nur mitwirken, daß der Körper mit seiner Arbeit fertig werde, und sofort von dieser gelinden oder gelindesten Mitwirkung abstehen, sobald der Körper allein sich weiter zu helfen weiß.

Niemandem wird es, um ein Beispiel meines Verfahrens anzuführen, entgangen sein, daß er die allbekannten Wurzel- und Drahtbürsten, die Frottirtücher u.s.w. bei mir nicht findet. Ich habe diese Sachen früher angewendet, wenn auch nur in vereinzelten Fällen, aber die Erfahrung gemacht, daß das Wasser allein ohne diese doch mehr oder weniger gewaltsamen Manipulationen (der arme Körper hat dann auch zu aller Arbeit hin noch die gekneteten und gebürsteten Muskeln und die ebenso bearbeitete Haut in Ordnung zu bringen) die besten Wirkungen thut, wenn es nur richtig angewendet wird. Den Frottirdienst versieht bei mir den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch das grobe Linnen oder Reistenhemd, welches ich hiermit warm empfehle.

Der Name Mineralbad schon deutet eine strenge Wirkung an. All' diese Wasser, heißen sie, wie, und fließen sie, wo sie wollen, enthalten mehr oder weniger, gelindere oder schärfere Salze. Solche Salzwasser, von außen nach innen angewendet, kommen mir vor — man verzeihe den Ausdruck — wie der Fegwisch und der körnige Sand, welche ich zum Putzen, zum Reinigen des Silbers oder noch edleren Metalles anwenden wollte. Silber und Gold sind zart und fein. Sind das die inneren Organe weniger? Ein Hauch trübt das Silber, rauhe Putzmittel verletzen, verwunden es. Es wird bei solcher Bearbeitung wohl blank; Fegwisch und Sand nehmen den Staub und Schmutz gründlich weg. Ja, nur allzu gründlich, und lange wird das Silberzeug solche Behandlung, besser gesagt Mißhandlung, nicht aushalten. Die Anwendung brauche ich nicht zu machen, auch nicht lang und breit zu erklären, an welch' empfindsamem, weichem, überaus edlem Metall solche Wasser ihre Reinigungsarbeit vornehmen.

Und was sagt denn die Erfahrung zu dieser Behauptung? In großen Badestädten trägt man vielfach die Heimgegangenen nicht am Tage, sondern in der Nacht, nicht mit Gesang und Musik, sondern in aller Stille, um die Lebenden nicht unangenehm zu berühren und zu inkommodiren, auf den Friedhof zur letzten Ruhestätte. Aber man trägt manche, ziemlich viele hinaus. Es stirbt jährlich eine ziemlich große Anzahl Menschen in den verschiedensten Bädern. "Der oder die war in dem und dem Jahre das erstemal hier," heißt es; "es ist ihm, ihr vortrefflich bekommen," "Das alte Leiden kam wieder, und er, sie ging wieder hin." "In dem und dem Jahre war er das zweitemal dort," sagen die Angehörigen, "aber es bekam ihm weniger gut. Das Uebel kehrte in erhöhtem Grade zurück; er ließ es sich nicht nehmen und reiste ein drittes mal hin. Er kehrte sichtlich gekräftigt zurück, er schien prächtig kurirt zu sein. Aber er kehrte nur zurück, um daheim zu sterben." Manchem erspart der frühe Tod an Ort und Stelle noch die Reisekosten. Diese Geschichte und ähnliche andere habe ich zu unzähligen Malen erzählen hören.

Wer der Zerstreuung und Gesellschaft wegen und rein zu äußerlichem Gebrauche derlei Orte besucht, hat Obiges nicht zu fürchten; er hat nur mit seinem Geldbeutel zu rechnen, der vor allem Anderen in die erbarmungsloseste Kur genommen, am gründlichsten ausgepumpt wird.*

Auch gewöhnliche, selbst Bauers-Leute, denen der Kopf nicht mehr an der rechten, der demüthigen Stelle steht, welche die besseren, studirten, gebildeten und fortgeschrittenen Menschen nachahmen, nachäffen wollen, besuchen zwar keine Badestadt, — daran verhindert sie zum Glück der Herr Habenichts in der Hosen- und Westentasche, — aber sie fangen allerlei verkehrte Sachen an. Zu mir kam einst ein Bauer und sagte: "So, jetzt habe ich das beste Mittel zur Reinigung des Körpers gefunden; es ist eine Art von Heilwasser, und ich nehme dasselbe öfters." "Worin besteht es denn?" fragte ich ihn. Nach einigem Zögern gestand er, daß er einen Löffel Salz in Wasser auflöse und das Salzwasser nüchtern trinke; das putze sauber aus, und es sei ihm lieber (natürlich dem aufgeklärten, aber geldschwindsüchtigen Springinsfeld!) als das beste Mineralwasser. Ich warnte den Bauern, aber er ließ sich von seiner von ihm selbst erfundenen Kur nicht abbringen. Er trank noch eine Zeit lang fort; dann aber bekam er Magen- und Verdauungsbeschwerden, Blutarmut!) und starb, erschöpft und entkräftet und ausgefegt, in den besten Mannesjahren.

Also immer hübsch bescheiden und vernünftig bleiben und niemals einen Reichen und Vornehmen, dem scheinbar Besseres geboten wird und zu Gebote steht, beneiden! Das wäre unchristlich und thöricht.

Auch solche sollst du nicht schief ansehen, die wegen Kränklichkeit und Anlage zur Schwindsucht u.s.w. sogenannte klimatische oder Luftkurorte besuchen können, die nach Meran gehen oder nach Südfrankreich oder nach Italien oder gar nach Afrika. Ich denke mir immer: für den Fisch ist der beste Ort das Wasser, für den Vogel das herrlichste Heim die frische Luft und die freie Natur; für mich das zuträglichste, das günstigste Klima der Ort, an dem, die Gegend, in der Gottes Schöpferhand mich gebildet hat. Will die Luft mir zu rauh werden, nun, dann suche ich mich abzuhärten; auch in Krankheiten wird mir das heimatliche Wasser so gute Dienste thun wie jenes, das in fremden Landen fließt. Soll ich sterben nach Gottes Willen, gut, einmal muß es doch sein, und die heimatliche Erde, sagt man, deckt leichter; in ihr ruht es sich besser und friedlicher.

Welches sind denn die jährlich von neuem approbirten Erfahrungen auch über solche mild oder hoch gelegene Luft-Badestätten?

Ich stelle nur die zwei Fragen: Wie viele von denen, die wirklich krank dahin flüchteten, sind gründlich geheilt heimgekehrt? Ferner:

Wie viele sind für immer besonders in den wärmeren Kurorten geblieben und dort begraben worden?

So bleibe im Lande, nähre Dich redlich und wasche Dich täglich!


V Theilbäder     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Theilbad
Hand-/Armbad
Kopfbad
Augenbad


Theilbäder     Theilbäder     Inhalt

Ich fasse die folgenden Bäder unter dem Namen Theilbäder zusammen, einmal, weil sie einzelne Körpertheile betreffen, vorzüglich aber, um dieser Kleinigkeiten wegen nicht noch weitere größere Abschnitte machen zu müssen.


1. Das Hand- und Armbad     Theilbäder     Inhalt

Der Name besagt genug, und an Ort und Stelle wird bei den betreffenden Krankheiten gesagt sein, wann und in welchen Fällen diese Bäder anzuwenden sind, ob kalt oder warm, wie lange ob 2—3 Minuten, ob eine Viertelstunde, wie oft zu wiederholen, in welchem Kräuterabsud u.s.w.

Bezüglich der Anwendung genüge die eine Bemerkung:

Es hat z.B. Jemand einen bösen Finger. Ich wirke nicht allein auf den Finger, sondern auch auf die Hand, auf den Arm, auf den ganzen Körper. Der böse Finger ist nur eine böse Frucht des bösen Zweiges, des bösen Astes, des bösen Stammes. Ist der Stamm in Ordnung, liefert er genügenden und guten Saft, so muß auch die Frucht eine gute werden.

Die Anwendungen, resp. die Verbesserungen der Zweige und Aeste, d.i. der Hand und des Armes, geschehen neben den Wickeln durch die Hand- und Armbäder.


2. Das Kopfbad     Theilbäder     Inhalt

Kopfbad 


Das Kopfbad

Zu den wichtigsten Theilbädern zählt das Kopfbad. Dasselbe kann, kalt oder warm, am besten in folgender Weise genommen werden.

Man stellt ein Gefäß mit Wasser auf einen Stuhl und hält den Oberkopf (siehe Abbildung), den eigentlichen Haarboden, ungefähr eine Minute in's kalte Wasser, anschliessend 5—7 Minuten in's warme Wasser. Soweit das Wasser am Hinterhaupte die Haare nicht berührt, kann mit Aufgießen durch die hohle Hand nachgeholfen, d.h es können die trocken gebliebenen Haare gleichfalls benetzt werden.

Nach dem Bade soll man die Haare sorgfältigst abtrocknen. Ja immer, sei es, daß sie durch Guß oder Dampf naß werden, und ich rathe große Vorsicht und Genauigkeit an, da bei Vernachlässigung leicht schwere Kopfleiden, wie Kopfrheumatismus u. a., die Folge sein könnten. Nach der Abtrocknung bleibe man im Zimmer oder setze eine die ganze nasse Haarfläche bedeckende Mütze auf, bis Kopfhaut und Haare vollständig trocken sind.

Viele wenden ein kürzeres Verfahren im Kopfbade an, besonders junge Leute vom Lande. Sie tauchen ihren Kopf öfters nach einander unter im Brunnentroge wie die Enten im Teiche oder halten den Kopf unter die Röhre. Es thut ihnen wohl so. Ganz recht! Sie sollen es nur nicht zu arg (zu lange und zu oft) treiben und die Regeln des Abtrocknens gut merken.

Gut ist das kalte Kopfbad Dem, der kurzgeschnittenes Haar hat. Bei langem Haare dringt das Wasser schwerer durch auf die Haut, — was eigentlicher Zweck des Bades ist, — und die Trocknung schreitet langsamer voran. Solchen rathe ich stets das warme Kopfbad an wegen seiner längeren Dauer.

Die Kopfbäder verordne ich zuweilen gegen Kopfleiden — dann sind es immer kalte und kurze —, meistens jedoch solchen Personen, bei denen der Haarboden insbesondere der Tummelplatz aller möglichen Geschwüre und Geschwürchen, flechtenartiger, trockener Ausschläge, eine förmliche Fundgrube von Schuppen und Staub und gar noch von Anderem ist, was freilich eher und besser die Nacht als der Tag, nur nicht das Haar bedecken sollte. Mitunter bekommen diese auch warme Kopfbäder von längerer Dauer, abschließend mit kalter Uebergießung oder kalter Abwaschung.

Ich mache auf diese Kopfbäder wohl aufmerksam. Wenn auf dem Lande im kleinen Häuschen und im noch kleineren Stübchen den ganzen Winter hindurch die ohnedies kleinen Seh- und Luftlöcher, Fenster genannt, niemals geöffnet werden, so entsteht zuletzt eine Luft, die man förmlich schneiden kann, und die jeden eintretenden Fremden mit Wucht zurückschlägt.

Kurze Haare haben für die Gesundheit, z.B. bei Anlage zu Kopfleiden, auch bezüglich der Kopfhautpflege, große Vortheile. Langes Haar ist ein schöner Schmuck, eine schöne Beigabe des Schöpfers; aber sie sollen recht gut gepflegt, reinlich gehalten und Haarbürste und Kamm nicht geschont werden. Die Nachtheile kennt jede Hausmutter.

Und wenn in einer Stube nie gereinigt, nie ausgewaschen wird, wie muß dann zuletzt der Boden aussehen?

Kann es dem armen Haarboden anders gehen, wenn die langen Haare oder die zwei- oder dreifachen Kopfumhüllungen das halbe Jahr hindurch keinen Lufthauch und keinen Sonnenstrahl hineindringen lassen auf die ohnedies im Verborgenen lebende Kopfhaut? Und wenn da nie ein Wasser oder eine Lauge gründlich, recht gründlich ihre Arbeit thut, wie mag es zuletzt aussehen?

Auch da kann sich ein Morast von Krusten u.s.w. bilden, eine Fäulniß, und manche Mutter weiß zu erzählen, was solche Fäulniß zeitigt.

Leider ist nur zu wahr: die Kopfpflege wird vielfach sehr vernachlässigt. Man wäscht jahraus jahrein jeden Morgen sein Gesicht und meint, damit sei es abgethan. Damit ist es noch lange nicht abgethan. Ich empfehle die Kopfpflege im Interesse der nothwendigen Reinlichkeit, dann der Gesundheit der Jungen wie der Erwachsenen; in erster Linie soll sie den Müttern empfohlen sein.


3. Das Augenbad     Theilbäder     Inhalt

ist kalt oder warm zu nehmen. Man bereitet es in beiden Fällen seinen Augen folgendermaßen: Man taucht das Gesicht in das kalte Wasser ein, öffnet die Augen und läßt diese 1/4 Minute gleichsam baden. Dann erhebt man sich, setzt ungefähr 1/4-1/2 Minute aus und taucht Stirne und Augen von neuem ein. Die Wiederholung kann geschehen 4-5 mal. Das warme (24 - 26° R.) (30 - 32° C.) Augenbad soll stets mit kalt abschließen, sei es, daß man das letzte Bad kalt nimmt, oder daß man zum Schlüsse die Augen mit frischem Wasser abwäscht. Desgleichen sei das Badewasser nicht warmes Wasser allein, sondern wieder Kräuterwasser, 1/2 Löffel gemahlener Fenchel oder Absud von Augentrost (Heilpflanze) haben mir stets gute Dienste geleistet.

a) Das kalte Augenbad wirkt vortrefflich bei gesunden, aber schwachen Augen. Es stärkt und erfrischt den ganzen Sehapparat in seinen inneren und äußeren Bestandtheilen.

d) Das warme Augenbad (lauwarm) wird verwendet, um Geschwülste am äußeren Auge aufzuweichen und ungesunde, dicke, eiterige Flüssigkeit in dem inneren Auge zu lösen und auszuziehen.


Dämpfe     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Dämpfe
Kopfdampf
Fußdampf
Leibstuhldampf
Besondere Dämpfe


C. Dämpfe     Dämpfe     Inhalt

Wie unsere sämmtlichen Wasseranwendungen, so wirken auch die Dämpfe in der gelindesten Form und deßhalb durchaus ungefährlich und unschädlich. Gleichwohl erheischt die Anwendung der Wasserdämpfe große Vorsicht. Was den Kranken, der richtig und nach Vorschrift anwendet, gesund macht, kann bei Nachlässigkeit und Sich gehenlassen einen Gesunden krankmachen. Wer z.B. unmittelbar nach einem Dampfbade ohne vorhergehende Abkühlung in's Freie, an die kühle Luft tritt, kann nicht nur krank, er kann tödtlich krank werden. Die Anwendung ist daran so unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Diese erste Bemerkung soll zur Vorsicht, nicht zur Aengstlichkeit ermahnen. Ich wiederhole, daß bei richtigem Gebrauche niemals eine, selbst nicht die leiseste Gefahr zu befürchten ist.

Sind Dämpfe zur Heilung überhaupt nothwendig? Wenn eine Hausfrau ihre Wäsche reinigt, so gebraucht sie warmes und kaltes Wasser. Das warme Wasser soll das zu Entfernende auflosen, das kalte Wasser soll das Gelöste wegschwemmen. Ein ähnlicher Prozeß (Vorgang) vollzieht sich beim Heilverfahren. Auch bei Krankheiten muß Verschiedenes, wie Blutanstauungen, verdorbene Säfte u.s.w. auf- und ausgelöst werden. Das geschieht durch die Wärme. Sodann muß der Körper gekräftigt und widerstandsfähig gemacht werden. Das geschieht durch die Kälte.

Jeder Körper muß demnach ein gewisses Quantum, ein gewisses Maß von Wärme haben, wenn seine Arbeit von statten gehen soll.

Der gesunde Körper besitzt in sich Naturwärme genug, er braucht keine Zuthat.

Jeder kränkelnde Körper fühlt sehr bald den Abgang, das Fehlen der nothwendigen inneren Wärme, dieselbe muß auf irgend eine Art ersetzt werden. Bei vielen Patienten genügen die Wickelungen und Umschläge; bei andern thun die Dämpfe, diese künstliche Zufuhr, ich möchte sagen Einpressung der Wärme, bessere Dienste.

Worin besteht das richtige Dampfverfahren?

Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht. Ich theile lediglich meine Erfahrungen mit und gestehe gleich im Anfange, daß ich dieses Verfahren öfters änderte.

Anfangs schloß ich mich der allgemeinen Praxis an, welche ganze Dampfbäder vorzog, und diese befolgte ich 13 Jahre lang. Da ich indessen im Verlaufe dieser Jahre die erwarteten Wirkungen nicht sah, änderte ich daran. Innerhalb 3 Jahren geschah dieß sogar dreimal, bis ich endlich die jetzige, überaus gelinde, alles Schroffe sorgfältigst vermeidende Art, den Dampf nicht gleichzeitig auf den ganzen Körper, sondern nur auf Theile desselben einwirken zu lassen, als die vortrefflichste und vorteilhafteste anerkannte und nun schon seit vielen Jahren mit den besten Erfolg praktizire.

Doch ich muß hier etwas weiter ausholen.

Vor ungefähr 30 Jahren kamen auch bei uns in Süddeutschland die russischen Dampfbäder in Uebung. Da viele Familien nicht im Stande waren, diese damals nur Großstädten eigenen Gesundheitsbäder zu gebrauchen, so erfand man, wie ich mir die Sache erkläre und denke, als Ersatz dafür den bekannten Schwitzkasten, der ähnliche Schweißtreibungsdienste leisten sollte.

Auch ich ließ mir einen solchen Schwitzkasten fabriziren, d.i. einen Kasten mit einer schließbaren Eingangsthüre und einer Oeffnung dem Himmel zu, durch welche man bequem den Kopf stecken konnte. Die Zufuhr des Dampfes geschah von außen; der Patient oder Schwitzlustige saß oder stand im Innern des Kastens und betrachtete mit stiller Resignation (Ergebung in sein Schicksal) das vor ihm angebrachte Thermometer. Ein trockenes Tuch umhüllte den Hals, um das Entweichen des Dampfes zu verhindern; nasse Kompressen oder Umschläge bedeckten den Kopf, um ihn, während der ganze Körper schon nach 10—15 Minuten in größtem Schweiße war, kühl zu erhalten. Das Dampfbad beschloß ein Vollguß (eine Gießkanne Wasser) oder ein Vollbad. So oft größere Schweiße erwünscht waren, ließ ich zweimal, je 15 Minuten lang, in dem Kasten Aufenthalt nehmen mit jedesmaliger rascher, 1/2 Minute währender Abwaschung.

Die Art und Weise der Bereitung dieser Ganzdampfbäder schien mir unübertrefflich; mir war nur unbegreiflich, daß die Erfolge nicht ebenfalls vorzügliche waren. Zur Winterszeit insbesondere hatte die Sache große Schwierigkeiten. Innerhalb weniger Minuten brachte der heißeste Dampf, welcher den ganzen Körper gleichmäßig einhüllte, von allen Seiten ihn gleich heftig angriff, auch den ganzen Körper in starken Schweiß und damit in große Empfindsamkeit der Kälte gegenüber. Mir wenigstens wir es stets sehr schwer, nach dem Bade die ganze Hautfläche gegen die frische, kalte Winterluft so zu schützen, daß nicht irgend ein Fleck der Haut Schaden gelitten und längere Zeit Beschwerden, zuweilen heftige Schmerzen bereitet hätte.

Ich probirte viel, wie diesem Uebelstande abzuhelfen sei, und dachte noch mehr darüber nach.


Da führte mich gerade zur Winterszeit einmal der Weg nach München; ich litt an ziemlich heftigem Katarrh (Schleimhautentzündung). Der Zufall spielte mir ein Blatt in die Hand, welches auf der letzten Seite die an's Wunderbare grenzenden Wirkungen der russischen Dampfbäder in einem überschwenglichen Lobeshymnus pries. Unter Anderem hieß es: man probire es nur; ein einziges Dampfbad ist im Stande, den heftigsten Katarrh zu heilen. "Das muß ich doch mal sehen," dachte ich, und — gedacht, gethan. Ich suchte die Anstalt auf, nahm ein solches Bad, und in der That, ich fühlte nach der allerdings russischen Dampfkur keine Spur mehr von meinem Katarrh. Aber nur langsam! Kaum waren 5—6 Stunden verflossen, da saß im ganzen Körper ein neuer Katarrh, doppelt so heftig als der alte, den ich im russischen Bade zurückgelassen.

"Ah so!" dachte ich und sagte mir leise in's Ohr: "Diese Art, Dampfbäder zu nehmen, kann nicht die richtige sein. Ich sehe ganz ab von mir selbst; wie aber soll ein Geschwächter, ein Kranker, vollends ein Schwerkranker etwas anwenden, was selbst einen kräftigen, gesunden Mann erschaudern macht? Fürwahr, ein solcher muß anders bedient werden."

All die weiteren Forschungen und Versuche brachten mich zu der Überzeugung daß derselbe Grundsatz, welcher für sämmtliche Wasseranwendungen gilt, auch bei den Dämpfen Geltung hat, daß nämlich die gelindeste Anwendung auch stets die beste ist. Die gelindeste Anwendung nenne ich die einfachste und die den Körper am meisten schonende. Niemals werde ich z.B. zur Vermehrung der Naturwärme) irgend einen Dampf gebrauchen, wo eine kleine Wasseranwendung, ein Guß oder ein Halbbad ausreicht, niemals werde ich den ganzen Körper durch ein Ganzdampfbad quälen und ausmergeln in Fällen, in denen Dämpfe auf einzelne Körpertheile genügen. Ne quid nimis, d.h, ich bleibe auch beim Dampfverfahren auf der goldenen Mittelstraße - nichts der Natur abzwingen wollen, sondern ihr an die Hand gehen sie freundschaftlich stützen und durch kleine Hilfsmittel einladen, daß sie selbst und allein und freiwillig den Dienst thue.

Meine sämmtlichen Dämpfe sind eigentlich nur Theildämpfe, d.h. sie berühren direkt nur Theile des Körpers; dennoch bleibt keiner derselben ohne Einwirkung auf den ganzen Körper. Gerade darin scheint mir der große Fortheil zu liegen. Die Dämpfe berühren oder, wenn man will, schwächen nur die leidende Körperstelle und lassen den übrigen gesunden Körper intakt, unberührt, ungeschwächt. Dieser behält seine volle Kraft und ruht, während der leidende, vom Dampf angegriffene Theil in voller Arbeit ist, unterdessen gleichsam eine Weile aus, um dem geschwächten Mitgenossen alsbald von seiner Kraft mitzutheilen.

Viele meiner Dampfanwendungen dienen lediglich dazu, den Wasseranwendungen vorzuarbeiten, dieselben, z.B. durch Steigerung der Körperwärme, zu ermöglichen, vielleicht wirksamer zu machen oder im Innern des Körpers (z.B. durch Auflösung in Luftröhre und Lunge) den von außen thätigen Wasseranwendungen in die Hand zu arbeiten. Ganz selten nur kommt einer der Dämpfe für sich allein als abgeschlossene, ganze Anwendung vor.

Die notwendigen Vorsichtsmaßregeln bezüglich der Abkühlung, Bekleidung, Bewegung enthält die spezielle Beschreibung der einzelnen Dämpfe.

Noch muß ich warnen vor einer Täuschung.

Sehr oft kommt es vor, daß einer der verschiedenen Dämpfe, insbesondere der Kopf- und Fußdampf, in besonderer Weise günstig wirkt. Sie machen, weil sie stark auflösen und ausscheiden, sehr leicht, ungemein behaglich, viele Patienten überaus froh und glücklich. Die Gefahr liegt nahe, daß sie das Gute mißbrauchen, den betreffenden Dampf zu häufig vornehmen und so in unüberlegter Weise ihrer Gesundheit großen Schaden zufügen. Modus est in rebus! Nur immer weise Maßhaltung sich zur Regel und Pflicht machen!

Zur Belehrung will ich einige besondere Fälle anführen.

Ein Rekonvaleszent nach Typhus oder einer anderen schweren Krankheit hat noch bedeutende Anstauungen am oder im Kopfe oder anderswo. Dämpfe thäten da treffliche Dienste. Ganz gewiß, aber sehr sparsame und leichtere Kopf- oder Fußdämpfe; denn wir haben es mit einem blut- und säftearmen Individuum zu thun. Um ein Zündhölzchen auszulöschen, brauche ich keinen Schmiedeblasbalg, der leise Athem reicht aus.

Dasselbe gilt von allen blutarmen Personen. Die wärmenden Dämpfe bereiten ihnen Wohlbehagen; zu viele Dämpfe aber wären ebenso viele Blut-Wärme- und Lebens-Sauger.

Aber starke, korpulente Leute können sicherlich viele Dämpfe, vieles Schwitzen ertragen?

Diese sehr oft am allerwenigsten, aus dem einfachen Grunde, weil sie blutarm sind. Gerade bei solchen Individuen bin ich mit Dämpfen überaus sparsam und greife mit Vorliebe nach den Wickeln, um auf gute Transpiration (Ausdünstungen der Haut) hinzuwirken. Wo diese in Ordnung ist, ist Vielschwitzen nicht nothwendig.

Ein Patient klagt über heftige Schmerzen in den Füßen. Er wünscht Fußdämpfe auf die ausgemergelten, spindeldürren Beine. Wie thöricht, wollte man seinem Wunsche willfahren! Ein solcher in der That armer "Häuter", wie die Tiroler bezeichnend sagen, hat nichts Weiteres auszuschwitzen und herzugeben. Man appliziere !hm statt der Dämpfe Halbbäder und öftere Kniegüsse.

Die von mir angewendeten Dämpfe sind der Reihe nach folgende:


1. Der Kopfdampf     Dämpfe     Inhalt

Kopfdampf 


Fig. 7: Kleines Holzgefäß zur Anwendung des Kopfdampf

Die Anwendung des Kopfdampfes erheischt einige kleinere Vorbereitungen. Zu dessen Vornahme nämlich sind nothwendig ein kleines Holzgefäß (s. Fig. 7), mehr tief als weit, mit Oehren, auf welche man bequem die Hände stützen kann, und einem gut abschließenden Deckel; sodann zwei Stühle und zum Zudecken des Behandelten eine größere Wolldecke. Von den Stühlen dient der eine höhere zum Sitzen, der zweite niedrigere als Untergestell des Holzgefäßes.

Wenn all die genannten Gegenstände bereit stehen, wird das auf den niedrigeren Stuhl gestellte Holzgefäß bis zu Dreivierttheilen angefüllt mit strudelndem Wasser und mit dem Deckel und einem feuchten Tuche gut verschlossen, damit bis zum Gebrauche möglichst wenig Dampf entweiche. Der Patient hat den ganzen Oberkörper bis zu den Beinkleidern entblößt und über diese als abschließende Binde ein trockenes Tuch gelegt, um den niederrinnenden Schweiß aufzuhalten und das Naßwerden der Beinkleider zu verhindern. Er setzt sich auf den größeren Stuhl und stützt die flachen Hände auf die Oehren des Holzgefäßes, den Oberkörper über das Gefäß hinneigend. Oberkörper und Gefäß werden sodann mit der großen Wolldecke locker, aber nach allen Seiten hin derart eingehüllt, daß auch nicht durch die kleinste Oeffnung Dampf entweicht. Jetzt erst entfernt der Behandelnde, dem Behandelten gerade gegenüber befindlich und von unten her die Wolldecke etwas lüftend, in die Höhe hebend, den abschließenden Deckel mit dem angefeuchteten Tuche; der Dampf dringt ungehindert wie ein glühender Strom auf Kopf, Brust, Rücken, auf den ganzen Oberkörper ein und beginnt seine auflösende Arbeit.

Wer zur Aufsicht und Bedienung beigegeben ist, sorge wohl dafür, daß schwächere Patienten, denen der Rücken leicht wehe thut, bequem sitzen, eine gute Stütze im Rücken haben u.s.w. Dagegen achte er nicht auf Klagen und die verschiedenartigsten Ausrufe wie: ich halte es nicht ferner aus, mich muß der Schlag treffen u.a.

Im ersten Augenblicke mag Mancher ob der ungewohnten Glühtemperatur erschrecken; doch bald hat er sich an das tropische, das heiße Klima gewöhnt und schnell einige kleinere Vortheile gefunden. Beim ersten Anstürme der hitzigen Wolken suche er eine mehr aufrechte Stellung einzunehmen, den Kopf zu heben, nach verschiedenen Richtungen zu wenden u.s.w. Mit dem Angewöhnen und dem Nachlassen der Hitze kehrt der Oberkörper in die vorgeschriebene, gebückte Stellung zurück.

Zu befürchten hat man absolut nichts. Ich kenne nicht einen Fall, in welchem der Kopfdampf, genau nach Vorschrift angewendet, im Geringsten geschadet hätte. Ich habe denselben den verschiedensten Personen in den verschiedensten Krankheiten applizirt und stets gute Erfolge erzielt. Schaden zugefügt haben nie die Dämpfe, wohl aber jene Selbstklugen sich selbst, welche ohne alle Vorsicht und Regel thaten, wie es ihnen gut dünkte, nicht wie die Ordnung es vorschrieb. Eine Anwendung dauert 20—24 Minuten. Der Patient soll während der ganzen Dauer nicht nur willig mit seinem Kopfe herhalten, er soll auch nach Vermögen Augen, Nase, Mund öffnen und an Dampf einströmen lassen, was und wie viel er nur ertragen kann.

Nach Umlauf der Zeit von 20—24 Minuten wird die Wolldecke entfernt und der ganze Oberkörper mit frischem Wasser kräftig abgewaschen. Der Patient macht sich zur Winterszeit im Zimmer, zur Sommerszeit im Freien Bewegung, bis die gehörige Trocknung und die normale Wärmetemperatur der Haut eingetreten ist.

Ich schulde an dieser Stelle noch einige wichtige und nicht zu übersehende Bemerkungen.

Der reine Wasserdampf wirkt auf manche Augen, ebenso beim Einathmen auf den Magen zuweilen nicht ganz günstig. Deßhalb mische ich dem heißen Wasser stets Kräuter bei. Zunächst empfehle ich Fenchel, der sich vortrefflich bewährte. Ein Löffel gemahlener Fenchel reicht aus für eine Anwendung. Auch Kräuter von Salbei, Schafgarbe, Minze, Hollunder, Spitzwegerich, Lindenblüthen thun treffliche Dienste. Und wenn dir auch diese abgehen, so nimm eine Hand voll Brennesseln oder Heublumen und mische sie bei; das Kräutchen mag verachtet sein, sein Dienst ist dennoch gut.

Bei gewöhnlichen Menschen thut der Dampf bald seine Wirkung; den meisten derselben rinnen schon nach den ersten fünf Minuten die Schweißtropfen von der Stirne, nach 8 — 10 Minuten perlen sie hervor aus allen Poren.

Es gibt jedoch Patienten — es sind in der Regel blutarme Individuen mit wenig Naturwärme — bei denen der Dampf nicht so leichte Arbeit hat. Man hilft nach, indem man im Herde ungefähr den sechsten Theil eines Ziegelsteines glühend macht und denselben ca. 10 Minuten nach Beginn der Anwendung in das Dampfbad bringt. Es braust gewaltig, und die Wolken steigen von Neuem dichter und lebhafter auf.

Unmittelbar nach beendigtem Kopfdampf, der wie die folgende Abkühlung im Winter stets in erwärmten Räumen vorzunehmen ist, soll man es nie wagen, in's Freie zu gehen ohne vorherigen kalten Abguß, wodurch die durch den Dampf geöffneten Poren wieder geschlossen werden. Zur Winterszeit verbleibe man vor solchem Austritt in's Freie noch ungefähr eine halbe Stunde im gewärmten Zimmer, in demselben auf- und abgehend. Ohne diese Vorsicht könnte man sich leicht nicht nur einen Katarrh, sondern unter Umständen eine schwere, tödtliche Krankheit zuziehen. Der genannte kalte Abguß ist auf mehrfache Weise möglich. Die einfachste Art, welche ich besonders bei schwächeren, fremder Hilfe bedürfenden Personen empfehle, besteht darin, daß man mit einem Handtuche und frischem Wasser den Patienten rasch abwäscht. Bei Kopfgeschwülsten, Ausschlägen am Kopf, Ohrenfließen, überhaupt bei Leiden, welche große Ausscheidungen aus dem Kopfe verlangen, muß beim ersten und zweiten Kopfdampfe diese Art des Abgusses, vielmehr Abwaschens stattfinden. Die Folgen des Versäumnisses, wie heftiges Ohrensausen u.s.w., wären, wenn auch nicht gerade gefährlich, doch unangenehm. Bei den folgenden Anwendungen, nach bereits erfolgten größeren Ausscheidungen aus dem Kopfe, kann die zweite Art des Abgusses, der eigentliche Abguß an die Stelle der Waschung treten. In Form des Obergusses werden 1—2 Gießkannen kalten Wassers über die bedampften Stellen langsam gegossen, den Kopf, d. i, die Haare ausgenommen; die Brust wird kräftig gewaschen. Das weitere Verhalten ist dasselbe wie nach den Güssen, d. i. nach sorgfältiger Abtrocknung des Gesichtes und der Haare zieht man, ohne den übrigen Körper abzutrocknen, rasch die Kleider an und gibt sich in Bewegung oder in Handarbeit bis zur völligen Trocknung und normalen Erwärmung des Körpers.

Wer nach dem Kopfdampfe Gelegenheit hat, rasch ein kaltes Vollbad von höchstens einer Minute zu nehmen, macht seine Sache gleichfalls gut durch Benützung solcher Gelegenheit.

Die Wirkungen dieser Anwendung sind bedeutende; sie erstrecken sich auf die ganze Hautfläche des Oberkörpers, deren Poren sie öffnen, sodann auf das Innere des Körpers, indem sie in der Nase, in den Luftröhren, in der Lunge u.s.w. auflösen und ausleiten. Bei Erkältungen durch Nässe oder raschen Temperaturwechsel, bei Kopfleiden, Ohrensausen, rheumatischen und krampfhaften Zuständen im Genick und auf den Schultern, bei Enge auf der Brust, bei noch nicht vorgerücktem Schleimfieber, lauter Begleiter und Begleiterinnen der verschiedenen Katarrhe, thut der Kopfdampf vorzügliche Dienste. Zwei Anwendungen innerhalb drei Tagen bringen in der Regel vollständige Heilung. Beginnende Katarrhe hebt gewöhnlich ein einziger Kopfdampf auf und aus, sie mögen sitzen, wo sie wollen.

Wer einen aufgedunsenen Kopf, einen unverhältnißmäßig vollen Hals, angeschwollene Halsdrüsen hat, nehme wöchentlich zwei bis drei solcher Dämpfe. Bei Augenentzündungen, welche von Kälte, Erkältungen u.s.w. herrühren, und bei Triefungen thue man ebenso. Der letztere Patient darf noch größeren Erfolg hoffen, wenn er am Abende des Tages, an welchem er dem Kopfe den Dampf gibt, seinen Füßen ein viertelstündiges warmes Fußbad mit Asche und Salz verabreicht.

Bei Congestionen (Blutstauungen), selbst nach Schlaganfällen habe ich den Kopfdampf mit den günstigsten Erfolgen angewendet. Man läßt sich bei diesen freilich heikeln Fällen von der Meinung täuschen und beängstigen, als ziehe so ein Dampf noch vollends alles Blut in den Kopf. Die Furcht ist unbegründet. Indessen habe ich selbst die Praxis, — und ich rathe dieselbe in den genannten zwei Fällen einem Jeden an, — die Anwendung stets auf 15—20 Minuten zu beschränken und dem Dampfe auf den Kopf thunlichst bald einen Dampf auf die Füße folgen zu lassen.

Da der Kopfdampf stark auflösend wirkt und allzu reichliche Schweißbildung leicht allzusehr schwächen konnte, so darf diese Anwendung nicht zu oft vorgenommen werden. Als Regel soll gelten, daß man die Zahl 2 in der Woche nicht überschreite. In seltenen Fällen, in welchen ganz besondere Auflösungen und Ausscheidungen nothwendig sind, kann eine Woche hindurch der Kopfdampf jeden zweiten Tag zur Anwendung kommen, jedoch mit verkürzter Dauer (Minimum (geringste Zeit) 15 Minuten, Maximum (längste Zeit) 20 Minuten).


2. Der Fußdampf     Dämpfe     Inhalt

Fussdampf 


Fig. 9: Kleines Holzgefäß zur Anwendung des Fußdampfes


Die Arbeit, welche der Kopfdampf am Oberkörper vornimmt, leistet der Fußdampf dem Unterkörper, in erster Linie den Füßen.

Die Anwendung geschieht folgendermaßen:

Holzbrett 


Fig. 10: Holzbrett zum Aufstellen der Füße bei der Anwendung des Fußdampfes


Ueber den zum Sitzen bereit gehaltenen Stuhl wird der Zange nach eine ziemlich breite und dichte Wolldecke ausgebreitet. Darauf setzt sich der zu Behandelnde mit bekleidetem Oberkörper, mit entkleideten Füßen (Beinen). Vor ihn kommt wie zum Fußbade das mit heißem Wasser etwas über die Hälfte gefüllte Holzgefäß zu stehen. Es ist das auch zum Kopfdampf benützte Gefäß (a, Fig. 9). Auf dem oberen Rande desselben, zu beiden Seiten der Oehren liegen zwei schmale Holzstäbe, auf welche der zu Behandelnde die Füße bequem aufstellen kann. Man suche dieselben durch irgend eine kleine Vorrichtung zu befestigen, daß die Gefahr des Nachgebens und des Verbrühens der Füße den Patienten nicht ängstigt. Hat dieser sodann seine Stellung eingenommen und steht das dampfende Wasser vor ihm, so wird die dichte Wolldecke derart um die Beine und das Holzgefäß gelegt, daß kein Dampf unbenutzt verloren geht und durch eine große Wollröhre das warme Element von unten nach oben, zu den Füßen, zu dem Unterleibe und weiter aufsteigt. (s. Fig. 11). Zu den Fußdämpfen benütze ich in der Regel leichtere, strudelnde Absude von Heublumen.

Fussdampf2 


Fig. 11: Darstellung der Anwendung des Fußdampfes

Statt der beiden Holzstäbe genügt ein in der Mitte etwas zum Auflegen der Füße bereitetes Holzstück (d, Fig. 10), dessen Enden so bearbeitet und in die Oehren eingefügt werden, daß ein Drehen des Holzstückes und ein Ausgleiten der Fuße unmöglich ist. Einfacher vielleicht stellt man in das mit heißem Wasser gefüllte Gefäß ein kleines, bis zum Rande desselben reichendes Fußschemelchen.

Wer lange, fast bis zur Erde reichende Kleidung hat, umhülle damit das dampfende Holzgefäß, Dieses ist die einfachste und leichteste Art der Vornahme des Fußdampfes. Nur muß man sich nachher neu bekleiden.

Wie beim Kopfdampfe, so kann ich bei dieser Anwendung den Dampf und damit die Wirkung steigern, indem Ich nach je 5 oder 10 Minuten das glühende Stück eines Ziegelsteines in das heiße Wasser sachte und vorsichtig einsenke. Man lasse die Steine ja nicht in's Wasser fallen; dieses müßte ein Spritzen und Brandwunden absetzen. Die Zahl der glühenden Ziegelstücke, sowie die Dauer des Fußdampfes richten sich genau nach dem höheren oder geringeren Grade der Wirkung, welche man erzielen will. Oft soll lediglich der untere Theil der Füße in Schweiß gebracht werden, wie z. B. bei Fußschwitzern; manchmal aber sucht man die ganzen Füße, die Schenkel inbegriffen, öfters den ganzen Unterleib, zuweilen den ganzen Körper durch einen Fußdampf in Schweiß zu bringen. Viele habe ich gesehen, denen bei dieser höchst einfachen und primitiven Anwendung der Schweiß von der Stirne rann wie bei der forcirtesten (angestrengtesten) Schwitztour unter 2—3 Federbetten. Bei den leichtesten Anwendungen wird ein glühendes Ziegelstück und eine Zeitdauer von 15—20 Minuten genügen; um die größte Wirkung eines eigentlichen Schwitzdampfbades zu er
zielen, wird es nothwendig werden, die glühende Masse alle 5—10 Minuten zu erneuern und die Anwendung bis zu 25 und 30 Minuten auszudehnen.

Dem Dampfbade folgt stets die kalte Abkühlung, welche sich ganz richtet nach der Ausdehnung der schwitzenden oder in Schweiß gebadeten Stellen. Füßen, welche nur bis an die Kniee schwitzen, genügt eine rasche kalte Abwaschung mit einem Linnentuche, kräftigeren Naturen ein Knieguß. Bei mitschwitzenden Schenkeln und Unterleib reicht ein Halbbad aus. Ist der ganze Körper in Mitleidenschaft gezogen, so muß auch der ganze Körper entweder durch ein Halbbad mit Waschung des Oberkörpers oder durch ein Ganzbad oder durch eine Ganzwaschung abgekühlt weiden. Die Regeln über die Vornahme dieser Anwendung lese man an den betreffenden Stellen (bei den Bädern und Waschungen), die Regeln über das Verhalten nach dem Fußdampfe beim Kopfdampfe nach. Sie gelten auch hier ohne allen Unterschied.

Die Anwendung des Fußdampfes geschieht vornehmlich bei den verschiedenartigsten Fußleiden, so bei starken, übelriechenden Fußschweißen, wo es gilt, die faulen Säfte aufzulösen und auszuleiten; bei angeschwollenen Füßen, die auf Säfte- und Blutstauungen schließen lassen; bei kalten Füßen, in denen die Transpiration auf Nullgrad steht, und zu denen das Blut sozusagen den Weg nicht mehr findet. Diese Dämpfe wecken neue Thätigkeit und bringen frisches Leben, sind zuweilen auch nur, wie bei den einzelnen Krankheiten gesagt werden wird, nothwendige vorbereitende Uebungen, welche anderweitigen Wasseranwendungen die Wege ebnen und deren Erfolg sichern.

Wer an Nagelgeschwüren, eingewachsenen Nägeln u.s.w. leidet, wer Blutvergiftung befürchten muß, z.B. wegen unglücklicher Behandlung von Hühneraugen, Ausreißen von Nagelwurzeln u.s.w., lasse sich baldigst diesen Dampf bereiten.

Gesteigerte Anwendungen, welche mehr oder weniger auf den ganzen Körper wirken sollen, kommen vor bei krampfartigen, besonders durch Erkältung entstandenen Leiden des Unterleibes; bei Kopfleiden, deren Ursache auf Congestionen, zu heftigen Blutandrang nach dem Kopfe zurückzuführen ist.

Bei blutarmen Individuen, denen vor dem Beginne irgend einer Kaltwasseranwendung mehr Wärme einzupumpen ist, haben nur leichtere Fußdämpfe sehr oft große Dienste erwiesen.

Als Regel bezüglich der Wiederholung dieser Anwendung gilt wie beim Kopfdampfe, daß man damit recht sparsam sei. Einmal, zweimal in der Woche wird man öfters, dreimal nur selten lesen, letzteres nur bei Einzelfällen, welche stets diese Notiz ausdrücklich enthalten müssen.

Nun noch eine Bemerkung!

Oft schon sind mir Klagen zugekommen wegen der zu großen Umständlichkeit der von mir verordneten Dämpfe. Ich frage jeden Wohlmeinenden: Was ist einfacher, mein Fußdampf oder ein Schwitzbad nach so und so viel Tassen heißen Thee's, nach so und so vielstündiger Tortur, unter so und so vielen Federbetten, ein Schwitzbad, welches selten, fast nie vorübergeht ohne die heftigsten Kopfschmerzen und anderes Weh!


3. Der Leibstuhldampf     Dämpfe     Inhalt

Dieser Dampf thut seiner leichten Bereitung, bequemen Applizirung und überaus schuldlosen, d. i. ungefährlichen Wirkung wegen besonders in Krankheiten große Dienste. Selbst Schwerkranke, bei denen wegen Schwäche oft sehr schwer der erwünschte Schweiß zu erzielen ist, können auf diese Weise recht leicht zum Schwitzen gebracht werden.

In den irdenen oder blechernen Topf des Leibstuhles (siehe Bild: Fußdampf) wird die strudelnde Mischung geschüttet. Der Patient setzt sich, die Bedienung sorgt, daß kein Wölkchen des wohlthuenden Rauches unnütz entweicht. Rasch steigt der heiße Qualm zum Körper auf und erzeugt in Bälde schwächeren oder stärkeren Schweiß, der sich manchmal zu einem förmlichen Schwitzbade, d.h. zu einem allgemeinen Schwitzen des ganzen Körpers steigert. Die Anwendung dauert 15—20 Minuten. Erscheint es nothwendig, den Kranken in länger dauerndem Schwitzen zu erhalten, so bringt man da das Sitzen beschwerlich und der Dampf vielleicht für längere Dauer nicht wirksam wäre) ihn zu Bette; es wird ohne jede besondere Auflage die Schweißkur, d.i. das Schwitzen fortdauern. Nach dem Dampfe soll eine Ganzwaschung, ein Halbbad mit Abwaschung des Oberkörpers oder ein Vollbad je nach Können des Patienten die ganze Anwendung beschließen. Bei Schwerkranken wird stets die Ganzwaschung am leichtesten und ungefährlichsten vorgenommen werden können.

Die Wirkung des Leibstuhldampfes ist, wie von selbst einleuchtet, auflösender und ausleitender Natur. Die Ausscheidungen geschehen in Form und durch Abgang des Schweißes. Niemals benütze ich für diese Dämpfe das Wasser allein; stets mische ich Kräuter bei, und zwar wieder die bekannten Kräuter von Heublumen, von Haberstroh (Haferstroh), vor allen andern indessen von Zinnkraut.

Bei Nieren- und Steinleiden wende ich Dämpfe an von Haberstrohabsud (Haferstrohabsud); bei krampfhaften oder rheumatischen Zuständen des Unterleibes, bei Blasengeschwüren, bei beginnender Wassersucht solche von Heublumenabsud.

Wie die Dämpfe mit Anwendung von Kaltwasser wechseln, lese man nach im dritten Theile bei den einzelnen Krankheiten.

Die auffallendsten und erstaunlichsten Erfolge habe ich erzielt mit Dämpfen von Zinnkrautabsud in all' den höchst peinlichen Fällen, in welchen das Uriniren (Wassermachen) unmöglich wurde und in Folge dessen die entsetzlichsten, wahnsinnigsten Schmerzen den armen Patienten quälten und fast zur Verzweiflung brachten. Die meist durch Erkältung und Entzündung entstandenen krampfhaften Zustände der Blase wurden durch den heißen Zinnkrautdampf in verhältnißmäßig kurzer Zeit behoben, und das Organ that wie früher seine reinigenden Dienste.


4. Besondere Dämpfe auf einzelne kranke Stellen     Dämpfe     Inhalt

Im Wechsel mit andern Wasseranwendungen dienen in vielen Fällen die Dämpfe sehr gut bei Leiden an den Augen, in den Ohren, im Mund, an den Fingern, an der Hand, am Arme, an den Zehen, am Fuß u.s.w. Einige Beispiele mögen dieses klar machen.

Ein giftiges Insekt sticht in die Hand, in den Arm; das Glied schwillt an und schmerzt heftig, die Entzündung droht um sich zu greifen u.s.w. Im Vereine mit Hand- und Armwickeln werden Dämpfe auf die leidende Stelle bald Linderung der Schmerzen und Hilfe bringen. Zu dem Zwecke hält man die Hand oder den Arm über ein Gefäß, welches das strudelnde, dampfende Wasser enthalt.

Wegen irgend einer durch Giftstoffe verunreinigten Wunde droht Blutvergiftung; es ist Gefahr im Verzüge. Rasch soll ein auflösender und ausleitender Hand- oder Fußdampf bereitet werden.

Es wird Jemand von einem wuthverdächtigen Hunde gebissen. Bevor ein Arzt und andere Hilfe zur Hand find, kann rascher durch einen Dampf dem Gefährdeten wenigstens vorläufig? Hilfe gebracht werden.

Heftige Krämpfe quälen ganz bestimmte Stellen an Händen und Füßen. Man säume nicht, sie bedampfen zu lassen.

Zu äußeren Anwendungen der genannten Arten verwende ich in der Regel Absude von Heublumen.

Für Augendämpfe dient sehr gut Absud von Fenchelpulver oder Augentrost oder Schafgarbe; für Ohrendampfe Absud von Taubnesseln oder Brennesseln oder Schafgarbe; für Verschleimungen im Halse Absud von Schafgarben oder Spitzwegerich oder Brennesseln,

Bezüglich der Anwendungszeit überschreite man 20 Minuten nie; die kürzeste Dauer umfaßt 10 Minuten.

Jene Dämpfe, welche zum Einathmen dienen, nach innen wirken oder die Augen und Ohren betreffen, sollen vorsichtiger Weise niemals übermäßig warm oder gar heiß genommen werden.


Gießungen (Güsse)     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Knieguß
(Ober-)Schenkelguß
Unterguß
Rückenguß
Ganz- / Vollguß
Oberguß
Armguß
Kopfguß

D. Gießungen/Knieguß



Die bei mir zur Anwendung kommenden Gießungen (Güsse) sind folgende:

1. Der Knieguß     Gießungen     Inhalt

Knieguss

Anwendung des Knieguß

Die Füße werden bis über die Kniee entblößt, die Beinkleider möglichst weit zurückgeschlagen und, um sie vor Nässe zu schützen, gegen die zu begießenden Stellen zu mit einem Tuche (Handtuche) bedeckt. Man setzt sich sodann auf einen Stuhl und stellt beide Füße ähnlich wie beim Fußbade in ein bereitstehendes Gefäß. (s. Abbildung.) Wer sich aber stehend den Guß geben läßt, handelt nicht schlechter. Der Guß geschieht mit einer kleinen Gießkanne, am besten mit einer Treibhausgießkanne, die mit einer Hand leicht dirigirt wird. Die erste Kanne, die schneller und voller strahlend ausgegossen werde, benetzt beide Füße von den Zehen bis über die Kniee. Die folgenden Kannen bespülen in schwachem Strahle, der bald höher, bald tiefer auffällt, einzelne Fußstellen, besonders die Kniescheiben (in der Mitte, rechts und links davon) und die Waden in einer Art, daß das Wasser über die Beine ziemlich gleichmäßig hinunterläuft. Der Inhalt der letzten Kanne wird nicht gegossen, sondern aus der größeren Oeffnung in zwei oder drei malen über die Füße wie zur Abspülung hingeschüttet. Zu einem Kniegusse können 2—10 Gießkannen verwendet werden, wovon eine 13—15 Liter hält.

Kranke, Schwächlinge halten den Guß beim ersten Anprall sehr schwer aus. Kein Anfänger thut ganz leicht. Schon Männer, welche zuerst über das Bagatellverfahren witzelten, dann die elektrischen Schlägen gleichende und bis in's Innerste hinein erschütternde Wirkung verbeißen wollten, habe ich wie Espenlaub zittern und vor Schmerz weinen sehen. Es ist das der beste Beweis für die elektrisirende, auffrischende, stärkende Kraft dieses Gusses.

Rekonvaleszenten, blut- und säftearmen Personen, — Allen, deren Fußknochen nicht kernige Muskeln, sondern nur dünne, armselige Fleischmäntelchen tragen, rathe ich die erste Zeit nie mehr als 2 — 3 Gießkannen; auch bei jedem Anfänger soll das erstemal die Zweizahl nicht überschritten werden. Sie können in den folgenden Tagen auf 4—6 und noch später auf 8—10 Kannen steigen. Nach 8—10 Kniegüssen ist jedes Schmerzgefühl verschwunden; mit Behagen, mit einem gewissen Sehnen erwartet man den nächsten Strahl, der in so kurzer Zeit die verweichlichten Füße so bedeutend gestärkt hat.

Der Knieguß kommt regelmäßig nur in Verbindung mit dem Oberguß vor. Man lese deßhalb nur das vom Oberguß Gesagte. Jedoch ist dies nicht so gemeint und auch nicht so zu verstehen, daß nach dem Obergusse unmittelbar der Knieguß genommen werden müßte.


2. Der (Ober-)Schenkelguß     Gießungen     Inhalt

Schenkel01


Anwendung des Schenkelgußes durch Patient

Der (Ober-)Schenkelguß bildet die Fortsetzung des Kniegusses gegen den Unterleib zu, schließt jedoch als eigentlicher Schenkelguß dessen Begießung aus. Er besteht darin, daß außer den beim Knieguß begossenen Fußstellen die Schenkel mit in Behandlung gezogen werden. Die erste Kanne Wassers benetzt ziemlich rasch die ganze Länge der Beine von den Zehen bis zum Unterleib; die folgenden mögen nahezu gleichmäßig vertheilt auf dieselben spülen. Patienten, welche noch das Stehvermögen haben, nehmen diesen Guß (und wohl jeden andern) besser in stehender Haltung, sie haben dabei den Vortheil, daß das aus der Kannenröhre ausfließende Wasser beim Hinablaufen Wade und Schienbein gleichmäßiger und gleichzeitiger benetzt; und gleichmäßiges und gleichzeitiges Uebergießen zähle ich stets zu den guten Eigenschaften eines Gusses.

Schenkel02


Anwendung des Schenkelgußes

Die Wirkung des Schenkelgusses ist die erhöhte Wirkung eines Kniegusses; daher könnte er jederzeit diesen letzteren vertreten und ersetzen. Als Vertreter aber geht, es ihm wie den Ersatzmännern bei öffentlichen Äemtern: er kommt in meinem Wasseramte selten zur Verwendung. Er bildet die naturlichste Brücke, den natürlichsten Uebergang vom Knieguß zum Unterguß, erhöhtem, verstärktem Schenkelguß. Schenkelguß im weiteren Sinne des Wortes. So oft im Folgenden und in allen meinen Schriften der Name Schenkelguß erscheint, habe ich (immer möchte ich sagen) den verstärkten Schenkelguß im Auge.


3. Der Unterguß     Gießungen     Inhalt

Unterguss


Anwendung des Untergußes

Der Unterguß (erhöhter, verstärkter (Ober-)Schenkelguß) besteht darin, daß mit der ersten Gießkanne rückwärts unten am Fuße beginnend der Körper bis über die Hüfte benetzt wird und die folgenden drei bis vier, ja sechs Kannen Wassers gleichmäßig den ganzen Unterkörper (auch von vorne), vorzüglich aber Kreuz- und Lenden-Gegend gut bespülen. Weil er sich auf den ganzen Unterleib erstreckt, so ist sein Name "Unterguß" auch gerechtfertigt. Am vortheilhaftesten wird er gleich dem Schenkelguß stehend genommen. (Siehe Abbildung.)

Dieser Guß muß regelmäßig nach dem Fußdampfe erfolgen, wenn nicht etwa das Halbbad oder das Knieen in die Badewanne vorgezogen wird. Seine Wirkung ist um so stärker, je mehr Wasser dazu verwendet wird, und je hoher der Strahl ausfällt. In der Regel soll derselbe nicht höher als etwa spannehoch fallen.


4. Der Rückenguß     Gießungen     Inhalt

Rückenguss 


Anwendung des Rückengußes

Der Rückenguß bildet die Fortsetzung des vorher beschriebenen Gusses nach oben in der Weise, daß mit der ersten Gießkanne voll Wasser die ganze Rückseite des zu Begießenden von der Ferse bis zum Nacken benetzt wird; der Inhalt weiterer 3—5 Kannen, dessen Strahl höher oder tiefer, stärker oder schwächer auffallen kann, wird vom Halse bis hinunter zum Steißbein einerseits, und von dem linken bis zum rechten Schulterblatte andererseits gleichmäßig ausgegossen. Ziemlich reichlich wird dabei die Rückensäule bedacht, aber nicht überflüssig ist nebstbei die Bemerkung, daß bei sehr empfindsamen, erregbaren Personen, besonders anfangs, die Wirbelsäule selbst möglichst geschont werden möge. Rasches Abwaschen der Brust, des Unterleibs und der Arme soll den Rückenguß stets begleiten oder beschließen. Ich sage begleiten oder beschließen: ersteres kann dadurch bewerkstelligt werden, daß das Wasser, welches, während der Nacken begossen wird, nach vorne abfließt, zur Abwaschung verwendet wird; letzteres geschieht unmittelbar nach dem Gusse, so oft ersteres unterlassen wurde. Bei den Beinen kann man das Abwaschen ersparen, indem man in stehender Körperhaltung den Guß nimmt, in welchem Falle das Wasser beim Ablaufen von oben eine volle Abspülung vornimmt.

Der Rückenguß wirkt besonders stärkend auf das Rückgrat ein und fördert den Blutumlauf günstiger und stärker als die vorigen Gußarten.


5. Der Ganz- oder Vollguß     Gießungen     Inhalt

Der Ganz- oder Vollguß erstreckt sich, wie der Name besagt, auf den ganzen Körper, vom Hals bis zu den Fußspitzen. Derselbe wird folgendermaßen ertheilt:

Vollguss 


Anwendung des Ganz-/ Vollgußes

Der Patient sitzt in der Badewanne oder in einem weiten Holz- oder Blechgefäß auf einem schmalen Brettchen, bekleidet mit Badehosen oder dem Badehemde. Wer ihn knieend oder stehend nehmen will, trifft auch keine schlechte Wahl. Der Guß geschieht zum Theil von der Rückseite, zum Theil von der Vorderseite mit ungefähr 4 Gießkannen Wasser. Die erste Kanne netzt den ganzen Körper an. Die weiteren drei und mehr Kannen werden in der Art verwendet, daß der Strahl nach allen Körpertheilen hinzielt, vorzüglich nach dem Rückenmark und den Hauptnervengeflechten, also in's Genick und zu beiden Seiten desselben, sodann in die Magengegend (Magengrube, Sympathikus in der Magengegend).

Gesunden, besonders korpulenten Personen ist dieser Guß sehr zu empfehlen. Er härtet ab, steigert die Cirkulation des Blutes, kräftigt und hebt diese blutarmen und wasserscheuen Individuen aus ihrer übergroßen Empfindsamkeit und Empfindlichkeit heraus.

Wer sich kalt fühlt, und wen fröstelt, der darf den Guß nicht nehmen, er stelle denn zuerst die richtige Naturwärme her, sei es durch Bewegung, sei es durch künstliche Nachhilfe, etwa den Fuß- oder Kopfdampf. Sonst aber kann er Sommers und Winters vorgenommen werden, im Winter selbstverständlich in einem gewärmten Lokale.

Bei Kränklichen und Schwächlichen darf, ja soll das Wasser etwas temperirt ("abgeschreckt") werden und wenigstens die Temperatur haben, welche das Wasser in Badeanstalten zur Sommerszeit hat (15 - 18° R. = 20 - 24° C.).

Die Berichte der einzelnen Krankheiten enthalten, in welchen Fällen und wie oft der Ganzguß anzuwenden sei. Ich ziehe denselben vielfach dem Vollbade vor und verwende ihn statt desselben da, wo ich durch Aufgießen auf eine besonders leidende Stelle in nachhaltiger Weise einwirken will. Bei Rheumatismen geschieht dieses ziemlich oft.

Kranken, bei denen ich besonders starke Auflösungen und Ausleitungen erzielen möchte, gebe ich nach dem Vollgusse noch folgende Anwendung, Das durch den Guß naßgewordene Hemd wird rasch so ausgewunden, daß es nicht mehr träufelt, und dann als Wickel benützt (s. Wickelungen), in welchem der Patient 1 bis 1 1/2 Stunden bleibt. Andernfalls muß es selbstverständlich ausgezogen und durch trockene Wäsche ersetzt werden. Der Patient selbst macht sich Bewegung, bis er völlig warm und trocken ist.

Hier nur eine flüchtige Bemerkung. Die an manchen Orten üblichen, hoch und deßhalb sehr stark auffallenden Güsse und heftigen Duschen habe und billige ich nicht. Ich sehe absolut nicht ein, was so gewaltige Wasserschläge bei Gesunden und erst bei Kranken erzielen sollen. Zum Waschen des Körpers braucht man keine Feuerspritze; wem würde solches einfallen?

Zum Begießen sind diese förmlichen Wasserstürme nicht nothwendig; denn entweder ist die Krankheit heilbar und so durch geringere Anwendung ihr beizukommen, oder sie ist nicht heilbar; dann würde diese schroffe Behandlung auch nichts nützen, eher schaden.


6. Der Oberguß ist das Gegenstück zum Unterguß     Gießungen     Inhalt

Oberguss 


Anwendung des Obergußes

Der zu Behandelnde entkleidet sich bis auf die Beinkleider. Das Einfließen des Wassers in letztere hindert ein übergelegtes, abschließendes Tuch. Das Gefäß, in welches das Wasser abfließt, kann statt auf der Erde auf einem Stühlchen stehen. Das Bücken wird stärkeren Personen dadurch leichter gemacht; auch der Kopf wird geschont, d.i. durch dessen mehr gehobene Haltung der Blutandrang zu demselben gemindert. Der Patient stützt beide Hände auf den Boden des Gefäßes, so daß der Oberkörper eine horizontale Lage annimmt und das Wasser beim Gießen in's Gefäß abfließt (s. Abbildung,)

Oberguss 


Reihenfolge der Gießung beim Oberguß

Die erste Kanne verbreitet sich, ausgehend vom rechten Arm und der rechten Schulter, über den ganzen Rücken bis zur linken Schulter und dem linken Oberarm (a).

Sie dient in erster Linie zur Anfeuchtung der ganzen Gußstelle. Die zweite (b) ebenso, die dritte Kanne (c) bewegt sich hauptsächlich über das große sympathische Nervengeflecht zu beiden Seiten des 7 Halswirbels, sodann über den ganzen Rücken und das Rückgrat, stets abschließend mit einem der beiden Oberarme. Die ganze Gußstelle soll drei- bis viermal gleichmäßig übergossen werden, der Begossene gleichsam drei Wasserauflagen bekommen, welche über den Oberkörper, über die Brust in das Gesäß abfließen. Wer aber nicht geübter, nicht erprobter Begießer ist, dem gebe ich den guten Ruth, einfach so zu gießen, daß das Wasser auf den Rücken des zu Begießenden recht gleichmäßig vertheilt wird, so daß dasselbe eine förmliche Decke bildet und der Rücken wie etwa mit einem Tuche überlegt erscheint.


Der Kopf werde möglichst geschont, der Hals dagegen tüchtig begossen. Wer lange Haare hat, dessen Kopf greife ich gar nicht an; wer kurze Haare hat, den begieße ich zart und wenig. Bei nervösen Personen sei man achtsam, daß der Rückgrat oder auch nur eine Stelle desselben zu stark oder zu lange begossen werde. Der Strahl würde fast wie ein stechendes Messer empfunden und nicht ertragen werden, wenn auch durchaus keine Gefahr besteht. Je nach Bedarf und Absicht läßt der Begießende den Strahl voller oder getheilter, höher oder tiefer, d. i. stärker oder schwächer ausfallen. Zugleich habe er ein Ohr, ob der Patient über besondere Schmerzen an irgend einer einzelnen Stelle klagt, und ein Auge, ob er vielleicht Symptome von Ausschlägen, Geschwüren, Blutanstauungen (blaue Flecken), Blutwülsten u.s.w. gewahr wird.

Je gleichmäßiger das Wasser über die begossenen Theile läuft, um so leichter ist der Guß auszuhalten, und um so schneller tritt an allen Stellen gleichmäßige Wärme ein.

Es gibt Personen (darunter zählen insbesondere diejenigen, welche entweder schon stark beleibt sind oder zum Starkwerden Anlage haben), bei denen man lange auf Reaktion warten kann. Man sieht dieses daran, daß die Haut weiß, farblos bleibt wie vor dem Gusse, nicht roth wie vom aufgescheuchten, geweckten, den begossenen Stellen zuströmenden Blute. Da helfe ich dadurch nach, daß ich nach der ersten Kanne den nassen Rücken leicht mit der Hand abwasche und durch diese kleine Reibung die Haut zur Thätigkeit reize. Beim dritten und vierten Gusse schon ist in der Regel vollständige Reaktion vorhanden. Bei schwächlichen Personen reicht zum Gusse eine Kanne aus. Anfänger traktire man mit 1 oder 2, Fortgeschrittene mit 2 oder 3, Gesunde und Kräftige mit 5 bis 6 Kannen. Uebertreiben soll man bei vorhandenem Wohlbehagen in keinem Falle. Vor und nach dem Gusse wasche man sich schnell die Brust, trockne nach demselben die Hände und das Gesicht, ziehe rasch, ohne sonst irgend abzutrocknen, die Kleider an und begebe sich in Bewegung oder an die Arbeit.

Der Oberguß ist (wenn nicht eine Abwaschung stattfindet) stets nothwendig nach dem Kopfdampf.

Sonst kommt er regelmäßig vor in Verbindung mit dem Knieguß und zwar in der Reihenfolge, daß zuerst der Oberguß, und nach vollständiger Bekleidung des Oberkörpers der Knieguß vorgenommen wird. Betont sei aber nochmals, daß eine Nothwendigkeit nicht vorliegt, daß dem Oberguß der Knieguß folgen müsse. Beide Güsse zählen mit zu den Abhärtungsmitteln; sie wirken erwärmend (gleichmäßige Cirkulation des Blutes), stärkend, förmlich elektrisirend und können von Personen beiderlei Geschlechtes ohne allen Nachtheil angewendet werden.

Oberguss 


Selbstanwendung des Obergußes

Ich kenne solche, welche jeden Morgen beim Aufstehen sich selbst beide Güsse appliziren. Sie nehmen zuerst den Oberguß vor, indem sie durch geschickte Handhabung der kleinen Kanne sich das Wasser über den Rücken laufen lassen, noch besser, indem sie sich in der Waschküche oder in einem Badelokal den Wasserhahn klein drehen und den massigen Strahl auf dem Rücken spielen lassen. Sie wandern unter dem Strahl einher, wie es ihnen selbst beliebt und wohlthut. Hernach richten sie den Hahn oder die Kanne ebenso auf die Kniee. In fünf Minuten ist Alles vorüber und dem ganzen Körper eine große Wohlthat erwiesen.

Wer sich scheut, den Guß von einem Andern zu erbitten, und dazu selbst die Gewandtheit nicht besitzt, wasche sich den Oberkörper mit recht kaltem Wasser. Dann stelle er die bis über die Kniee entblößten Füße in ein zum Theil mit Wasser gefülltes Gefäß, schöpfe mit was immer von dem Wasser und schütte dieses langsam über die Knie und den unteren Fuß. Selbst bei dieser primitiven Selbstverabreichung der beiden Güsse wird die Wirkung nicht fehlen.


7. Der Armguß     Gießungen     Inhalt

Wie die Beine bei Knie- und Schenkelguß für sich allein in Behandlung kommen, so kann es öfters auch sehr zweckdienlich sein, die Arme speziell zu begießen.

Der Guß beginnt vorne an den Händen und nimmt seinen Lauf hinauf bis gegen die Achseln; er wird stets beiderseits vorgenommen und für gewöhnlich reicht eine Kanne zu 15 Liter für einen Arm aus. Bald wird dieser Guß verordnet und genommen als einfaches Abhärtungsmittel der Arme, bald ist er sehr nützlich zur Auflösung der Stauungen in denselben, bald um Entzündungen zu dämpfen und deren Schmerz zu lindern, und bald um Gicht und Rheumatismus aus den Armen zu verscheuchen. Für Blutarme und Bleichsüchtige ist er eine große Wohlthat. Wer einen sprudelnden Brunnen zur Verfügung hat, der halte beide Arme eine Minute unter denselben, und ich werde ihm gewiß nicht den Vorwurf machen, daß sein Armguß kein richtiger ist.


8. Der Kopfguß     Gießungen     Inhalt

Wollte ich diesen Guß ganz verschweigen, so würde ich einer Anwendung in meinem Heilverfahren nicht gerecht werden, der ich doch bei Äugen- und Ohren-Gebrechen große Dienste und Erfolge zu verdanken habe. Dabei gießt man das Wasser über den Kopf und läßt den Strahl um die Ohren, auf die Backen und selbst zwei Sekunden auf das geschlossene Auge spielen. Zuerst verwendet man hierzu eine, später zwei Kannen voll Wasser, Wieder ist es nicht überflüssig, die Mahnung beizufügen, daß nach dem Kopfgusse das Haupthaar sorgfältigst abgetrocknet werden muß.


Waschungen     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Einleitung
Ganzwaschung für Gesunde
Ganzwaschung für Kranke
Theilwaschungen


E. Einleitung Waschungen     Waschungen     Inhalt

Die Waschungen theilen sich in Ganzwaschungen und in Theilwaschungen. Von beiden wird im Folgenden die Rede sein. Im Allgemeinen kann vorausgeschickt werden, daß die Grundsätze bezüglich des Frottirens, des Nichtabtrocknens auch hier gelten. Bei einer jeden Waschung liegt die Hauptsache (der Schwerpunkt) darin, daß der ganze Körper oder der einzelne zu waschende Theil gleichmäßig naß werde. Vom Gerieben, Geknetetwerden ist nirgends die Rede. Wenn zuweilen bei den Krankheiten von kräftiger Abwaschung gesprochen wird, so verstehe ich darunter stets eine schnelle Handlung, bei der man nicht zögert und zaudert. Diejenige Ganz- oder Theilwaschung wird die beste sein, die am gleichmäßigsten geschieht und am kürzesten dauert; über 1, längstens 2 Minuten, darf keine währen. Darnach mag man beurtheilen, wie sehr mein Verfahren von dem in gewissen Anstalten geübten verschieden ist, und man verschone mich mit dem Vorwurfe, daß ich die Patienten unmäßig lange im kalten Wasser belasse, was den also Mißhandelten Rheumatismen, Gelenkrheumatismen u. A. nothwendigerweise zuziehen müsse. Ich sündige wahrlich nicht durch ein Uebermaß.

Noch sei bemerkt und eingeschärft wie beim kalten Vollbade: wessen Körper kalt ist, wen fröstelt oder friert, der nehme nie eine Waschung, vor Allem nie eine Ganzwaschung vor. Die ohnedies geringe Naturwärme würde so noch bedeutend geschwächt und nur schwer und lange nicht ersetzt werden. Fieber Katarrh und Anderes müßten die unausbleiblichen Folgen sein.


1. Die Ganzwaschung

a) Die Ganzwaschung für Gesunde     Waschungen     Inhalt

Die Ganzwaschung erstreckt sich, wie der Name besagt, auf den ganzen Körper (den Kopf ausgenommen), welcher von oben bis unten in einem Zuge gewaschen wird.

Am leichtesten geschieht sie in folgender Weise:

Man nimmt ein rauhes, grobes Handtuch (mit dem kleinen Badeschwamm geht es zu langsam), taucht es in's kalte Nasser und beginnt die Waschung an Brust und Unterleib, Dann kommt die Reihe an den schwerer zugänglichen Rücken. Eine Regel über das "Wie" der Rückenwaschung läßt sich nicht geben. Ein Jeder wird bald selbst den Vortheil finden, wie er dem ganzen Rücken schnell und leicht beikommt. Den Abschluß bildet die Waschung der Arme und Beine (Füße). Alles muß in einer, längstens in zwei Minuten fertig sein. Jede Waschung, welche darüber währt, kann vom Uebel sein. Zudem hüte man sich, die Waschung an einem Orte vorzunehmen, an dem der Körper der freien Luft ausgesetzt ist. Das hieße sich absichtlich verderben wollen.

Ohne abzutrocknen zieht man möglichst rasch die Kleider an und sucht Arbeit oder Bewegung bis zur völligen Erwärmung und Trocknung der Haut.

Wann und wie oft können Gesunde die Ganzwaschung vornehmen?

Einmal, in der Frühe nämlich, wäscht sich Jedermann Gesicht und Hände. Auch die Ganzwaschung wäre in der Morgenfrühe, gleich beim Aufstehen, vortrefflich angebracht. Da ist die Naturwärme, weil durch die Bettwärme gesteigert, am stärksten; die Waschung wäre eine angenehme Abkühlung, Auffrischung, die sofort den Halbschlaf vertreiben und schon beim Beginne des Tagewerkes tüchtig, lebendig und frisch machen würde. Von Zeitverlust kann da nicht die Rede sein; denn in einer Minute ist die Ganzwaschung geschehen, und es kann sofort zur Arbeit geschritten werden.


Wie mancher in der Stadt macht im Frühjahr und im Sommer seinen Morgenspaziergang! Er probire vor demselben die Ganzwaschung. Ich bin überzeugt, ich brauche ihn zum zweiten male nicht aufzumuntern.

Solche, welche nach dem Ganzbade weder Bewegung machen noch an eine Arbeit gehen können und darin eine Entschuldigung suchen, thun unklug. Sie sollen die Ganzwaschung ruhig vornehmen und sich nach derselben noch ein Viertel- oder ein halbes Stündchen zu Bette legen. Auch dieses geht an.

Wer es über sich bringt, es ist eine so kleine Ueberwindung! - eine Zeit lang täglich oder, wenigstens alle 2—3 Tage seinen Körper diesen Dienst zu erweisen, der dient demselben in Wahrheit gut und erwirbt sich selbst den besten Lohn.

Hat Jemand in der Morgenfrühe keine Zeit, so ist jede Tagesstunde eine gute Stunde zur Waschung. Man zieht sich zwei, drei Minuten in seine Schlafkammer, in die Waschküche u.s.w. zurück, und die wohlthuende Arbeit ist vorüber. Daß wir doch nicht so überaus bequem oder wasserscheu wären!

Wenn der Schmied oder Schlosser seine Werkstatt schließt, so wäscht er sich den Ruß und Kohlenstaub vom Gesichte; wenn der Landmann, der auf Reinlichkeit was hält, vom Felde heimkehrt, so wäscht er sich die Hände und nimmt zur heißen Sommerszeit vor jeder andern Erfrischung einen Schluck Wasser, sich Mund und Gaumen auszuspülen. Wie gut wäre es erst, wenn beide nach dem ermüdenden Tagewerke den letzten Schweiß sich in einer Ganzwaschung abwischen würden! Ich wünschte, diese erquickende und stärkende Uebung wäre viel mehr bekannt.

Nachts vor dem Schlafengehen kann nicht Jeder eine Wasseranwendung vornehmen, da diese manche Personen aufregt. Wer sie ertragen mag, verliert gerade da die wenigste Zeit und wird fester und ruhiger schlafen, als er sonst gewohnt ist.

Gar Vielen, welche Nachts nicht einschlafen konnten, habe ich statt der Ganzbäder die leichtere Ganzwaschung und meistens mit gutem Erfolge empfohlen.

Zur Winterszeit rathe ich stets an, zuerst ungefähr zehn Minuten ins Bett zu liegen und erst, nachdem der ganze Körper warm geworden, die Waschung vorzunehmen.


b) Die Ganzwaschung für Kranke     Waschungen     Inhalt

Gerade bei Kranken habe ich stets die Erfahrung gemacht, nicht nur wie wenig die Reibungen, Frottirungen u.s.w. nützen, sondern auch wie sie vielmehr gar oft schaden durch ungleichmäßige Erwärmung, durch Aufregung u.A.

Vor Allem dringe ich bei der Ganzwaschung der Kranken darauf, einmal, daß der ganze Körper, die Fußsohlen sogar inbegriffen, gewaschen werde, und dann, daß er gleichmäßig gewaschen werde: gleichmäßig sowohl in Bezug auf das an alle Stellen des Körpers verwendete Quantum Wasser, als auch in Bezug auf die Reibung, die mit jedem, selbst dem gelindesten Waschen, verbunden ist. So nur wird die Naturwärme sich gleichsam natürlich, ungezwungen, gleichmäßig bilden; bei den angedeuteten Unregelmäßigkeiten müßte ihr Eintreten ebenfalls unregelmäßig, an den verschiedenen Stellen verschieden und wenn nicht gerade von schädlicher, doch weniger günstiger Wirkung sein.

An Kranken lasse ich die Waschungen stets in folgender Weise vornehmen: Der Kranke setzt sich im Bette auf oder wird, wenn er allzu schwach ist, aufgesetzt und gestützt. Man wasche ihm schnell den Rücken, die ganze Wirbelsäule auf und ab. Das ist die Arbeit einer halben Minute, und der Kranke legt sich nieder. Jetzt wäscht man Brust und Unterleib; noch kräftige, nicht allzusehr geschwächte Personen thun dieses in der Regel selbst. In längstens einer Minute ist auch dieses geschehen. Nun kommen die Arme an die Reihe und endlich die Beine. In drei, längstens vier Minuten ist Alles vorüber, und der Kranke fühlt sich wohl, ja wie neugeboren.

Wie ich jedem, selbst dem schwer Erkrankten täglich Gesicht und Hände waschen kann, gerade so leicht kann ich mit gutem Willen und mit liebevoller Sorgfalt diese Waschung vornehmen. Das zweite und dritte mal wird auch die Praxis schon eine bessere und größere sein.

Sollte einem Schwerkranken die Waschung des ganzen Körpers in der That auf einmal zu viel sein, dann theilt man die Ganzwaschung in zwei oder gar drei Theilwaschungen. Man wäscht in der Frühe Brust, Unterleib und Arme, Nachmittags den Rücken und die Füße; oder man wäscht in den Morgenstunden die Brust und den Unterleib, gegen Mittag den Rücken, Nachmittags die Arme und die Beine.

Eine vorsichtige, schnelle Waschung kann niemals schaden, selbst wenn sie mit dem frischesten Wasser — was das Beste ist — vorgenommen wird.


Wann und wie oft bei Kranken die Ganzwaschung zu geschehen habe, ist bei den einzelnen Krankheiten angegeben.

Ich bemerke hier nur noch, daß namentlich bei heftigem Fieber, dann bei allen von heftigem Fieber begleiteten Krankheiten, besonders beim Typhus und den Blattern die Ganzwaschungen eine Hauptrolle spielen und stets an die Stelle der kalten Ganzbäder treten, wenn diese aus irgend einem Grunde nicht genommen werden können.

Beim Fieber zeigen die sich steigernde Hitze und die damit verbundene Bangigkeit stets selber die Zeit der jedesmaligen Wiederholung der Waschung an, die unter Umständen jede halbe Stunde geschehen kann.

Viele Krankheiten, wie Katarrh, Schleimfieber, Blattern, Typhus und andere, habe ich durch die Ganzwaschungen allein geheilt.

Bei schwächlichen Naturen verwende ich zur Waschung statt des Wassers sehr oft den Essig (mit Wasser verdünnt). Abgesehen davon, daß er gründlicher die Haut reinigt, die Poren öffnet, kräftigt, stählt er auch.

Gar oft bekommt man zu hören, daß Waschungen mit Wein, Spiritus (den Essig nehme ich aus) u.s.w. ganz außerordentliche Wirkungen hervorbringen sollen. Ich habe solche Waschungen recht oft probirend und forschend vorgenommen, bin aber über das Niveau (Bereich) der ordentlichen, manchmal der recht mittelmäßigen Wirkung nie hinausgekommen. Manchmal hat mich ein Versuch ohne jeglichen Erfolg gelassen.

Vor Jahren galt der Franzbranntwein als unübertreffliches Waschungsmittel; tausende von Flaschen wurden verkauft und gekauft. Die Sache ruhte dann einige Jahre, und erst seit den letzten Jahren macht dieser Geist wieder in der ganzen Welt die Runde.

Derlei Mittel kamen und verschwanden zu verschiedenen Zeiten wie die Kometen. Sie ziehen oft einen großen Schweif nach sich, dann aber verschwinden sie für immer. Es sind nicht die regulären, die gewohnten Sterne, die allnächtlich auftauchen und ruhig, aber ohne Unterbrechung und ohne Aufhören leuchten. Mit letzteren möchte ich das Wasser vergleichen. Es wirkt, und seine Anwendungen werden bleiben, wenn derlei "außerordentliche" Strömungen längst aufgehört haben zu fließen, zum Theil, weil sie die Probe nicht bestanden.

Ich wünschte nur recht lebhaft, daß das Wasser sich allgemein Bahn bräche, besonders in die Kreise hinein, die zu seiner nutz- und segensvollen Verbreitung und Anwendung Alles thun könnten.


2. Die Theilwaschung     Waschungen     Inhalt

Sie betrifft nicht den ganzen Körper, sondern einen Theil desselben.

Dieselbe wird vorgenommen mit der Hand oder einem gröberen Handtuch und frischem Wasser. Im Weitern gelten ganz die gleichen Regeln wie oben.

Ob der Finger oder die Zehe, der Fuß oder die Hand oder was immer entzündet sei, — überall und stets lösche man, wo es und wann es brennt.

Etwaige nähere Bestimmungen, wann solche Theilwaschungen nothwendig erscheinen, stehen bei den einzelnen Krankheitsfällen selbst.


Wickelungen     Wasser-Anwendungen     Inhalt

Kopfwickel
Halswickel
Shawl
Fußwickel
Unterwickel
Kurze Wickel
Nasses Hemd
Spanischer Mantel


1. Der Kopfwickel     Wickelungen     Inhalt

Dieser Wickel kann auf zweifache Art genommen werden. Der ganze Kopf, Gesicht und Haare, werde gewaschen, ganz naß gemacht. Das Wasser soll durchdringen bis auf die Haut; doch dürfen die Haare nicht von Wasser triefen. Das wäre des Guten zu viel. Darüber (über den ganzen Kopf) bindet man ein trockenes Tuch, in der Art, daß es, gut anliegend, luftdicht abschließt und nur die halbe Stirne mit den Augen sichtbar läßt.

Nach einer halben Stunde schon, selten erst nach einer Stunde sind die Haare trocken.


Es kann sodann die Waschung und der Umschlag ein-, zwei-, ja dreimal erneuert werden. Man sehe nur darauf, daß das den nassen Kopf bedeckende Tuch beim Wickeln recht trocken ist. Die zweite und dritte Anwendung werden je eine halbe Stunde währen; man achte indessen genau darauf, daß vor jeder neuen Anwendung die Haare stets vollständig getrocknet seien.

Am Schlüsse der letzten Anwendung gewöhne man es sich an, Hals und Kopf leicht, kurz und kalt abzuwaschen und wie beim Waschen in der Frühe abzutrocknen.

Besser noch geschieht die Anwendung auf folgende Art, besonders in Fällen, in denen man starke Ausscheidungen erzielen will.

Man wäscht den Kopf, wie oben angegeben wurde. Das Wickeln geschieht dieses Mal mit zwei Tüchern, mit dem luftabschließenden Tuche der ersten Art der Anwendung, dann noch mit einem leichteren, ebenfalls gut anliegenden und abschließenden Wolltuche.

Wäre die Hitze des Kopfes sehr groß, so könnte außer den Haaren die unter dem Wolltuche liegende Umhüllung auch genäßt werden.

Soll die ganze Anwendung längere Zeit dauern, so säume man nicht mit dem Wechsel; er wird im höchsten Falle 25-30 Minuten aufgeschoben werden können.

Die Anwendung wird beschlossen wie oben.

Kopfleiden, hauptsächlich rheumatischer Art, die durch Verkühlung, Erkältung, raschen Temperaturwechsel entstanden sind, zahlreiche Schuppen, trockene Ausschläge, kleine Geschwüre auf dem Haarboden werden mit Erfolg durch den Kopfwickel behandelt.


2. Der Halswickel     Wickelungen     Inhalt

Die gelinde Form des Halswickels besteht darin, daß man mit der Hand oder mit einem Handtuche den ganzen Hals naß macht und ihn mit einer trockenen groben Linnenbinde in 3 — 4 Windungen ("Umgangen") sorgfältig, aber nicht zu fest umwindet. Es soll eben der Zutritt der frischen Luft zu der benetzten Stelle verhindert werden.


Die zweite Art der Wickelung geschieht also, daß ein weiches Handtuch in frisches Wasser getaucht und um den Hals gelegt wird. Das nasse deckt ein trockenes Handtuch und beide eine Woll- oder Flanellbinde. Wer diese nicht besitzt, kann jedweden trockenen Wollstoff verwenden und soll nur stets für luftdichtes Abschließen besorgt sein.

Nach meiner ganzen bisherigen Erfahrung muß ich im Allgemeinen gegen langwährende Anwendungen sprechen; sie bewirken sehr oft das Gegentheil von dem, was sie bezwecken: Verschlimmerung statt Besserung. Das ist denn sehr oft mit ein Hauptgrund, daß die Anwendungen überhaupt den Credit, das Vertrauen einbüßen. Ein derart abgeschreckter, weil getäuschter Kranker bleibt stets schwer zu bekehren, alle Ueberredungs- und Ueberzeugungskünste scheitern.

Diese allgemeine Bemerkung möchte ich jetzt insbesondere auf die Wickelungen beziehen, den Halswickel nicht ausgenommen.

Sämmtliche Wickel wollen und sollen vorzüglich dahin wirken, übermäßiges, ungeordnetes Strömen des Blutes nach irgend einer Stelle hin zu verhindern, das Blut abzulenken, wegzuziehen von dieser Stelle, sodann sehr große Hitze aus- und abzuleiten.

Wenn ich den Wickel nun allzulange, z.B. eine ganze Nacht an der kranken Stelle belasse, so wird diese Stelle warm und immer wärmer, es strömt mehr Blut zu; sie wird zuletzt oft fürchterlich heiß, und die Entzündung, das Hebel, muß verschlimmert werden. Die Folgerungen, welche sich hieraus für den Halswickel ergeben, liegen auf der Hand.

Ich bin durchaus gegen vielstündige oder gar ganznächtliche Anwendungen. Eine vollständige Anwendung dauert bei mir 1, höchstens 1 1/2 Stunden, und es soll nach jeder halben Stunde, unter Umständen nach je 20 Minuten der nasse Umschlag erneuert, d.i. von neuem eingetaucht und nach obiger Weise umwunden werden. Dieses Neueintauchen kann also innerhalb einer Anwendung 2—4 mal geschehen. Es ist nicht bei jedem Patienten gleich und hängt ab von der geringeren oder größeren Hitze, welche derselbe verspürt. Das Gefühl einer gewissen Unlust und Bangigkeit darf als der beste Zeiger gelten, der die Zeit zum Wechseln angibt.

Bei Halsentzündungen, Schlingbeschwerden, bei manchen Kopfleiden ist der Halswickel vorgeschrieben; zu gleicher Zeit wird man suchen, durch Anwendungen auf andere Körpertheile, z. V. die Füße (nasse Socken), oder auf den ganzen Körper ihm entgegenzuarbeiten.


3. Der Shawl (Schal)     Wickelungen     Inhalt

Der Shawl ist eine spezielle Anwendung für die Brust und den obern Theil des Rückens. Jede Frau und jedes Mädchen kennt das unter diesem Namen besonders auf dem Lande gebräuchliche Kleidungsstück. Es ist ein viereckiges, größeres Wolltuch, welches, einmal und zwar im Dreieck zusammengefaltet, so über die Schultern geworfen wird, daß der größere Winkel auf den Rücken, die beiden kleinen spitzen Winkel auf die Brustseite zu liegen kommen.

Schal01


Fig. 21: Der Shawl

Der Shawl als Wickel ist ausgebreitet ein grobes, quadratförmiges Leinwandstück (Fig. 21),1 bis 1 /2 m lang und ebenso breit. Als gleichschenkliges Dreieck zusammengelegt und nach der oben angegebenen Art über die Schultern gebreitet, kommt der größere, der rechte Winkel auf den Rücken zu liegen und reicht bis unter das Kreuz, die beiden spitzen Winkel fallen über die Brust herab und schließen gleich oben am Halse gut zusammen und kreuzen sich auf der Brust. ( s. Abbildung.)

Der Wickel wird in kaltes Wasser getaucht, ausgewunden, auf den bloßen Körper gelegt und mit trockener Linnen- oder Wollhülle luftdicht abgeschlossen.




Schal02


Schal03


Sehr bald fühlt man, wie eine angenehme Wärme sich entwickelt, wie das nasse Tuch warm, ja allmählig heiß wird. Die Anwendung des Shawles kann 1/2 - 1 1/2, in seltenen Fällen bis 2 Stunden dauern, letzteres dann, wenn stärkere Ableitungen gewünscht werden. Bei längerer Dauer darf man die Erneuerung, d.i. Neueintauchung des Nickels nicht übersehen. Dieses geschieht nach ungefähr 1/2 - 3/4 Stunden, in der Regel dann, wenn die Hitze stark, der Wickel warm, heiß wird.

Bei Hitzen, Congestionen und beginnenden Entzündungen an oder im Kopfe, bei fieberhaften Katarrhen, Bei Verschleimungen im Hals, in der Luftröhre, auf der Brust wirkt unser ganz unschuldiger Wickel auslösend und ableitend. Die größten und auffallendsten Dienste hat er stets gemüths- oder geisteskranken Personen des schwachen Geschlechtes erwiesen. In Verbindung mit einer andern, ebenso leichten Anwendung reichte der Shawl vollkommen aus, den Blutandrang zum Kopfe aufzuheben, den überfüllten Kopf zu entbluten. Diese zweite Anwendung bestand gewöhnlich in nassen Socken oder in Fußwickeln oder in einem warmen Fußbade mit Asche und Salz.


4. Der Fußwickel     Wickelungen     Inhalt

Dieser Wickel ist stets eine wichtige Nebenanwendung, d. h. ein Hilfsmittel, welches andern Anwendungen helfend entgegenarbeitet. Wir unterscheiden einen doppelten Fußwickel, nämlich:

a) den eigentlichen Fußwickel.

Landleute, welche mehr beschränkt sind in Zeit und Mitteln, nehmen diesen Wickel am einfachsten, indem sie ein paar nasse Socken und darüber trockene Wollstrümpfe anziehen und sich dann während der Anwendungszeit in's Bett legen unter eine gute Zudecke, Wem dieses nicht behagt, der tauche grobe leinene Lappen oder eine Linnenbinde in halb Wasser, halb Essig, umwinde damit die Füße bis über die Knöchel, bringe den trockenen Umschlag, am besten eine Woll- oder Flanellbinde, darüber und decke sich im Bette ordentlich zu.

Die Anwendung dauert 1 — 1,5 — 2 Stunden und schreibt stets das Bett vor.

Entwickelt sich starke Hitze, und handelt es sich bei der betreffenden Anwendung gerade um deren Ableitung, wie z.B. bei der Lungen-, der Brustfell-Entzündung, bei Entzündungen im Unterleibe, so soll der Wickel wiederholt, bei jeder größeren Hitze neu eingetaucht werden. In allen Fällen, in denen es sich darum handelt, krankhafte Säfte aus den Füßen auszuziehen, bei Entzündungen die Hitze zu nehmen, das Blut vom oberen Korper nach unten zu ziehen, leistet dieser Fußwickel treffliche Dienste.

Man verwechsle ihn nicht mit dem Fußbade und seinen Wirkungen! Wie die Dauer des Fußbades eine bedeutend kürzere, so ist seine Wirkung eine beschränktere. Wohl leitet auch es die Wärme, das Blut in die Füße; aber eine Reinigung, eine Auslegung verdorbener Säfte aus den Füßen vermag kein kaltes und kein warmes Fußbad zu Stande zu bringen.

Eine Anwendung dieses Wickels darf ich nicht vergessen.

Wer die Wasserübungen am Abende ertragen kann, der ziehe nasse Socken an beim Schlafengehen, darüber natürlich stets trockene. So verliert er absolut keine Zeit; er wird prächtig schlafen und braucht auf keine bestimmte Zeitdauer Acht zu haben. Nur das Eine merke er sich, daß er beim Aufwachen in der Nacht oder in der Morgenfrühe die nassen Socken ungesäumt weggibt.

Landleuten, die Abends recht müde sind, zieht dieser Sockenwickel alle Müdigkeit aus den Füßen, noch gründlicher als das kalte Fußbad.

Wer an kalten Füßen leidet, probire einmal diese Nachtwickel. Auch Fußschweißlern habe ich dieselben oft mit Erfolg angerathen, jedoch erst, nachdem mehrere Fußdämpfe vorangegangen waren.


b) Den Wickel über die Kniee.

Kräftiger als der eigentliche Fußwickel in der unter a) beschriebenen Weise wirkt ein Wickel bis über die Kniee.

Die nasse Linnenbinde, welche beim Fußwickel bis über die Fußknöchel reicht, wird fortgesetzt, fortentwickelt bis über die Kniee und gut mit trockener, am besten wollener Umhüllung versehen.

Die Dauer dieses Wickels, auch das andere Verhalten ist dasselbe wie beim Fußwickel a.

Zur Ausleitung von Hitze im Oberkörper, zur Hebung großer Müdigkeit, speziell zur Lösung quälender Winde, versessener Gase empfehle ich den Wickel angelegentlich.

Man verwechsle ihn nicht mit dem bei den Halbbädern genannten "in's Wasserstehen bis über die Kniee". Diese Anwendung ist rein stärkender, nie ableitender Natur.


5. Der Unterwickel     Wickelungen     Inhalt

Der Unterwickel führt seinen Namen aus dem Grunde, weil er hauptsächlich gegen Gebrechen des Unterleibes und der Füße gerichtet und deßhalb der speziell dem Unterleibe zugedachte Wickel ist. Er beginnt unter den Armen und reicht hinunter bis über die Fußspitzen. Der oberste Theil des Oberkörpers, die Schultern mit den Armen, die frei bleiben, sind unberührt und müssen, wenn der Behandelte zu Bette liegt, gut mit dem Hemde, besser noch mit wärmerer Bekleidung bedeckt werden, daß von oben her nicht etwa Luft eindringe. Der Unterwickel wird also bereitet und genommen: Auf das die Matratze oder den Strohsack bedeckende Leintuch wird der Länge nach eine möglichst breite Wolldecke ausgebreitet. Das zum Wickel bestimmte Linnen soll so groß sein, daß es zum Mindesten zweimal, in manchen Fällen 3 — 4 mal um den Körper und bis über die Fußspitzen hinaus reicht (2—3—4fache "Fätschung"). Man nimmt es am besten doppelt gefaltet, taucht es in kaltes Wasser, windet es aus, so daß es nicht mehr triefet, und legt es in Form eines Rechteckes auf den bereit liegenden Wollteppich in's Bett. Auf der nassen Unterlage nun nimmt man Platz, schlägt sie rechts und links ein, aber so, daß Naß über Naß geht und keine Stelle des Unterleibes unbedeckt bleibt. Darüber wird die unter dem nassen Linnen gebreitete Wolldecke als schützende und luftabschließende Hülle zusammengezogen und das Ganze mit dem Federbett sorgfältig zugedeckt. Die Füße werden meistens noch eine Extrazudecke erfordern. (s. Abbildung.)

Unterwickel


Anwendung des Unterwickel

Die Sache ist nicht so verwickelt, wie es beim Lesen erscheinen könnte. Der ganze Hergang kann dadurch erleichtert werden, daß der Behandelte außer Bett, vielleicht mit Badehosen bekleidet, den nassen Wickel vorschriftsmäßig um sich hüllt und sich derart eingehüllt auf die ausgebreitete Wolldecke legt. Jetzt kann ihm, damit Alles rasch, ohne Verzug geschieht, daß er möglichst geringe Zeit der Luft ausgesetzt ist, leicht Jemand behilflich sein, d. i. den nassen Wickel etwas glätten, zurecht legen, die Ränder anschließend machen, besser über einander legen, den Patienten endlich sorglich zudecken.

Freilich ist die Sache stets etwas umständlich, doch, wie mir scheinen will, einfacher und leichter als ein Umwickeln mit eigens dazu bereiteten Binden, welche ich bei größeren und den grüßten Wickeln nie verwende.

Bei einiger Praxis ergibt sich ein Vortheil nach dem andern. Ich kenne Viele, die ohne Mühe und in kürzester Zeit (das ist eine Hauptsache) sämmtliche größeren Wickel sich selbst allein zu bereiten und umzulegen wissen.

Hier schon möge eine Bemerkung Platz finden, die Manchen, das beim Lesen empfundene Schauern oder Kaltüberrieseln nehmen wird.

Wer die Furcht vor dem kalten Wasser nicht überwinden kann, wer wenig Naturwärme, zartere Nerven u.s.w. hat, tauche den Wickel ganz ruhig in heißes Wasser ein.

Schwächlichen, gebrechlichen, blutarmen, namentlich älteren Leuten mache ich diese Eintauchung nicht gerade zur strengen Vorschrift, gebe ihr aber stets den Vorzug,

Die Anwendung des Unterwickels dauert 1 1/2, manchmal 2 Stunden, Das anfängliche Kältegefühl wird bald einer angenehmen Wärme weichen.

Einfache, arme Land- und Bauersleute können diese ganze Geschichte viel einfacher haben. Sie suchen sich einen alten, ziemlich abgenützten, deßhalb weniger steifen Getreidesack aus, tauchen denselben in's Wasser, winden ihn ordentlich aus und schlüpfen dann bis unter die Arme in den Sack, gleich als wenn sie die Hosen anziehen würden. In dieser altmodischen Tracht legen sie sich auf die ausgebreitete Wolldecke in's Bett und wickeln sich in diese und das Federbett tüchtig ein. Hunderte haben diese Art von "Sackjucken" probirt. Schäme dich nicht, der Sack wird auch dir recht wohl bekommen!

Die Wirkung des Unter Wickels, welcher stets mit anderen Anwendungen verbunden wird, ist verschieden: wärmend, auflösend und ausleitend. Er übt diese Wirkung, wie bereits gesagt wurde, vornehmlich aus auf den Unterleib. Bei Fußgeschwülsten, rheumatischen und gichtischen Zuständen, bei Nierenleiden, Blähungen, Krämpfen u.s.w. wird er regelmäßig zur Mithilfe beigezogen werden.

Anstatt des einfachen kalten oder warmen Wassers verwende ich sehr häufig zum Eintauchen die Absude von Heublumen, saurem Heu, Haberstroh (Haferstroh), Fichtenreisern. Das saure Heu gilt als Ersatzmittel für Heublumen; beide dienen bei Harnbeschwerden und in untergeordneter Weise bei Gries- und Steinleiden.

Absud von Haberstroh (Haferstroh) hat sich jederzeit bewährt bei der Gicht, bei Gries- und Steinleiden, Absud von Fichtenreisern bei schwächlichen Naturen zur Ausleitung von Gasen und zur Beseitigung der verschiedensten krampfhaften Zustände im Unterleib.


6. Der kurze Wickel     Wickelungen     Inhalt

Der kurze Wickel ist der am meisten genannte und gebrauchte. Er bildet für sich allein eine abgeschlossene Anwendung, d.h. er wirkt, ohne daß andere Wasserübungen beizuziehen sind, auf den ganzen Körper. Er steigert die Naturwärme und zieht anderseits zu große Hitze aus, je nachdem seine Anwendung längere oder kürzere Zeit dauert.

"Dieser Wickel ist alles werth," hat einmal Einer gesagt; "was der Sattelgaul am Fuhrwerke, das leistet er unter den Wickeln." Zu seiner Beliebtheit und allgemeinen Verbreitung hat sehr viel der Umstand beigetragen, daß ihn ein Jeder selbst leicht und bequem nehmen, umlegen kann. Der kurze Wickel beginnt wie der Unterwickel seine Wickelungen unter den Armen und beendet sie oberhalb der Kniee. Ein grobes Linnentuch wird 4—6fach in solcher Breite zusammengefaltet, daß es den Körper in besagter Weise umhüllt, sodann naß gemacht, ausgewunden und gut anschließend umgelegt. Eine Wolldecke schließt luftdicht ab, und das Federbett gibt die nothwendige Wärme. (s. Abbildung.)

Kurzwickel


Anwendung des kurzen Kurzwickels

Schwächliche und ältere Personen, mit einem Worte die Blutarmen, deren Blutwärme nicht viel über dem Gefrierpunkte steht, dürfen, ja sollen auch diesen Wickel warm nehmen.

Arme und einfache Leute auf dem Lande können statt des 4—6fach gefalteten Linnentuches wieder einen abgenützten, weicheren Getreidesack netzen und denselben der Breite nach umlegen.

Die ganze Anwendung dauert je nach Vorschrift 1 bis 1,5 zuweilen 2 Stunden.

Würden gesunde Leute alle 8, auch mir alle 14 Tage einen kurzen Wickel nehmen, so könnten sie einer großen Anzahl Krankheiten gründlich vorbeugen. Auch erwirkt er günstig und reinigend auf Niere und Leber und auf den Unterleib, den er von versessenen Winden, quälenden Gasen, verlegenen Stoffen, überflüssigem Wasser reinigt. Die Wassersucht, Herz- und Magenleiden, die sehr häufig vom Druck der Gase nach oben herrühren und aufhören, sobald diese entfernt werden, sind den Freunden des kurzen Wickels unbekannte Gäste. Und ich kenne eine Zahl solcher treuen Freunde, welche manche Nacht in seiner Umhüllung schlafen und bis zum Morgen überaus gut und sanft ruhen.

Bei Verschleimungen des Magens, bei Herz- und Lungenübeln, bei den verschiedensten Kopf- und Halsleiden findet der kurze Wickel die mannigfaltigste Verwendung. Das Nähere besagt im dritten Theile eine Reihe von Krankheiten.

Wenn ich im Unklaren bin über ein Uebel, wenn ich den Sitz einer Krankheit nicht genau erkenne, so ist stets der kurze Wickel der treueste und beste Rathgeber. Auf nähere Ausführung kann ich mich nicht einlassen.

Patienten, deren Unterleib durch was immer geschwächt ist, rathe ich, unmittelbar vor oder nach dem Wickel den Unterleib mit Schweinefett oder Kampheröl einzureiben.

Bei Krämpfen lasse ich auch manchmal ein in Essig getauchtes einfaches Tuch unter den Wickel auf den bloßen Leib legen. Bei Krämpfen und Kältegefühl ist warmer Wickel am Platze.


7. Das nasse Hemd     Wickelungen     Inhalt

Diese Anwendung habe ich gewählt, weil sie auch von den einfachsten Menschen mit geringer Fassungskraft nicht leicht mißverstanden werden kann.

Ein gewöhnliches Linnenhemd wird in Nasser getaucht, ordentlich ausgewunden und wie üblich angezogen. Man legt sich in's Nett auf eine ausgebreitete Wolldecke, hüllt sich gut ein oder läßt sich gut einhüllen und mit einem Federbett warm zudecken.

Ich kannte einen Herrn, welchem auch dieses Verfahren noch zu umständlich war. Er stellte sich im Hemde in eine Badewanne und ließ über das Hemd und seinen Körper eine Kanne mit Wasser gießen. Darauf ließ er sich in die Wolldecken hüllen, und er konnte von dieser "ersten und besten aller Anwendungen" nicht genug rühmen, wie sie guten Schlaf bringe, den Humor froh, den Geist geweckt und den Körper frisch mache.

In dem nassen Hemde bleibt man 1 bis 1 1/2, längstens 2 Stunden. Bezüglich seiner Wirkung habe ich die Erfahrung gemacht, daß es die Poren öffnet und wie ein gelindes Zugpflaster auszieht, daß es beruhigt, Congestionen und krampfhafte Zustände hebt, gleichmäßige Naturwärme hervorbringt und das Allgemeinbefinden des Körpers hauptsächlich wegen seiner ausgezeichneten Wirkung auf die Haut zu einem sehr guten macht. Mit sehr großem Erfolge habe ich es bei Gemüthsleiden, bei Kindern beim Veitstanz* und ähnlichen Erscheinungen, besonders auch bei Hautkrankheiten angewendet. Sollten in letzteren Fällen starke Ausleitungen erzielt, Ausschläge, wie Scharlach u.s.w. hervorgelockt werden, so ließ ich das Hemd in Salzwasser oder in mit Essig vermischtes Wasser tauchen.


*Die Chorea Huntington, auch "Veitstanz" genannt, ist eine seltene erbliche Erkrankung des Gehirns, bei der es zum einen zu Bewegungsstörungen und zum anderen zu Wesensänderungen bis hin zur Demenz kommt.

8. Der spanische Mantel     Wickelungen     Inhalt

Diesen Namen habe ich nicht erfunden; ich habe aber auch keinen genügenden Grund, den unter solcher Benennung bekannten und eingebürgerten Wickel anders zu taufen, selbst auf die Gefahr hin, daß das fremdländische Wort manchem schnüffelnden Leser spanisch vorkommen sollte. Das ist und wäre mir alles eins. Auf die so bezeichnete Sache kommt es allein an.

Der spanische Mantel, auch großer Wickel genannt, ist wie das Vollbad und der kurze Wickel eine ganze, für sich allein genügende Anwendung, welche auf den ganzen Organismus einwirkt. Das hindert nicht, daß sie bei größeren und gefährlicheren Krankheiten stets nur im Wechsel mit anderen Wasseranwendungen vorkommt.

Worin besteht dieser größte Wickel?

Spanischer MantelAus grober Leinwand, dem beim Volke bekannten "Reisten", wird eine Art Linnenmantel gemacht. Derselbe gleicht einem weiten Hemde mit Aermeln, welches nach vorne zu ganz offen ist und bis über die Zehen hinunterreicht, oder, wenn man will, einem weiten, langen Linnen-Schlafrock. (s. Abbildung.) Dieser Mantel wird in kaltes oder bei schwächeren, blutarmen, älteren, wasserscheuen Individuen in heißes Wasser getaucht, ausgewunden, wie ein Hemd angezogen und vorne gut übereinander geschlagen.

Es kam einst ein Patient zu mir, der an allen möglichen Gebrechen litt. Congestionen, Blähungen, Hämorrhoiden plagten ihn, und eine Herzverfettung brachte große Beängstigungen. Er gewöhnte sich daran, in der Woche 1—2 mal den spanischen Mantel umzulegen, und nach längerem Gebrauche waren all' die genannten Uebel mit noch anderen wie weggeblasen. Seitdem benützt der Geheilte bis zum heutigen Tag den spanischen Mantel als Universalmittel, und da er nicht viel Zeit zu versäumen hat, zieht er denselben an beim Schlafengehen und legt ihn erst ab beim Aufwachen in der Nacht oder in der Morgenfrühe. Der Herr ließ sich aus starkem Wollstoff einen zweiten spanischen Mantel machen, der ihm statt der Wolldecken trefflich dient und jede Mithilfe bei Anwendung dieses Wickels erspart.

Mantel02


Das Bett wurde vorher so zubereitet, daß die Wolldecken zur Aufnahme des Bemantelten bereit legen. Am besten breitet man eine recht breite, große Wolldecke aus oder legt 2 kleinere Decken der Breite nach über die Matratze oder den Strohsack. Darauf legt sich der Patient und wird durch die Wolldecken luftdicht abgeschlossen und mit einem Plumeau (Federbett) warm zugedeckt. (s. Abbildung.) Man sehe darauf, daß die nasse Einkleidung und die Verpackung in die Wolle möglichst rasch vor sich gehe, daß das der frischen Luft Ausgesetztsein ein Minimum, eine möglichst kleine Zeit ausmacht.

Die Zeitdauer einer Anwendung beträgt 1 bis 1,5, längstens 2 Stunden, Dieselbe richtet und bemißt sich nach der Kraft des Individuums, insbesondere nach der Korpulenz. Für einen schwächlichen Bauersmann werden 1 bis 1,5 Stunden genügen; einem Herrn Bläumeister kann man ohne Zögern 2 Stunden verordnen.


Wer wissen will, wie und wie stark der spanische Mantel wirke, der untersuche das Wasser, in welchem der Wickel nach der Anwendung stets sorgfältigst ausgewaschen werden soll. Er wird finden, daß es ganz trüb ist; ja er wird staunen und es kaum glaublich finden, daß ein spanischer Mantel solchen Unrath auszuziehen im Stande ist.

Ich erinnere mich an Fälle, in denen der weiße Linnenwickel ganz gelb wurde, welche Farbe keine Lauge, erst das Bleichen auf dem Grase wieder vertreiben, aussaugen konnte.

In der gelindesten (nicht im Mindesten schroffen) Form, aber gründlich öffnet der spanische Mantel die Hautporen am ganzen Körper und zieht allen Unrath, Schleim u.s.w. aus. Ich brauche nicht zu sagen, wie wohlthuend er deßhalb auf die normale Körpertemperatur, auf das Allgemeinbefinden wirken muß.

Im Besonderen wende ich diesen großen Wickel an bei ziemlich allgemeinen (den ganzen Körper mehr oder weniger angreifenden) Katarrhen, bei Schleimfieber, Podagra (Gicht), Gliedersucht (Rheuma), Blattern (Pocken), Typhus, zur Vorbeugung gegen Schlaganfalle u.s.w. Im Krankheitstheile (s. dritter Theil) wird man ihm recht oft begegnen.

Wird der Mantel in Absude von Heublumen, Haberstroh (Haferstroh), Fichtenreiser getaucht, so wirkt er vortrefflich gegen jene Leiden (Gicht-, Stein-, Gries-Leiden u.s.w.), deren Heilung genannten Pflanzen eigenthümlich ist.


G. Trinken des Wassers     Wasser-Anwendungen     Inhalt

In diesem Stücke kann ich mich sehr kurz fassen. Ich warne vor zwei Extremen, d.h. vor zwei das richtige Maß überschreitenden Ansichten. Es sind einige Jahrzehnte her, da gab es förmliche Wassertrinkturniere. Wer die meisten "Maßerl zwang", der war der größte Held, Ein tägliches Quantum von 4, 6, 8, 10 Maß zählte durchaus nicht zu den Seltenheiten. Noch heutzutage spuckt in manchem Kopfe der Gedanke, viel Wassertrinken müsse gesund machen. Besser noch diese Grille als die andere, welche dem glühenden Hirn vorsingt, 3, 4, 5 Maßerl braunes Gerstenwasser sei nicht zu viel Flüssiges für die Menge des täglich eingenommenen Festen.

Den Leuten der zweiten Gattung scheint das Gegentheil von dem Gesagten das Richtige zu sein, sie trinken Wochen, ja Monate lang gar kein Wasser; denn das Wassertrinken ist nicht vom Guten, wie sie meinen.

Wie doch die Menschen zu Zeiten allen gesunden Sinn verlieren, sich förmlich jedes vernünftige Urtheil unterbinden, jedem instinktiven Trieb und Gefühl, dem die Thiere blind Folge leisten, um es gemein zu sagen, von vornherein den Hals abschneiden. Ist dieses vernünftig?

Einige Minuten, bevor die Uhr schlägt, kündigt sich's an. Hat denn der große Werkmeister, unser Schöpfer, etwas Halbes, ein Pfuschwerk gemacht? Oder haben die Menschen in seine wunderbare Ordnung die Unordnung gebracht? So ist es. Der unendlich weise Schöpfergott läßt den Hunger ein Zeichen geben, wann gegessen, den Durst anklopfen, wann getrunken werden soll. Der Menschenkörper, diese lebendige Uhr vom besten Gang und Schlag, liefe und schlüge vortrefflich, wenn nicht der Menschenthor Schmutz und Sand und anderen Unrath zwischen die Räder werfen und so den geordneten Lauf stören, vielleicht zerstören würde.

So oft die zahmen und wilden Thiere Hunger verspüren, suchen sie Nahrung; so oft der Durst sich einstellt, eilen sie zum frischen Quell. Nach erfolgter Sättigung hören sie sofort auf, ein Weiteres zu sich zu nehmen.

Gerade so handelt der unverdorbene Mensch bei geregelter Lebensweise, gleichviel ob er gesund sei oder krank.

Demnach lautet unser einziger und oberster goldener Grundsatz, den ein Jeder befolgen sollte:

Trinke, so oft es dich dürstet, und trinke nie viel!

Ich kenne Personen, welche die ganze Woche hindurch vielleicht keinen Tropfen Wasser trinken, andere, die sich beim Frühstück mit dem herkömmlichen Glase für den ganzen Tag begnügen. Sie fühlen niemals Durst, und dieses erklärt sich also, daß bei unserer Zubereitung von Speisen in letzteren dem Körper täglich eine Menge Wasser zugeführt wird. Wenn wir von großen Erhitzungen des Sommers oder von den in der Regel eine Krankheit anmeldenden Hitzen im Körper absehen, so ist der eigentliche Durst vielen Menschen ein seltener Gast, und es bleibt mir wenigstens stets ein Räthsel, wie gleichwohl so viele Menschen ohne jedes Bedürfniß im armen Magen förmliche Überschwemmungen anrichten. So etwas kann ja nicht ungerächt bleiben.

An dieser Stelle muß ich doch ein Wort sagen über das Trinken bei Tisch, hauptsächlich während des Mittagessens. Bei Landleuten kommt es kaum oder wenigstens nicht in ausgedehntem Maße vor. Die Sache betrifft mehr die Stadt- und Herrenleute. "Unter das Essen hineintrinken", wie man sagt, ist nicht gut. Ich kenne manche Aerzte, besonders der älteren Schule, welche den Gesunden dieses abrathen und ihren Kranken solches entschieden verbieten. Wer ein Auge hat und etwas Erfahrung, weiß, daß Alle, welche während des Essens viel Wasser, Bier oder Anderes genießen, mit einem Worte, daß alle Vieltrinker stets über Mangel an Verdauung klagen.

Es kann gar nicht anders sein. Wieso?

Während man die Speise im Munde kaut, wird sie, oder soll sie gemischt, ganz durchdrungen werden vom Speichel, der ja zu diesem Zwecke von eigenen Organen, den Speicheldrüsen, bereitet wird. Es wäre unklug, irgend etwas Festes zu schlucken, d.i. es in den Magen, diese lederne Maschinerie, zu bringen, bevor jene erste wichtige Vorarbeit der Verkleinerung und Erweichung gut und recht gethan ist. — Im Magen werden sodann die also vorbereiteten Speisen mit dem Magensäfte getränkt. Je reiner, je besser, je ursprünglicher, d. i. je unvermischter dieser wichtige Saft, desto besser die Verdauung und ihre Resultate, d.h. desto besser auch die durch die Verdauung bereiteten und der Natur zur Ausarbeitung und Vervollkommnung der verschiedenen Bestandtheile des Körpers vorgelegten Säfte und Nährstoffe.


Wenn Jemand nun eine Speise ißt und das Genossene mit fremder Flüssigkeit, sei es Wasser, Wein oder Bier, übergießt, so wird diese Speise schon nicht mehr von reinem Magensaft durchdrungen, sie wird, zum Theile wenigstens, durchtränkt von dem zugeschütteten Wasser, Bier und Wein.

Wer während einer Mahlzeit das besagte Ueberschütten sechs- bis achtmal vornimmt, verdünnt einmal den Magensaft derart, daß er als Verdauungsessenz nicht mehr dient, und bewirkt sodann, daß sein Magen von einem auf sechs bis achtfache Art gemischten Speisebrei erfüllt, vielmehr gequält ist. Wer will da noch klagen, daß der arme Magen nicht Ach und Weh schrei!, daß die Verdauung eine schlechte ist, wie so oft die Klage lautet!

Wie soll man demnach sein Trinken einrichten?

Wer vor dem Essen Durst hat, der trinke! Durch den Durst zeigt sich die Dürftigkeit der Säfte an. Die Magensäfte sind zudem dick und erleiden eine Verdünnung,

Bei Tisch soll wo möglich nicht oder sehr wenig getrunken werden, damit der reinste Magensaft auch noch den letzten Bissen tränke und durchdringe.

Ist eine längere Zeit nach dem Essen vorüber, verlangt der Speisebrei zu seiner weiteren Verarbeitung vom Magensäfte wieder Flüssiges, mit andern Worten, stellt sich nach 1, 2, 3 Stunden wieder Durst ein, dann kann mäßig auch wieder getrunken werden.

Ich habe mit manchem tüchtigen Arzte gerade über diesen Punkt eingehend gesprochen. Alle theilten vollkommen meine Ansicht und schrieben die Unzahl der Magenleiden zum großen Theil den diesbezüglichen Ueberschreitungen der Menge zu.

Trinke, so oft es dich dürstet, und trinke nie viel!

Die Landleute lieben den Platzregen gar nicht; sie behaupten, daß er unfruchtbar sei und mehr zerstöre als nütze. Dagegen versichern sie, daß jene starken Morgennebel, welche dem Bauern den Hut netzen, daß er triefet, ihre lieben Freunde seien, weil sie die beste Fruchtbarkeit" bringen und befördern.

Der Körper, speziell der Magen bedarf Flüssiges, um seinen Magensaft zuweilen zu verdünnen, zu mehren und so über all' die festen Insassen Meister zu werden. Er meldet sich jedes mal, wenn die Noth an ihn herantritt, bald durch leises Anklopfen im geringen Verlangen nach Wasser, bald durch lautes Pochen und Schreien im heftigen Durste. Da soll man stets auf ihn hören, mag nun das Rufen von einem gesunden oder kranken Magen ausgehen, aber ihm nie mehr geben, als ihm selbst gut ist, kleine Mengen in gehörigen Zwischenräumen; in Erkrankungsfällen zumal, wie in der Fiebergluth, eher öfter, z.B. alle 5—10 Minuten, ein Eßlöffel, als auf einmal ein Glas. Letzteres würde den Durst nicht stillen und zum bestehenden Uebel eine neue Beschwerde hinzufügen.

Ein Beispiel meines Vorgehens möge diesen Abschnitt schließen. Es leidet Jemand an hartem Stuhlgänge, große Hitze quält den Unterleib, heftiger Durst den armen Kranken; er könnte, wie er sagt, 2, 3, 4 Glas Wasser, Glas auf Glas trinken; es ist ihm, als ob es in einen Glühofen geschüttet werde. Ich glaube das; die Wassermasse kommt in den Magen und macht dann, ohne die leidende Stelle irgend zu berühren und günstig zu beeinflussen, eine rasche Wanderung durch den Leib, bis sie vollinhaltlich, ja noch eine ordentliche Menge des unentbehrlichen Magensaftes mit sich schwemmend, ausgeschieden wird. Man gebe dem Kranken statt der vielen Gläser mit Wasser während eines Tages jede halbe Stunde einen Eßlöffel voll. Man wird ganz andere Wirkung verspüren, eine Wirkung, welche das nothwendige Ergebniß einer verkünftigen Behandlung sein muß.

Die kleine Menge Wasser wird schnell vom Magensafte erfaßt und leicht mit demselben vermischt. Die eine jede halbe Stunde erfolgende Nachspeisung gibt reichlichere Säfte, die kühlend, und in normalem Laufe den Körper, die Eingeweide durchströmen und erweichend und lösend binnen kurzer Zeit allen Stockungen und Verhärtungen ein Ende machen. Unzählige haben in dieser Beziehung meinen Rath befolgt, und schnell ward ihnen geholfen.

In der allerneuesten Zeit wurde viel gesprochen und geschrieben von den Wirkungen des Trinkens von heißem Wasser (30 bis 35° R. = 38 bis 43° C., wie bei Kaffee und Thee), besonders bei chronischen Krankheiten. Ich selbst habe vor Jahren bei manchen Patienten gute Erfolge erzielt, Ehre, wem Ehre gebührt! Wer dem warmen Wasser vor dem kalten, frischen Elemente den Vorzug gibt, wer wollte ihn tadeln oder gar verurtheilen! Das ist Geschmacksache. Ich habe indessen durch Erfahrung gefunden, daß kaltes, lebendiges (nicht getödtetes) Wasser dieselben, wenn nicht bessere Dienste thut. Ich für meine Person ziehe es jedem lauwarmen oder heißen Wasser vor. Jeder wähle, wozu ihn das Verlangen treibt!


II. Apotheke-Heilmittel, Allgemeines, Einteilung, Zubereitung     Inhalt Allgemeines und Eintheilung     Apotheke     Inhalt

Zu den Dingen, welche ich verabscheue und hasse, zählt als ein gründlich und grundsätzlich gehaßtes das Geheimmittel-Wesen, die Krämerei mit Heilmitteln, welche als Geheimniß des Erfinders gelten.

Diesen Vorwurf soll mir Niemand machen können. Darum öffne ich in diesem zweiten Theil die Läden meiner Apotheke und lasse einen jeden hineinschauen und hineinschmecken bis in's letzte Theeschächtelchen und in's kleinste Oelfläschchen. In jeder Apotheke steckt ein theures Geld; in der meinigen ist nicht viel Rares. Ich gestehe dieses sehr gerne zu und betrachte diesen leicht möglichen Vorwurf als einen großen Vorzug meiner Apotheke.

Fast sämmtliche meiner Thee und Extrakte, Oele, Pulver rühren von früher geachteten, jetzt vielfach verachteten, spottbilligen Heilkräutern her, welche der liebe Herrgott im eigenen Garten, aus freiem Felde, manche um's Haus herum an abgelegenen und unbesuchten Stellen wachsen läßt, Heilkräutern, die meistens keinen Pfennig kosten.

Mein Büchlein ist ja in erster Linie für arme Kranke geschrieben, für welche ich auch, den Himmelslohn im Sinne habend, dieses opfervolle Handwerk treibe oder, wenn man will, Andern "in's Handwerk pfusche". Für sie suchte ich mit Absicht all die gleichfalls armen alten Bekannten auf, vieles Andere bei Seite lassend. Lange Jahre hindurch habe ich sondirt und geprüft, getrocknet und zerschnitten, gesotten und gekostet. Kein Kräutchen, kein Pulver, das ich nicht selbst versucht und als bewährt befunden habe! Ich wünsche nur das Eine, daß die alten Bekannten zu neuen Ehren gelangen, bei einer Klasse von Menschen wenigstens.

Ich habe mich lange besonnen, ehe ich mich entschloß, den für sich allein ausreichenden und genügenden Wassermitteln diese Apotheke , d.i. dieses Verzeichniß der dem Wasser von innen heilsam entgegenwirkenden Hilfsmittel anzufügen. Es könnte wie eine Mißtrauens-Kundgebung gegen die Wasserheilkraft aussehen.

Doch es gibt Kranke, welche aus unüberwindlicher Wasserangst sich schwer zu einer oft notwendigen längeren Wasserkur entschließen können. Diesen wollte ich es erleichtern, mit anderen Worten: die Wasseranwendungen reduziren, vereinfachen und die Zeit des Gebrauches abkürzen. Solches aber kann und wird geschehen, wenn ich der äußeren Kur (mit Wasser) durch eine innere Kur (die Heilmittel) in die Hand arbeite.

Wer sämmtliche Artikel dieser Apotheke überblickt, sieht sofort, daß Sie wie die gesammten Wasseranwendungen selbst dreifachen Zweck haben: ungesunde, kranke Stoffe im Innern aufzulösen, auszuleiten, sodann den Organismus zu kräftigen. Insofern glaube ich mit vollem Rechte behaupten zu können, daß beide Verfahren, das innere und das äußere, zusammenstimmen und einheitlich zusammenwirken. Ich warne vor einer Täuschung. Wer glaubt, er müsse die Wasserkur recht strenge und ernst anwenden, irrt.

Wer meint, er müsse nach innen recht häusig und viel anwenden, irrt ebenfalls. Immer und in allen Fällen gilt der goldene Grundsatz: die gelindeste, ob äußere oder innere, Anwendung ist die beste.

Pflanzen mit zweifelhafter Wirkung, wie Eibisch, Süßholz u.s.w.; mit den geringsten ungünstigen Wirkungen, z.B. auf den Magen, wie Senesblätter, Hopfen u.s.w.; Giftpflanzen vollends habe ich grundsätzlich übergangen.

Wie gut Gott ist! So drängt sich's mir aus dem Herzen! Nicht bloß was zur Erhaltung des Lebens, zu des Leibes täglichem Brod nothwendig ist, läßt er uns wachsen; er, der in unendlicher Weisheit Alles nach Maß, Zahl und Gewicht geschaffen, läßt in väterlicher Liebe zahllos auch diejenigen Kräutchen aus der Erde hervorschießen, welche den Menschen in kranken Tagen Trost, seinem in Schmerzen sich windenden Körper Linderung und Heilung verschaffen.


Wie gut Gott ist! Daß wir Einsicht haben. Den Pflänzchen, welche durch die ihnen vom Schöpfer angehängten Riechfläschchen, den würzigen Heilduft, sich selbst uns ankündigen und freundlich zuvorkommend stellen, wollen wir fleißig nachgehen und beim Pflücken eines jeden mit kindlichem Danke unseren unendlich liebevollen Vater preisen, der im Himmel ist!

Unsere Hausapotheke soll vier Hauptabteilungen oder Hauptfächer und einige kleinere Nebenfächer enthalten.

In die Hauptfächer stellen wir: in das erste die Tinkturen, in das zweite, größte, die Theesorten, in das dritte die Pulver, in das vierte die Oele.

In die Nebenfächer kommt, wieder gut geordnet, alles Andere, was nicht unter obige vier Abtheilungen fällt. Auch die Leinwandabfälle zum Ueberbinden und Ueberlegen (stets rein und frisch), die Baumwolle u.s.w. können eines der Nebenfächer einnehmen.

Die Tinkturen und die Oele müssen in Gläsern ausbewahrt werden, die verschiedenen Thee und Pulver entweder in festen Papiertüten oder besser in Schachteln. (Wer neue machen läßt, soll sie länglich rund und gleichmäßig, wenn auch in verschiedenen Größen, machen lassen, daß sie dastehen wie Soldaten in Reih und Glied. Das macht einem jeden Freude und gibt der Hausapotheke ein Ansehen - und das gehört ihr auch.) Alles an einem kühlen, jedoch nicht feuchten (daß sich nicht Schimmel ansetze) und nicht allzu abgelegenen Orte im Hause!

Auf einem jeden Glase oder Fläschchen, auf jeder Schachtel oder Düfte soll genau und für jedermann gut leserlich die Aufschrift des Inhaltes stehen. Am besten werden sodann die verschiedenen Heilmittel in jeder Abteilung alphabetisch d. h. nach dem ABC geordnet. Was mit A anfängt (z. B. Alaun), marschirt am Anfang auf; was mit Z beginnt (z. B. Zinnkraut), bildet den Schluß der Reihen

Vor Allem soll in der Hausapotheke große Ordnung sein. Jeder Fremde, welcher dieselbe bisher nie gesehen, muß im Augenblick jedes Fläschchen, jeden Thee u.s.w. finden. Dann muß große Reinlichkeit herrschen. Auf keiner Schachtel darf, ich will nicht sagen, liniendicker, es darf gar kein Stäubchen liegen; an keiner Flasche, selbst nicht an einer Oelflasche, dürfen Schmutz- oder Oelflecken wie nachlässig gekämmte Haare herunterhängen. Nichts entehrt ein Haus mehr als Unreinlichkeit; merke wohl: nach zwei Dingen hauptsächlich beurtheilt man - und zwar mit vollem Rechte und meistens sehr wahr - das ganze Haus. Sind diese in Ordnung, so ist, schließt man, Alles in Ordnung. Sind sie unordentlich, so heißt's: in diesem Hause, in dieser Wohnung müssen die Einwohner recht unordentliche Leute sein. Willst du die zwei Dinge wissen? Sie heißen: Hausapotheke und Abort.

Am besten wird es mit der Ordnung der Hausapotheke bestellt sein, wenn die Hausmutter oder ein fleißiger Sohn oder die reinlichste und ordnungsliebendste Tochter die Sorge und Verantwortung übernimmt. Sie wird die pünktlichste, gewissenhafteste Reinlichkeitspflege als Ehrensache betrachten und den Staublumpen stets in einer Ecke bereit liegen haben. Wenn sie ihr Amt gut verwaltet, das ja für's ganze Haus, für alle Glieder desselben von Segen ist, darf sie mit Freude an jenes Wort des göttlichen Heilandes denken: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder gethan habt, das habt ihr mir gethan."

Was so eine kleine Hausapotheke annähernd enthalten soll, habe ich am Ende dieses zweiten Theiles angegeben. Ich rathe ab von allem nicht Notwendigen. Man kann gelegenlich das eine oder andere Mittel beifügen.

Hier soll nur noch ein Wort stehen über die Bereitung der Tinkturen, des Thees, der Pulver.


Zubereitungen     Apotheke     Inhalt

Tinkturen oder Extrakte
Thee
Pulver
Oele


Tinkturen oder Extrakte     Zubereitungen     Inhalt

Die inneren Kräfte, die Heilsäfte können aus einer Pflanze in verschiedener Weise ausgezogen werden. Den besten, stärksten Auszug erhalten wir im eigentlichen, sogenannten Extrakt.

Der Extrakt wird folgendermaßen bereitet:

Man sucht unter den Kräutern, Beeren u.s.w., aus denen man den Extrakt gewinnen will, die besten aus : die reifsten, die untadelhaften; diese trocknet man auf einem Brett an der frischen Luft, stets (das merke man sich gut) jedoch im Schatten, niemals an der Sonne. Beim Trocknen wird sich noch Manches zeigen, was als untauglich verworfen werden muß.

Nachdem die Kräuter, Beeren u.s.w. gut getrocknet sind, zerkleinere, zerschneide man sie, wenn nothwendig, und bringe sie in eine verschließbare Flasche (Weinflasche). Diese nun wird mit echtem Kornbranntwein - den ich allem Andern vorziehe - oder in dessen Ermangelung mit reinem Spiritus oder Fruchtbranntwein ausgefüllt und luftdicht verschlossen für einige Zeit an einen mäßig warmen Ort gestellt. Ich habe derart gefüllte Flaschen schon ein Jahr lang und noch länger ruhig stehen lassen und dann erst den mit dem ausgezogenen Saft des betreffenden Heilmittels durchtränkten Spiritus als Extrakt abgegossen. Im Noth- und Bedarfsfalle kann man denselben schon nach wenigen Tagen des Ansatzes in Gebrauch nehmen.

Die Tinkturen nimmt man tropfenweise; in gewissen Fällen (es ist dieses jedesmal ausdrücklich angegeben) wird aus den Kaffeelöffel (kleineres Maß) und aus den Eßlöffel (größeres Maß) hingewiesen.


Thee     Zubereitungen     Inhalt

Bei trockener Witterung, vielleicht wenn du vom Felde heimkehrst, oder wenn du hinausgehst, den Stand der Saaten zu betrachten, mache einen Abstecher und sammle da diese, dort jene Heilkräuter. Was auf trockenem Grunde wächst, gar an sonnigen Berghalden, verdient den Vorzug, und welche Pflanzen du in der schönsten Blüthezeit sammelst, diese werden dir die herrlichste und in Leiden die gesegnetste Frucht bringen. Manches der Kräuter und Kräutchen wächst in deinem Gras- oder Gemüsegarten, am Haus oder an der Scheune. Du brauchst nur dem zehnjährigen Knaben oder deinem kleinen Mädchen es vorzumachen, wie sie es anstellen sollen, und du verlierst beim Sammeln der Kräuter keinen Augenblick und bereitest deinen Kindern eine Freude. Die Garten- und Feldkräuter sollen jedes Jahr erneuert d.h. neugesammelt, die alten weggegeben werden.

Jede Hausmutter versteht es, jedweden Thee zu bereiten. Von den getrockneten Kräutern (über das Trocknen lies das auf der vorhergehenden Seite Gesagte) nimmt sie zu einer Tasse, soviel sie mit drei Fingern fassen kann, gießt in das Pfännchen über die Theeblätter oder Blüthen sprudelndes Wasser und läßt es einige Minuten auskochen. Dann schüttet sie den fertigen Thee ab.

In dieser Weise bereiteter Thee hat den feinsten Geschmack mit dem besten, jeder Pflanze eigentümlichen Aroma; aber es ist nicht der kräftigste Thee.

Bei mir werden die Kräuter durch längere Zeit förmlich abgekocht, gründlich ausgesotten, daß auch nicht ein Theilchen der Heilkraft verloren geht, vielmehr alle im Wasser gefangen wird.

Die Art des Einnehmens, ob tassen-, ob löffelweise, ist bei jeder einzelnen Krankheit genau angegeben.

Pulver     Zubereitungen     Inhalt

Das Pulver wird gewonnen, indem die trockenen Wurzeln, Blätter, Körner oder Beeren der Heilpflanzen zerrieben oder im Mörser zerstoßen werden.

Manchen Kranken ist damit leichter beizukommen als mit Thee. Man streut ihnen das vorgeschriebene Pulver wie Gewürz (Pfeffer, Zimmt u.s.w.) an eine Speise oder mischt es an einen Trank, daß sie desselben gar nicht gewahr werden.

Die Gefäße, welche zur Aufbewahrung der verschiedensten Pulver dienen, seien des Staubes wegen recht sorgfältig verschlossen.

Oele     Zubereitungen     Inhalt

Die Bereitung der Oele, soweit dieselben nicht in der Apotheke gekauft werden, ist bei jeder Krankheit, in der ein solches zur Verwendung kommt, jedes mal besonders angegeben.

An der Reinhaltung der Oelfläschchen insbesondere wird man den Sinn für Ordnungsliebe, Reinlichkeit u.s.w. erkennen.


Heilmittel A bis B     Apotheke     Inhalt

Agave
Alaun
Aloe
Angelika
Anis
Anserine
Arnika
Attich
Augentrost
Ausscheidungsöl
Baldrian
Bitterklee
Bockshornklee
Brennessel


Agave (Agave americana L.) (Aloe.)     Heilmittel A-B     Inhalt

Agarve Diese Pflanze hat ihre Heimat fern in Amerika. Von dort wurde sie zu uns herüber gebracht; man sieht sie jetzt nicht selten an den Fenstern der Blumenfreunde zwischen anderen Blumenstocken hervorragen. Sie fällt auf und ist erkenntlich durch ihre recht dicken, fleischigen, ziemlich langen Blätter, die feegrün sind und viele Stacheln tragen. Blüthen bringt sie selten ; wenn man aber die Wirkung der fleischigen Blätter kennen würde, dann würde sicher jeder Blumenfreund auch diese ausländische Pflanze in einem Topfe unter seinen Blumen haben.

Die Wirkungen sind folgende:

Wenn man ein solches Blatt nimmt, es in Wasser siedet und trinkt, so reinigt eine solche Tasse Magen wie Gedärme. Auch auf kranke Leber und Gelbsucht wirkt diese Pflanze, wenn sie zu Pulver gemacht und täglich zweimal eine Messerspitze voll davon eingenommen wird.

Wenn man von derselben so ein Blatt mit einem Kaffeelöffel voll Honig in einem Schoppen Wasser siedet und in kleinen Portionen einnimmt, dann nimmt dieser Absud die innere Hitze aus den Augen, wenn dieselben damit gut ausgewaschen werden. Wer sich verwundet hat oder ein Geschwür am Leibe trägt, findet an diesem Blatte Hilfe, weil es ein vorzügliches Heilmittel ist. Wermuth, mit Aloe gesotten, treibt die wässerigen, schlechten Stoffe, aus denen leicht Wassersucht entstehen kann, aus und macht einen recht guten Magen.

Dieses wenige Angeführte veranlaßt mich, jedem Blumenfreunde den Rath zu geben, diese Pflanze auch in einem Topfe unter seinen Blumenstöcken zu pflegen.


Alaun     Heilmittel A-B     Inhalt

Alaun Alaun ätzt, er eignet sich demnach für faule, bösartige Schäden. Ich habe gesehen, wie er selbst den noch nicht zu weit vorgeschrittenen Krebs am Weiterfressen hinderte.

Schwärende, eingewachsene Nägel sollen stets mit Alaun behandelt werden.

Die Anwendung ist folgende:

Alaun wird entweder gepulvert, d. i. zu feinem Staub zerrieben und direkt auf die Wunde aufgestreut, oder er wird in Wasser aufgelöst und die Auflösung in Form von Waschungen oder eingetauchten kleinen Linnenauflagen benützt.

Sind die Wunden von Eiter, Faulfleisch u.s.w. ganz gereinigt, so wirkt Alaun zusammenziehend, trocknend und rasch heilend.

Für Zähne, an denen sich ungesundes Fleisch mit unterlaufenem Blute ansetzt, ist verdünntes Alaunwasser ein erprobtes Mittel.

Als Mundwasser zum Ausspülen des Mundes und der Zähne, sowie als Gurgelwasser dient Alaunwasser längst.


Aloe (Aloe vulgaris Lam.)     Heilmittel A-B     Inhalt

Aloe VulgarisAloe (man kauft das Pulver in der Apotheke) ist sowohl innerlich als äußerlich verwendet von guter Wirkung. Siedet man ein bis zwei Messerspitzen Aloepulver mit einem Kaffeelöffel voll Honig, so reinigt diese Mixtur den Magen gründlich ohne die geringste Belästigung.

Wird Aloe mit anderen Kräutern vermengt und als Thee bereitet, so ist obige Wirkung noch nachhaltiger. Die Mischung hat gewöhnlich folgende Zusammensetzung: eine Messerspitze Aloe, Hollunderblüthen für zwei Tassen Thee, ein paar Messerspitzen Foenum graecum, ein Kaffeelöffel Fenchel. Die zwei Tassen Thee sind innerhalb zwei Tagen zu nehmen. Die Wirkung, die nicht in heftigem Abführen, sondern lediglich in reichlichem Stuhlgang besteht, tritt erst nach 12 bis 30 Stunden ein.

Eine Anwendung von Aloe mit Johanniskraut und Schafgarbe wird an anderer Stelle erwähnt werden.

Dieselbe reinigende Kraft, welche Aloe innerlich angewendet zeigt, hat sie auch bei äußerlichem Gebrauche. Wer kranke, trübe, roth unterlaufene, triefende Augen hat, aus denen Eiter und anderer Unrath sich ausscheiden, bereitet sich aus Aloe ein vorzügliches Augenwasser. Eine kräftige Messerspitze Aloe wird in ein Medizin-Glas geschüttet, mit heißem Wasser übergossen, gerüttelt - das Augenwasser ist zum sofortigen Gebrauche fertig. Drei- bis viermal täglich wasche man die Augen äußerlich ab und innerlich aus. Das anfängliche Jucken und leichte Brennen darf Einen nicht stören.

Alte Schäden, faulendes Fleisch, tiefe Narben mit viel Eiter werden vorzüglich gereinigt durch solches Wasser, das sie heilte. Es werde zu dem Zwecke ein Lappen in Abwasser getaucht und auf die leidende Stelle gelegt.

Sollte an irgend einer Körperstelle die Neubildung der Haut durch Geschwüre oder vielmehr durch die aus derselben ausströmende scharfe Flüssigkeit gehindert werden, so streue man Aloepulver auf die Geschwürstelle so dicht, daß der ganze offene Schaden bedeckt ist. Das Ganze werde trocken überbunden. Dieses täglich einmal. Das Pulver bildet, die schlechten Stoffe aufsaugend, eine harte Kruste, unter welcher bald die neue Haut sich zeigt.

Wunden, frische wie alte, heilt Aloe sehr schnell zu. Bei alldem kann das reinliche und reinigende Heilmittel, wohin es immer komme (in das Auge oder in die Wunde), niemals schaden.


Angelika, wilde oder Wald-Engelwurz. (Angelica silvestris L.) Heilmittel A-B  Inhalt

AngelikaEs wächst auf feuchten Wiesen und an nassen Waldstellen eine Pflanze mit einem Stengel, der einen halben bis ganzen Meter hoch ist. Der Stengel ist hohl, und die Buben machen gerne Pfeifen daraus. Diese Pflanze führt den Namen Angelika, Wald- oder wilde Angelika; sie heißt Waldangelika, weil sie meist im Walde zu finden ist; sie heißt auch wilde Angelika, weil sie wild, ohne menschliches Zuthun wächst und sich so von einer andern Art (Angelica archangelica L., edle Engelwurz) unterscheidet, die einer eigenen Pflege bedarf. Beide sind Heilpflanzen im gleichen Sinne und mit gleicher Wirkung; ich ziehe erstere aber vor, weil man sie ohne Mühe haben kann. Hat jemand ungesunde oder halbgiftige Speisen bekommen, so ist ein Thee, von ihren Wurzeln, Säuren und Blättern gesotten, ein vorzügliches Mittel, diese schlechten Stoffe wieder zu entfernen.

Weil das Blut aus den verschiedenen Nährstoffen bereitet wird und die Nährstoffe nicht alle gut und gesund sind für die Natur, so leitet dieser Thee die schlechten Stoffe wieder aus dem Blut. Wie oft kommt es vor, daß im Magen eine unbehagliche Kälte herrscht! Eine Tasse Thee von solchen Wurzeln bringt dem Magen wieder mehr Wärme. Am besten ist es, wenn man eine solche Tasse Thee in drei Portionen theilt und die erste am Morgen, die zweite am Mittag, die dritte am Abend nimmt.

Wenn ungesunde Stoffe im Magen und in den Gedärmen sind, oder wenn versteckte Gase Grimmen verursachen, so ist wieder dieser Thee ein Hauptmittel, das Uebel zu heben, besonders wenn man zum Thee halb Wein und halb Wasser nimmt.

Starke Verschleimungen in der Lunge und Brust, Magenbrennen, Verschleimungen in der Luftröhre werden gerade durch diesen Thee am leichtesten beseitigt.

Man kann mit Recht die Angelika als ein vorzügliches Hausmittel empfehlen, und die Landleute sollten fleißig auf ihren Wiesen und in ihren Wäldern eine ziemliche Portion für das ganze Jahr sammeln, an der Luft trocknen und an einem trockenen Orte aufbewahren. Diese Wurzeln, Samen und Blätter, gut getrocknet, können auch zu Pulver gemacht werden, und wenn man täglich zwei oder dreimal eine Messerspitze voll solchen Pulvers einnimmt, so ersetzt dieses den Thee.

Dem Pflanzenunkundigen gebe ich notgedrungen den guten Rath, nicht Angelika zu sammeln, er könnte sonst aus der Wiese Roßkümmel oder aus dem Walde gar Schierling (Giftpflanze) zu seinem Verderben nach Hause tragen. Ich setze diese Worte her, weil Beides sich ereignet hat.


Anis (Pimpinella anisum L.)     Heilmittel A-B     Inhalt

AnisAnis ist wie Fenchel sehr zu empfehlen. Seine Wirkung auf Gase (Winde) übertrifft jene des Fenchels bei weitem. Meistens werden beide Heilmittel mit einander gemengt und verbunden.

Die Oele von Anis und Fenchel kauft man am leichtesten in der Apotheke. Gegen obiges Leiden genügen 4-7 Tropfen auf Zucker, täglich ein bis zweimal zu nehmen.


Anserine oder Gänsefingerkraut (Potentilla anseria L.)     Heilmittel A-B     Inhalt

AnserineDas Gänsefingerkraut wächst, wie sein Name besagt, da am besten, wo Gänse sich am liebsten aufhalten. Man trifft es besonders zahlreich in der Nähe der Häuser, ferner aus Triften, an Weg- und Grabenrändern. Viele Leute haben ihm, nach seiner Wirkungsweise, den Namen Krampfkraut gegeben.

Thee von Anserinenkraut ist ein vortreffliches Mittel bei Krampfanfällen, seien dieselben im Magen, im Unterleib oder wo immer. Bei Starrkrampf selbst - soweit überhaupt eingewirkt werden kann - thut dieses Kräutchen sehr gute Dienste. Beim Beginne der Anfälle, besser noch bei den sich zeigenden Symptomen (Vorzeichen) der Krämpfe, gebe man dem Kranken täglich dreimal recht warme Milch (so warm sie der Kranke ertragen kann), in welcher solche Heilkräuter (so viel mit drei Fingern zu fassen sind) wie zu Thee abgebrüht wurden.

Doppelte Wirkung erzielt der, welcher solchen Thee einnimmt und zugleich auf die krampfhaften Stellen Ueberschläge mit dem im Wasser angeschwellten oder abgebrühten Kraute macht.

Keine Familienmutter soll es unterlassen, einen hinlänglichen Vorrath solchen Krautes zu sammeln und zu trocknen. Sie weiß selbst zu beurtheilen, wie schmerzhaft solche häufig vorkommenden Krampfanfälle sind, und wie es noch größeren Schmerz bereitet, Angehörige leiden zu sehen, ohne helfen zu können.


Arnika oder Bergwohlverleih (Arnica montana L.)     Heilmittel A-B     Inhalt

ArnikaArnika besitzt in der ganzen Welt den Ruf einer vorzüglichen Heilpflanze. Weßhalb gerade Viele von denen, die Solches wissen könnten und sollten, dieses bestreiten, begreife ich wenigstens nicht.

Die Arnika- Tinktur ist so allgemein bekannt und bei Wunden zu deren Auswaschen, zu Kompressen (Aufschlägen) u.s.w. so allgemein in Uebung, daß es mir nicht nothwendig erscheint, darüber auch nur ein Wort zu verlieren.

Man kauft diese Tinktur billig; ein Jeder kann sie aber auch leicht selbst bereiten. Die Blüthen werden Ende Juni und Anfangs Juli gesammelt und in Branntwein oder Spiritus angesetzt. Nach ungefähr drei Tagen schon kann die fertige Tinktur in Gebrauch genommen werden.


Attich oder Zwerghollunder. (Sambucus ebulus L)     Heilmittel A-B     Inhalt

AttichAm Rande der Wälder, besonders abgetriebener (ausgehauener), sieht man Stauden, einen Meter und darüber hoch, die im Juli weiße, große Doldenblüthen, im Herbste prächtige, schwere, glänzende Doldentrauben tragen. Das ist der Attich oder Zwerghollunder.

Der Thee, aus solchen Wurzeln bereitet, treibt mit außerordentlicher Wirkung das Wasser ab in der Wassersucht und reinigt die Nieren. Mir sind mehrere Fälle bekannt, in denen solcher Thee die ziemlich vorangeschrittene Wassersucht vollständig heilte und ausheilte.

Auch bei anderen Zufällen im Unterleib, die von schlechten Säften herrühren, wirkt er gut; er scheidet die Säfte durch den Urin aus.

Attichthee, den man aus dem Pulver bereitet, thut dieselben Dienste. Zu einer Tasse, die auf zweimal zu verschiedenen Zeiten des Tages genommen wird, reichen zwei Messerspitzen des Pulvers aus.

Im Spätherbste sammelt man die Wurzeln, trocknet sie gut an der Luft und bewahrt die gedörrten Wurzeln oder das aus den zerstoßenen Wurzeln gewonnene Pulver in der Hausapotheke auf.


Augentrost (Euphrasia officinalis L.)     Heilmittel A-B     Inhalt

AugentrostZum Lohn und aus Dankbarkeit für treue Dienste haben unsere Voreltern diesem kleinen Kräutchen den schönen Namen "Augentrost" gegeben. Wenn oft kein Mittel mehr helfen wollte, spendete dieses Blümchen den Augen den letzten Trost. Ich habe dasselbe schon recht häufig gerathen und mit guten Erfolgen.

Wenn die Oehmd- oder Grummet-Ernte (Grummet = Grüngemähtes, der zweite oder dritte Schnitt von der Wiese) zur Hälfte reif ist, im August etwa, findest Du dieses Heilkräutlein fast aus jeder Wiesen. Oft wächst es so zahlreich, das eigentliche Futter verdrängend, daß die Bauersleute ihm gram werden.

Sowohl die getrockneten als die zerriebenen Blätter kommen als Thee und als Pulver zur Anwendung. Mit dem Thee wäscht man täglich zwei- bis dreimal die Augen gut aus, oder man taucht in denselben kleine Fleckchen, die man über Nacht auf's Auge legt und mit einer Binde befestigt. Das Auge wird so gereinigt, geklärt, die Sehkraft gestärkt.

Nach meiner Praxis lasse ich zu gleicher Zeit die Patienten das Pulver nach innen anwenden, und zwar täglich eine Messerspitze in einem Löffel Suppe oder Wasser. Damit ist die Heilkraft des Kräutchens nicht erschöpft. Auch Magentrost könnte man es nennen. Wegen seiner angeborenen Bitterkeit gilt sein Thee als Magenbitter zu regerer Verdauung und zur Verbesserung der Magensäfte. Probire es einmal, lieber Leser; das Kräutchen wird auch bei dir mit seinem Trost nicht kargen!


Ausscheidungsöl (im Volksmunde "Malefizöl")     Heilmittel A-B     Inhalt

Es gibt Fälle, wo in Körpern sich so viele kranke Stoffe angesammelt haben, daß es ungemein schwer ist, dieselben gänzlich auszulösen und auszuleiten. Die Schwierigkeit besteht nicht in der zweifelhaften Leistungsfähigkeit des Wassers oder der verschiedenen Anwendungen, vielmehr in der Frage: wird ein solcher Patient, werden insbesondere schwächliche Naturen vor den nothwendig anzuwendenden Uebungen und der Langwierigkeit einer solchen Kur nicht zurückschrecken und so alle Bemühungen vereiteln? Dieser Gedanke hat mich viel beschäftigt, und manche Erfahrung hat zu neuem, ernstem Nachdenken angespornt.

Da fiel mir ein, daß ja manches innere Leiden plötzlich verschwand, sobald nach außen hin ein Ausschlag zu Tage trat.

Könnte man, so fragte ich mich, nicht auf künstliche Weise solchen Ausschlag bewirken, mit andern Worten, durch irgend ein Mittel den im inneren Körper verborgenen kranken Stoffen zum Durchbruch verhelfen, dieselben herauslocken an die Oberfläche der Haut und so der Wasserkur ihre Arbeit um ein gutes Stück erleichtern?

Nach langem Suchen traf ich auf ein Oel, welches diese Dienste in vortrefflicher Weise leistet, bei manchen Fällen geradezu mit anfallenden Erfolgen. Dasselbe ist, wie gesagt, zur Heilung nicht absolut notwendig, keine conditio sine qua non; das Wasser allein kann wohl die Arbeit thun. Aber es unterstützt und fördert das oft sehr schwere Werk der Auflösung und Ausleitung um ein bedeutendes. Das Oel wird nur äußerlich angewendet und allein in solchen Fällen, in denen so auf die leichteste Weise eine vortheilhafte Ausleitung des kranken Stoffes erzielt werden kann. Die Wirkung ist ganz und gar unschädlich, aber gründlich, tiefgehend bis in's Innerste. Weil es die Rebellen im Körper und im Blut mit scharfer Spürnase wittert und sicher an's Tageslicht bringt, hat ein Herr, bei dem es prächtig und erfolgreich diente, ihm den Namen "Malefizöl" gegeben, den es bis heute behalten. Ich hatte keinen Grund, den originellen Namen irgendwie anzufechten.

Die Art der Verwendung mögen einige Beispiele veranschaulichen.

Jemand klagt über Augenleiden: die Augen sind geröthet, jede Helle thut weh. Sie triefen sehr stark und schmerzen auf's erfindlichste. In diesem Falle reibe ich die Hautfläche hinter den Ohren (an Ohrmuschel und Hinterhaupt) leise, um sie etwas zu erwärmen, und trage dann sachte drei bis vier Tropfen solchen Oeles auf die erwärmte Stelle auf. Schon nach einer halben Stunde spürt der Patient die Wirkung, ein leichtes Spannen und Brennen ; nach ungefähr 24 Stunden erscheinen unzählige, mit Eiter angefüllte Bläschen, die je nach der Masse des auszuziehenden kranken Stoffes wachsen, später vertrocknen und als verdorrte Krusten abfallen. Sollte der erste Versuch nicht gelingen, d.h. sollte das Oel nach circa 30 Stunden nicht wirken, so bringe man am zweiten Tage nochmals ein paar Tropfen auf die gerötheten Stellen. Die Wirkung wird sicherlich nicht ausbleiben, und der Giftstoff, der im Auge die Entzündung verursacht hat, in Bälde ausgegangen sein. Bei einer Reihe derartiger Augenleiden ließ bei Anwendung besagten Oeles schon nach 1 bis 2 Stunden der Schmerz nach, und binnen kurzer Zeit waren die Augen rein und gesund.

Patienten, die schon Wasserheilanstalten besucht haben, behaupten, man erblicke im Erscheinen eines Auschlages ein sicheres Zeichen vom guten Gelingen der ganzen Kur.

Heftiges Zahnweh plagt einen andern Patienten: das Zahnfleisch ist angeschwollen, der Kiefer schmerzt, als ob er zerrissen werde, den ganzen Kopf peinigt die schmerzlichste Aufregung. Wie beim ersten Fall bringe man einige Tropfen unseres Oeles hinter die Ohren oder in's Genick. Der Erfolg muß ein günstiger sein.

Eine Eigenthümlichkeit des Oeles besteht noch darin, daß es bei der ersten und vornehmeren Arbeit des Aufziehens die bestrichene Stelle verwundet, dann aber, sobald es seine Pflicht gethan, in zweiter Arbeit dieselbe schnell und gut zuheilt.

Das Oel betrachte ich nicht im Mindesten als ein Geheimmittel; ich habe dessen Zusammensetzung manchem vertrauten Freunde mitgeteilt. Um indessen Mißbräuchen und wohl auch Mißgriffen verschiedener Art vorzubeugen, sehe ich mich veranlaßt, das Rezept der Oeffentlichkeit nicht kundzugeben.


Baldrian, gebräuchlicher. (Valeriana officinalis)     Heilmittel A-B     Inhalt

BaldrianDaß im Baldrian etwas Besonderes stecken muß, darüber belehren uns die Katzen, die er durch seinen Geruch so anzieht, daß sie sich auf seinem Kraute wälzen.

Wir benützen allein die Wurzel, die entweder zur Theebereitung zugeschnitten oder zu Pulver zerrieben und stets nur (als Thee und als Pulver) in kleinen Portionen genommen wird.

Baldrianwurzel lindert Kopfbeschwerden und hebt krampfhafte Zustände ähnlich wie die Raute; sie wirkt auf beide Leiden gut ein, weil sie deren hauptsächlichste Ursachen, die Gase nämlich, ausscheidet.


Bitter- oder Sumpfklee (Menyanthes trifoliata L.)     Heilmittel A-B     Inhalt

BitterkleeBitterklee ist eine Pflanze, welche auf Moorgrund und gewöhnlich in der Nähe von laufendem Wasser steht. Da, wo das Wasser im Fließen keinen Ausweg mehr gefunden hat und eine kleine oder größere Pfütze bildet, wachst unter sauerem Grase auch diese Sumpfpflanze. Sie hat drei Blätter und ist sehr bitter, daher der Name Bitterklee. Diesem Kraut gibt vorzüglichen Thee für den Magen; er wirkt gut auf die Verdauung und hilft gute Magensäfte bereiten.

Bitterklee, in Branntwein angesetzt, gibt den sogenannten "bittern Geist", der denselben guten Zwecken dient.


Bockshornklee (Trogonella foenum graecum) siehe: Foenum graecum    Heilmittel A-B     Inhalt

Brennessel, große. (Urtica dioca L.)     Heilmittel A-B     Inhalt

BrennesselDie Brennessel ist die verachtetste unter den Pflanzen. Manche zartbenervte Seelen sticht und brennt es schon, wenn sie nur diesen Namen hören. Ob wohl mit Rechte. Jüngst hörte ich, daß ein Wanderlehrer, ich glaube in Böhmen, über die Brennesseln und deren Bedeutung eine ganze Broschüre geschrieben habe. Der fängt's wieder einmal gut an, das lobe ich mir! Die Brennessel hat in der That für Kenner den größten Werth.

Frische Brennesseln, vom Standorte gerade weggenommen, gedörrt und zu Thee verwendet, lösen die Verschiebungen in Brust und Lunge, reinigen den Magen von verlegenen Stoffen, die sie hauptsächlich beim Uriniren entfernen.

Kräftiger als die Blätter wirken die Brennesselwurzeln, ob man sie im Sommer grün ausgegraben oder im Winter gedörrt verwendet. Eine beginnende Wassersucht kann durch Thee von Brennesselwurzeln gehoben werden. Derselbe räumt überhaupt mit faulen Säften im Inneren gründlich auf.

Wer unreines Blut hat, soll zur Sommerszeit recht oft Brennesseln, wie Spinat gekocht, essen. Man liebt besonders in Italien die Kräutersuppen. Kräuterknödel aus Brennesseln sind nicht bloß ein Nähr-, sondern auch ein Gesundheitsmittel.

Wer an Rheumatismus leidet und kein Mittel mehr findet, denselben auszutreiben, bestreiche oder schlage die schmerzenden Stellen täglich ein paar Minuten lang mit frischen Brennesseln. Die Furcht vor der ungewohnten Ruthe wird bald der Freude über deren vorzügliche Heilwirksamkeit weichen.


Heilmittel D bis F     Apotheke     Inhalt

Dornschlehblüte
Eibisch
Eichenrinde
Enzian
Erdbeere
Fenchel
Foenum graecum


Dornschlehblüthe. (Prunus spinosa L.)     Heilmittel D-F     Inhalt

DornschlehblüteDornschlehblüthen sind das schuldloseste Abführmittel und sollten in jeder Hausapotheke in vorderster, leicht zugänglicher Reihe zu finden sein.

Wie oft fühlt man im Magen und im Unterleib, im ganzen Befinden, daß eine schnelle Purgirung (Abführung) gut, ja nothwendig wäre ; man sucht ein leichtes Mittel und sucht und - könnte es so leicht bei der Hand haben!

Nimm solche Dornschlehblüthen, siede dieselben 1 Minute lang und trinke 3 bis 4 Tage lang solchen Thee, täglich 1 Tasse! Der Thee wirkt leicht, ohne alle Unannehmlichkeiten und Beschwerden, dazu dennoch gründlich.

Als Magenmittel, als reinigendes und stärkendes, kann ich diesen Thee gleichfalls bestens empfehlen.


Eibisch. (Althaea officinalis L.)     Heilmittel D-F     Inhalt

EibischEibischthee wird sehr viel gebraucht bei Erkältungen. Ich bin für denselben nicht besonders eingenommen, da er meinen Erwartungen zu wenig oder nicht entsprochen hat. Schon beim Sieden erhält man eine schlütterige (zähe) Masse, die nach verhältnismäßig kurzer Zeit schleimig wird und so - was in der That oft vorkommt - den Appetit nehmen oder verderben muß. Derlei Medizinen empfehle ich nie. Gelinde gesagt ist mir Eibischkraut und Eibischwurzel etwas verdächtig. Ich wähle deßhalb stets Heilkräuter, welche dieselben Dienste zweifellos sicher thun.


Eichenrinde     Heilmittel D-F     Inhalt

EichenrindeHeißt er uns gar die Eichenrinde als Medizin gebrauchen: Ja freilich, sie mag frisch vom Baume weg oder getrocknet sein.

Junge Eichenrinde, längere Zeit (1/2 Stunde) abgebrüht gibt einen heilkräftigen Absud. Man tauche nur ein Handtüchlein in denselben und winde es als Wickel um den Hals. Solche Wickel lösen auf und verdrängen dicke Hälse, und wenn ein Kropf noch nicht zu groß und zu fest ist, sind sie selbst die wirksamsten und zugleich schuldlosesten Kropfmittel. Mit den Drüsen räumen diese Wickel nicht weniger gründlich auf.

Wer an Mastdarmvorfall leide, nehme fleißig Sitzbäder mit Absud von Eichenrinden, dazu zuweilen kleine Klystiere mit verdünntem Absud.

Die lästigen und oft gefährlichen Mastdarmfisteln löst der Absud und heilt sie aus.

Auch harte Geschwülste, die nicht entzündet sind, können ebenso behandelt und aufgelöst werden.

Thee von Eichenrinde wirkt wie Harz stärkend auf die inneren Gefäße.


Enzian, gelber. (Gentiana lutea L.)     Heilmittel D-F     Inhalt

EnzianDer gelbe Enzian wächst besonders auf den Bergen. Durch zuverlässige Leute kann man leicht und billig dieses prächtige Heilkraft sich sammeln lassen. Vor Allem rathe ich, Extrakte von Enzian zu bereiten. Die Enzian-Wurzeln werden zu diesem Zwecke gut getrocknet, klein geschnitten und so mit Branntwein oder Spiritus in Glasflaschen angesetzt.

Dieser Extrakt ist eines der ersten Magenmittel. Man gieße 20 bis 30 Tropfen desselben an 6 bis 8 Eßlöffel Wasser in ein Glas und nehme diese Mischung längere Zeit hindurch täglich. Die gute Verdauung wird ein nicht minder guter Appetit recht bald anzeigen. Spürt man, daß eine Speise schwer im Magen liegt und belästigt, das Magentränklein von einem Kaffeelöffel Extrakt in einem halben Glas warmen Wassers wird die Störung bald beendigen.

Für Magendrücken ist Enzian ebenfalls sehr gut.

Auf größeren Reisen, wenn man Tage lang oft schlecht ißt, noch schlechter trinkt und todmüde und halbkrank am Ziele ankommt, leistet ein winziges Fläschchen Enziantinktur, tropfenweise auf Zucker zu Rathe gezogen, treffliche, unbezahlbare Dienste.

Uebelkeiten und Anfälle von Ohnmächten entfernt ein Kaffeelöffel Tinktur in Wasser genommen; sie erwärmt, weckt auf, bringt Körper und Geist wieder in Frieden.

Enzian, zu Thee verwerthet, thut ähnliche Dienste. Man siedet dann entweder die geschnittenen Wurzeln oder selbst das Enzianpulver und trinkt den Absud als Thee.


Erdbeere. (Fragaria vesca L.)     Heilmittel D-F     Inhalt

ErdbeereWelche Freude, wenn Kinder das erste Erdbeersträußchen den Eltern, dem Lehrer, dem Pfarrer bringen! Welcher Genuß, wenn als Nachspeise (mit oder ohne Wein) der erste Teller kühlender Erdbeeren aus den Tisch gebracht wird!

Nicht allein die Früchte dieses kleinen, so überaus fruchtbaren Pflänzchens sind gerne gesehen; auch die Blätter sammelt und trocknet manche, für ihre schwachen Kleinen besorgte, von schwerer Arbeit heimkehrende Mutter; denn Erdbeerblätter, das weiß sie, sind ein gutes, gesundes und ein so überaus billiges Nährmittel.

Wie bereitet sie diesen Thee? Sie nimmt Erdbeerblätter, so viel sie mit drei bis vier Fingern fassen kann, schüttet ungefähr einen halben Schoppen (ein Viertelliter) siedendes Wasser dran und deckt beides gut zu. Nach 15 Minuten gießt sie den Thee ab, und sie hat reinen Erdbeerblätterthee. Dann mischt sie daran heiße Milch, etwas Zucker, und das Tränklein ist fertig.

Würde die Mutter statt des dritten oder vierten Theiles der Erdbeerblätter Waldmeister (Asperula odorata) nehmen, so gewänne der Thee an Geschmack und Gehalt.

Die Erdbeeren selbst sind als Gesundheitsmittel gar nicht zu unterschätzen. Man gebe dieselben besonders Rekonvalescenten, die große Schwäche und Entlastung nach schwerer Krankheit spüren ; man gebe sie verbunden mit anderen Nahrungsmitteln. Wer im Sommer längere Zeit hindurch, gleichsam zum Kurgebrauch, täglich z.B. einen Schoppen Milch mit einem halben Schoppen Erdbeeren vermischt (wie man dieses in Süddeutschland vielfach thut) oder täglich zweimal ein Stück guten Roggenbrodes mit je einem viertel Schoppen Erdbeeren genießt, wird bald die überaus wohlthuende Wirkung verspüren, die neben der Kräftigung auch in Blutreinigung besteht. Werden die Erdbeeren eingekocht wie Kirschen, Weichseln, Amorellen u.s.w., dann kann obige Kur mit bestem Erfolg selbst im Winter vorgenommen werden.

Bei innerer Hitze leisten Erdbeeren im Sommer selbst Kranken die besten Dienste. Welch' herrliches Refrigerans, d.i. kühlendes Labsal kann dem Lechzenden damit gereicht werden!

Gries- und Steinleidenden werden vielfach täglich gleichmäßige Portionen von Erdbeeren empfohlen.

Dasselbe gilt für Leberleidende (täglich in verschiedenen Malen bis zu zwei Schoppen) und für Solche, die mit aus dem krankhaften Blute herrührenden Ausschlägen behaftet sind. (Morgens und Nachmittags je einen Schoppen.)

Es ist merkwürdig, wie gerade diese Frucht von der Erde den Menschen so reichlich gereicht wird. Daß unser Verständniß und unsere Dankbarkeit der liebevollen Freigebigkeit ihres und unseres Schöpfers jederzeit entsprechen möchte!


Fenchel. (Foeniculum officinale All.)     Heilmittel D-F     Inhalt

FenchelDie Fenchelkörner dürfen in keiner Hausapotheke fehlen, da das Leiden, in welchem sie Hilfe schaffen, so gar häufig vorkommt; ich meine die Kolik mit ihrer Begleitschaft, den krampfartigen Zuständen. Schnell Siede die Mutter einen Löffel voll Fenchel in einer Tasse Milch 5 bis 10 Minuten lang und gebe den Heiltrank dem Kranken so warm wie möglich (nie zu heiß, daß man im Innern nichts verbrennt). Die Wirkung ist meist sehr gut und sehr schnell. Die rasch sich verbreitende Wärme stillt die Krämpfe, die Kolik läßt nach und verschwindet. Aeußerlich soll, wie solches an anderer Stelle angegeben ist, ein warmer Aufschlag von Wasser und Essig (halb und halb) auf den Unterleib zu liegen kommen.

Fenchelpulver, wie Gewürz auf Speisen gestreut, vertreibt die Gase aus dem Magen und den unteren Regionen.

Das Pulver wird gewonnen, indem man Fenchelkörner im Ofenrohre röstet (dörrt) und in einer gewöhnlichen Kaffeemühle mahlt.

Fenchelöl kauft man in der Apotheke.

Fenchel, als Augenwasser verwendet, klingt manchem Geheilten, der dies liest, nicht mehr neu. Man koche einen halben Eßlöffel Fenchelpulver ab und wasche mit dem Absud ungefähr dreimal des Tages die Augen aus.

Reinigender und stärkender noch wirken die Augendämpfe

Da ich bei jedem Kopfdampfe behufs Lösung im Inneren stets ein, zum Mindesten 1/2 Löffel Fenchelpulver verwende, so ist eigentlich mit jedem Kopfdampf ein solcher Augendampf verbunden. Aehnliche Wirkungen wie mit Fenchel erzielt man mit Anis und Kümmel. Oefters werden zwei oder gar sämmtliche drei Heilkörner mit einander vermischt, zusammen gemahlen und benutzt.


Bockshornklee (Foenum graecum)     Heilmittel D-F     Inhalt

BockshornkleeVon dem Samen (foenum graecum) des Bockshornklees (Trigonella foenum graecum) wird ein Pulver bereitet, das Vielen derjenigen, die meine Wassermittel gebrauchten, längst kein Fremdling mehr ist. Sie schätzen es und benützen es fleißig. Man habe keine Furcht, das Pulver ist ganz unschädlich.

Nach innen wirkt dasselbe, als Thee zubereitet, kühlend bei hitzigen Fiebern.

Bei Halsleiden mit starken Hitzen im Halse dient der Thee als gutes Gurgelwasser. Ein Kaffeelöffel des Pulvers reicht aus für eine mäßige Tasse Thee, die im Tage (alle Stunden, auch öfter, ein Eßlöffel voll) getrunken oder zum Gurgeln verwendet wird.

Was die äußere Anwendung betrifft, so ist Foenum graecum das beste von allen mir bekannten Mitteln zum Auflösen von Geschwülsten und Geschwüren. Es wirkt langsam, schmerzlos, aber bis zum letzten Tropfen Eiter ausdauernd und gründlich. Man kocht ähnlich wie beim Leinsamen den bekannten öligen Brei, den man in kleine Linnentüchlein bringt und auflegt. Bei offenen Füßen ziehen solche Auflagen die sogenannten "Zuschläge", d. i. die Entzündungen um die Ränder der Wunde aus und verhindern die Bildung des faulen Fleisches oder gar einer Blutvergiftung. Diese letztere Anwendung empfehle ich der besonderen Aufmerksamkeit Aller, denen solche Fußwunden oft recht viel Leid und Sorge bereiten.

Foenum graecum kauft man sich in der Apotheke.


Heilmittel H bis K     Apotheke     Inhalt

Hafer
Hagebutten
Harzkörner
Heidelbeere
Heublumen
Holunder
Honig
Huflattich
Johanniskraut
Kamille
Kampher
Kleie
Knochenmehl
Kohlenstaub
Kreidemehl
Kümmel


Hafer oder Haber. (Avena sativa L.)     Heilmittel H-K     Inhalt

HaferEin tüchtiges Sieden entzieht den Haferkörnern - auf gleiche Weise kann Gerste behandelt und gebraucht werden - die innewohnende Kraft. Solches Getränk, nahrhaft, leicht verdaulich, kühlend bei vorhandenen inneren Hitzen, ist für Rekonvaleszenten, wie z.B. durch die Blattern, durch den Typhus und andere ähnliche Krankheiten übermäßig entkräftet und geschwächt wurden, ein vorzügliches Nährmittel, ein wahres Labsal. Wie oft bedaure ich es, daß man derlei armseligen Kreaturen, die doch vor Allem neues, gesundes Blut brauchen, alle möglichen, nur nicht solche Getränke bereitet und bietet!

Die Bereitung ist einfach. Ein Liter Hafer wird 6 bis 8 mal mit frischem Wasser gewaschen, dann in zwei Liter Wasser so lange abgekocht, bis dieses zur Hälfte eingesotten ist. In den abgegossenen Absud rührt man 2 Löffel Honig und läßt die Mischung noch einige Minuten kochen.


Hagebutten     Heilmittel H-K     Inhalt

HagebuttenAm Hundsrosenstrauch (Heckenrose, Rosa canina L.) pflückt die auf ihre Hausapotheke denkende Mutter nicht allein die schönen Rosen, sie sammelt auch mit Fleiß die sogenannten Hagebutten, und zwar nicht allein zu Saucen, sondern auch zu Heilzwecken.

Diejenige Hausmutter wird mit noch größerem Eifer ihren Garten und auch fremdes Eigenthum durchmustern, die in der Familie ein Glied hat, das an Gries oder an Nieren- und Blasenstein, diesen schrecklichen und schmerzlichen Uebeln, leidet. Sie weiß, Hagebuttenthee lindert und reinigt die Nieren und die Blase.

Ich kenne einen hochbejahrten Greis, welcher in jüngeren Jahren viel an Gries und Stein gelitten hat und sich oftmals nicht zu rathen und zu helfen wußte. Man rieth ihm diesen Thee, und er gewöhnte sich mit solcher Vorliebe daran, daß Abends beim Schlafengehen die seit Jahren übliche Tasse nie fehlen darf; sie ist ihm lieber als ein Glas des besten Weines. "Das sind meine Spirituosen," sagt er; "das ist das Oel, welches die bald ausgelaufene Maschine des alten Körpers täglich von Neuem zum Gange ölt.

Die Hagebutten werden ausgekernt, die Hülsen getrocknet und daraus der Thee bereitet.


Harz- oder Weihrauchkörner     Heilmittel H-K     Inhalt

WeihrauchWie die Kerze träufelt, so träufelt es manchmal aus der Rinde der Tanne oder der Fichte. Ein Jeder, der zur Sommers- oder zur Herbstzeit in den Wald geht, kann dieses Träufeln gewahren. Wie hängengebliebene Thränen sehen diese Harzperlen aus, weiß wie Wachs, klar wie Honig, frisch wie Quellwasser.

Das Harz ist das Blut der Tanne, der Fichte, und wenn ein solcher lebenskräftiger Baum in's Fleisch hinein verletzt wird, so blutet er oft ganz gewaltig.

Dieses Harz, das so zäh klebt und dem Ansehen nach edle, körnige Stoffe enthält, muß gewiß eine besondere Kraft haben.

5 bis 6 solcher erbsengroßen Harzkügelchen oder Harzthränen, längere Zeit hindurch täglich eingenommen und geschluckt, kräftigen die Brust und wirken merkwürdig stärkend auf die inneren Gefäße.

Ich kannte einen sehr schwächlichen Priester, der täglich ein größeres Quantum dieser harzigen Flüssigkeit zu sich nahm. "Diesem Kraftsirup", meinte er, "verdanke ich die Erstarkung meiner Brust."

Diese Harzpillen kann Derjenige, dem sie der nahe Wald nicht liefert, durch Weihrauchkörner weißer Sorte ersetzen. Weihrauch ist ja auch nur ein feines Harz. 6 bis 8 solcher Körner, auf längere Zeit täglich genommen, bilden eine gute Brustkur.

Die Angst vor Unverdaulichkeit dieser Harzsteinchen, wie sie eine hochgehende Phantasie befürchten möchte, soll dir nicht bange machen. Die Natur verarbeitet auch solcherlei Ware recht gut.


Heidelbeere. (Vaccinium myrtillus)     Heilmittel H-K     Inhalt

HeidelbeereUm Jakobi herum gehen die Kinder so gerne in die Wälder. Die Heidelbeeren sind reif, eine Leibspeise für die jungen Springinsfelde. Auch alte Kinder lassen sich die Beeren recht gut schmecken. In Großstädten, aus den Obstmärkten sieht man die schwarzen Bekannten korbweise stehen; manches Studentlein denkt an vergangene schöne Jugendzeit, wo es mit der kleinen Schwester in die "Hoidlen" - wie die Schwaben sagen - ging, und läßt sieh von der Obstfrau für ein paar Pfennige die anheimelnden Schwarzlinge in die Tasche schütten.

Kein Haus sollte sein, das nicht eine gute Portion Heidelbeeren dörrt und für's Jahr aufbewahrt. Sie sind zu gar Vielem nütze.

Man bringt Heidelbeeren, so viel man mit 2-3 Handvoll fassen kann, in ein Glas und gießt guten, echten Branntwein darauf. Je längere Zeit (selbst Jahre lang) die angesetzten Beeren stehen, d.h. je besser dieselben ausgezogen werden, um so schärfer wird und wirkt die Medizin solchen Beerengeistes.

Wer an leichten Diarrhöen leidet, nehme von Zeit zu Zeit einige getrocknete, rohe Heidelbeeren, verkaue und schlucke sie. Sehr oft genügt dieses leichteste Mittelchen. Ich sah Badegäste in großen Badestädten, die, um unangenehmen Ueberraschungen aus dem Spaziergange vorzubeugen, von der erfahrenen und umsichtigen Hausfrau derlei "Diarrhöestillpillchen" mit auf den Weg bekamen.

Heftiges, andauerndes Abweichen (Durchfall), mit großen Schmerzen verbunden, bei dem mitunter Blut abgeht, stillt ein Löffel Heidelbeerbranntwein, genommen in 1/8 Liter warmen Wassers. Nach 8 bis 10 Stunden kann man die gleiche Medizin nochmals nehmen. Eine dritte Repetition wird kaum mehr nothwendig sein. Suche man in der Apotheke ein unschuldigeres und doch wirksameres Mittel!

Bei gefährlichen Ruhrerkrankungen arbeitet derselbe Heidelbeergeist der äußeren Wasseranwendung (warme Aufschläge von Wasser und Essig auf den Unterleib) von innen überaus wirksam entgegen.

Unter den Tinkturen unserer Hausapotheke ist die Heidelbeertinktur die erste und unentbehrlichste. Sie dient in all' den oben bezeichneten Fällen und ist einer der wärmsten Freunde des Unterleibes. Die Dosis richtet sich nach dem Grade des Uebels: die kleinste beträgt 1 bis 12 Tropfen auf Zucker, die stärkere etwa 30 Tropfen, die stärkste und größte einen Kaffeelöffel, in warmem Wasser oder in Wein (6 Löffel voll) genommen.


Heublumen     Heilmittel H-K     Inhalt

HeublumenZahlreiche mündliche und schriftliche Berichte haben mich belehrt, daß viele Leute nicht wissen, was sie sich unter "Heublumen" vorzustellen haben. Was man in der Heilkunde unter diesem Namen versteht, ist bereits beim Heublumenfußbad (S. 40) erwähnt worden. An dieser Stelle möchte ich nur noch den Heublumen das Wort reden und im Allgemeinen aus deren Verwendung hindeuten. Bei beginnender Blutvergiftung, bei erfrorenen Gliedern, bei krampfhaften Unterleibserscheinungen u. A. haben mich die "angeschwellten" (heißüberbrühten) Heublumen nie im Stiche gelassen.

Bei Rheumatismus, Gicht, bei skrophulösen Zuständen leisten Wickel und Hemden, in warmen Heublumenabsud eingetaucht, vortreffliche Dienste. Es verstände mich aber jener nicht recht, der bei den genannten Krankheitserscheinungen mit den Heublumen allein auszureichen meinte. Die einzelnen Fälle im dritten Theile thun dieß zur Genüge dar.


Holunder, schwarzer. (Sambucus nigra L.)     Heilmittel H-K     Inhalt

HolunderDem Hause am nächsten stand in den guten alten Zeiten der Hollunderbusch; jetzt ist er vielfach verdrängt und ausgerottet. Es sollte kein Wohnhaus geben, wo er nicht gleichsam als Hausgenosse in der Nähe wäre oder wieder in die Nähe gezogen würde; denn am Hollunderbaum sind wirksam die Blätter, die Blüthen, die Beeren, die Rinde und die Wurzeln.

Zur Frühlingszeit sucht die kräftige Natur manche Stoffe, die sich im Körper den Winter über angesammelt haben, zu entfernen.

Wer kennt nicht diese Zustände, die sogenannten "Frühlingskrankheiten, wie Ausschläge, Abweichen (Durchfall), Kolik und Aehnliches? Wer durch eine Frühlingskur Säfte und Blut reinigen und verlegene Stoffe in leichter und natürlicher Weise ausscheiden will, der nehme 5 bis 8 Blätter des Hollunderbaumes, schneide sie klein, wie man Tabak schneidet, und lasse den Thee etwa zehn Minuten lang sieden. Dann nehme er in der ganzen Kurzeit täglich des Morgens nüchtern eine Tasse solchen Thees, eine Stunde später sein Frühstück.

Dieser einfachste Blutreinigungs-Thee säubert die Maschine des menschlichen Körpers in vortrefflicher Weise und ersetzt armen Leuten die Pillen und Alpenkräuter u. A., die in seinen Schachteln und Schächtelchen heutzutage die Runde mache und oft ganz sonderbare Wirkung thun.

Wie im Frühlinge, so kann diese Kur auch zu jeder anderen Jahreszeit vorgenommen werden. Selbst die gedörrten Blatter liefern guten Thee zur Auflösung und Reinigung.

Wer hat nicht schon von Hollunder-Blüthen zubereitete Kuchen (die schwäbischen sogenannten "Küchlein") gegessen? Viele Leute backen dieselben gerade zu der Zeit, in welcher der Baum im weißen Frühlingsschmucke prangt, und sagen, diese Blüthenkuchen schützen vor Fieber. Ich kenne einen Ort, in den der Schüttelfrost sehr häufig Einzug hält. Dort sieht man im Frühling aus jedem Tisch diese Hollunderblüthen- oder Fieberkuchen. Spitzfindig und kritisch habe ich dieses nie untersucht; die Leutchen mögen ganz ruhig bei ihrem Glauben bleiben; denn solche Kost ist gut und gesund.

Auch die Hollunderblüthe reiniget, daran zweifelt Niemand, und es wäre gut, wenn in jeder Hausapotheke eine Schachtel gedörrter Blüthen aufbewahrt würde. Der Winter ist lang, und es kann Fälle geben, in denen ein derart lösendes und schweißtreibendes Mittelchen überaus treffliche Dienste leistet. Schaden kann solcher Thee niemals bringen.

Bei Organismen, in welche die Wassersucht Einzug halten sich ansetzen will, treibt die Hollunderwurzel, als Thee zubereitet so kräftig Wasser aus, daß sie kaum von irgend einem andern Medikament übertroffen wird. Dabei ist ihr Wirken ganz schuldlos. Die Beere, welche zur Herbstzeit häufig gekocht und als Brei, als Mus gegessen wird, wurde von den Alten hochgeschätzt als Blutreinigungsmittel. Meine selige Mutter hat alle Jahre 14 Tage bis 3 Wochen lang eine solche Hollunderkur vorgenommen. Dieses war der Hauptgrund, weßhalb unsere Altvordern noch vor 50 bis 60 Jahren mindestens ein paar Hollunderbäume vor's Haus pflanzten. Wie die hohen Herrschaften heut zu Tage zu der theuren Traubenkur wandern, oft nach fernen Ländern, so gingen unsere Eltern und Großeltern in die Kur zum Hollunderbaum, der sie in nächster Nähe so billig und oft viel besser bediente. Vor mehreren Jahren kam ich in ein österreichisches Alpenland. Da sah ich zu meiner großen Freude auch den Hollunderbaum noch in Ehren. "Ja daran," sagte mir ein alter Bauer, "lassen wir keine Beere zu Grunde gehen." Wie einfach, wie rationell (vernünftig)! Die Vögel selbst, ehe sie ihre Herbstwanderung antreten, suchen noch überall den Hollunderbaum aus, um ihr Blut zu reinigen und ihre Natur zur weiten Wanderung zu Stärken. Wie schade, daß der Mensch alle diese Naturtriebe, "den gesunden Sinn" vor lauter Kunst und Gekünsteltem nicht mehr fühlt und achtet!

Wird die Beere mit Zucker oder besser mit Honig eingekocht, so dient diese Masse zur Winterszeit besonders solchen Leuten vorzüglich, die wenig Bewegung haben, die mehr zu ruhiger, sitzender Lebensweise verurtheilt sind. Ein Löffel voll von solchem Eingekochten in ein Glas Wasser gerührt, gibt den herrlichsten Kühl- und Labetrunk ab, reinigt den Magen, wirkt auf Urinausscheidung und günstig auf die Nieren.

Viele Landleute dörren die Beeren. Verkocht man diese gedörrten Beeren zu Brei, oder siedet man sie ab zu Thee, oder ißt sie dürr, in allen Formen wirken sie sehr gut bei heftigem Abweichen (Durchfall).

Weil man sich an die überaus guten Dienste des Hollunderbaumes, dieses treuen und früher so geachteten Hausfreundes, nicht mehr erinnerte, deßhalb hat man denselben vielfach verworfen. Daß der alte Freund wieder zu neuem Ansehen kommen möchte!


Honig     Heilmittel H-K     Inhalt

HonigDie früheren Generationen behaupteten, junge Leute sollten ja nicht viel Honig essen, er sei für sie viel zu stark; den Alten dagegen "helfe er nochmals auf den Gaul."

Ich habe den Honig vielfach verwendet und stets gefunden, daß er von vorzüglicher Wirkung ist. Er wirkt lösend, reinigend, stärkend.

Als Beimischung zu Thee für Katarrhe und Verschleimungen benützt man den Honig seit langer Zeit.

Die Landleute verstehen es gut, für äußere Geschwüre die Honigsalbe anzuwenden. Wer nicht die Gewandtheit besitzt, solche Geschwüre mit Wasser zu behandeln, dem rathe ich entschieden, vor jeder anderen Schmiererei nach diesem einfachen, unschädlichen und wirksamen Mittel zu greifen. Die Bereitung ist höchst einfach. Man nimmt halb Honig, halb weißes Mehl und rührt die Mischung durch Zugießen von wenig Wasser gut durcheinander. Die rechte Honigsalbe soll ziemlich fest, nicht flüssig sein.

Auch nach innen wirkt der Honig bei verschiedenen kleineren Übeln heilkräftig.

Kleinere Magengeschwüre soll er rasch zusammenziehen, reifen und ausheilen. Ich würde nicht rathen, den Honig rein, dagegen es sehr anempfehlen, den Honig mit einem passenden Thee vermengt zu nehmen. Ohne Beimischung wirkt dieser edle Extrakt zu stark; noch bevor er den Hals passirt, hat er diesen schon "rauh" gemacht.

Wem das Schlucken wegen Katarrh oder eines ähnlichen Uebels schwer geht, lasse einen Kaffeelöffel Honig in 1/4 Liter Wasser aufkochen. Jeder Sänger hat so das herrlichste und süßeste Gurgelwasser. Selbst wenn ein Tropfen hinunterrinnt, braucht man sich vor dem Magenverderben und Vergiften nicht zu fürchten.

Das reinigende und stärkende Honig- Augenwasser ist bekannt. Siede einen Kaffeelöffel Honig in 1/4 Wasser fünf Minuten lang; alsbald kannst du das Augenläppchen eintauchen.

Eines noch liegt mir am Herzen. Ich kenne einen Herrn von mehr als achtzig Jahren. Dieser bereitet sich seinen Tischwein täglich selbst. Er gießt einen Eßlöffel echten Honig in siedendes Wasser und läßt dieses eine Weile kochen. Der Trank ist fertig; er soll gesund sein, kräftigen und vortrefflich munden. "Meine Gesundheit und meine Rüstigkeit in solchem Alter," meinte der Greis, "verdanke ich diesem Honigwein." Mag sein! Soviel kenne ich aus eigener Erfahrung (ich habe sehr viel Honigwein bereitet, sehr viel trinken sehen, selbst auch manchmal ein Glas getrunken): dieser Wein wirkt lösend, reinigend, nährend und stärkend. Nicht nur dem schwachen, auch dem starken Geschlechte würde so ein Trank alle Ehre machen. Ich denke dabei stets an den Honigmeth der alten Deutschen. Diesem unverfälschten Biere schrieben sie, wie Tacitus erzählt, hauptsächlich ihre Gesundheit und ihr hohes Alter zu. Wer als echter Sohn urdeutscher Väter sich einmal also gestimmt fühlt, kann das Recept dieses außer Gebrauch gekommenen Getränkes unter Honigwein finden.


Huflattich (Tussilag farfara L.)     Heilmittel H-K     Inhalt

HuflattichDer Schöpfer hat manches Kraut und manche Pflanze wachsen lassen, die man wenig achtet oder gar verachtet, so daß man eine Freude hat, einer solchen Pflanze einen Fußtritt geben zu können. Dieses Schicksal trifft auch den Huflattich, weil er gewöhnlich als das reinste Unkraut gilt. Wer aber diese Pflanze kennt, wird sie hochschätzen und als vorzügliches Hausmittel behandeln.

Zum Reinigen der Brust und zum Säubern der Lungen ist es sehr rathsam, Lattichthee zu trinken. Engbrüstigkeit und Husten kann recht leicht durch diese eine Pflanze gehoben werden, besonders wenn eine Anlage zur Schwindsucht vorhanden ist. Diese Blätter können, auf ein Tuch geheftet oder auch ohne dasselbe, auf die Brust gelegt werden. Sie ziehen die Hitze aus, hemmen Schwächen oder entfernen die Fieber. Vorzüglich wirken diese Blätter auf offene Geschwüre gelegt; sie nehmen die Hitze, den Zuschlag (Röthe), und ziehen die schädlichen Stoffe nach außen.

Ganz besonders wirksam zeigen sich die Blätter bei offenen Füßen, wenn die Stellen blau und schwarz, stark entzündet sind; sie nehmen die Hitze und den Schmerz, und wiederholt aufgelegt sind sie ein ausgezeichnetes Heilmittel. Also bei hitzigen Geschwüren, bei Rothlauf, Gesichtsrose und ähnlichen Zuständen haben wir im Huflattich ein vorzügliches Mittel. Diese Huflattichblätter können auch im Schatten getrocknet, zu Pulver gerieben und als solches eingenommen werden; täglich zwei- bis dreimal jedesmal ein bis zwei Messerspitzen voll; diesem Pulver kann sogar in der Kost genommen werden.


Johanniskraut (Hypericum perforatum L.)     Heilmittel H-K     Inhalt

johanniskrautDas Johanniskraut führte seiner großen Wirkungen wegen früher den Namen Hexenkraut. Heutzutage sind seine Leistungen und es selbst ganz vergessen.

Dieses Heilkraut übt besonderen Einfluß aus auf die Leber; sein Thee ist ihr vorzüglichstes Heilmittel. Eine kleine Beimischung von Aloepulver erhöht die Wirkung, die sich im Urin zeigt, der oft ganze Flocken unreiner Krankheitstoffe mitschwemmt.

Kopfleiden, die von wässerigen Stoffen oder Verschleimungen im Kopfe, auch von zum Kopf dringenden Gasen herrühren, Magendrücken, leichte Verschleimungen von Brust und Lunge heilt Thee von Johanniskraut in Bälde.

Mütter, denen kleine Bettnässer viel Arbeit und Sorge bereiten. wissen von der stärkenden Wirkung solchen Thee's Manches zu berichten.

In Ermangelung von Johanniskraut wende man für all die genannten Zustände die Schafgarbe (Achillea millefolium L.) an.


Kamille (Matricaria chamomilla L.)     Heilmittel H-K     Inhalt

kamilleKamillenthee wird bei Erkältungen, besonders wenn diese fieberartige Zustände begleiten, bei Grimmen (heftigem Leibweh), Krämpfen, starken Congestionen u.s.w. verwendet; die Kamillensäckchen sodann, die trefflichen Wärmer bei verschiedenen Zuständen, sind in jedem Hause so liebe Bekannte, daß es überflüssig erscheint, darüber ein Weiteres zu sagen.


Kampher (Laurus Camphora L.)     Heilmittel H-K     Inhalt

kampherDie Anwendung von Kampher ist eine allgemein bekannte und geübte. Derselbe wirkt lindernd, erweichend, schmerzstillend. Zur Verwendung kommt der Kampher im Kampherspiritus und im Kampheröl.

Der Kampherspiritus wird bereitet, indem man ein Stück Kampher, so groß wie eine Haselnuß, in einem Viertelliter Spiritus auslöst, und dient nur äußerlich zum Einreiben bei Quetschungen, Verrenkungen, rheumatischen und krampfhaften Zuständen. Viele benützen ihn zur Stärkung und Kräftigung irgend eines Gliedes; sie thun vollkommen recht.

Kampher, in Baumöl, Salatöl oder Mandelöl so lange gerieben, bis er ausgelöst ist, gibt das Kampheröl. Es erweist sich als vortrefflich zu Einreibungen bei Rheumatismus und Rückenschmerzen und lindert die großen Schmerzen, welche Gichtarten und ähnliche Geschwülste und Verknorpelungen verursachen.


Kleie     Heilmittel H-K     Inhalt

kleieWie unbegreiflich wir Menschen uns in manchen Stücken benehmen, das zeigt so recht, wenn auch nur in einem kleinen, unscheinbaren Punkte, die Behandlung der Kleie (Schalenstoffe des Kornes). Jede Dienstmagd wirft die Kleie den Schweinen vor, die Kleie, die, ich möchte sagen, gesündere und kräftigere Nährstoffe enthält als das Mehl selbst. Viel vernünftiger würde diejenige Hausmutter handeln, welche die nahr- und heilkräftige Kleie sorgfältig in selbsteigenen Verwahr nähme und dieses edle, nahrhafte und gesunde Heilmittel ihren schwachen Kindern gönnte.

Schwächlingen, Rekonvaleszenten und Kindern ist nichts lieber als leichtverdauliche Speisen. Was die schwächste Natur noch verarbeiten kann, ist ein Absud der Kleie, gleichsam der Extrakt der Frucht selbst.

Man nehme Weizen- oder Kornkleie und koche Sie drei Viertelstunden in heißem Wasser. Dann presse man die Kleie aus, mische in den Absud Honig und lasse die Mischung nochmals eine Viertelstunde auskochen. Von dem fertigen Kleientrunke nehme der Patient zweimal im Tage je einen Viertelliter. Semmelbrod, das er in den süßen Saft taucht, wird ihm sehr gut schmecken.

Für Kinder und alte Leute weiß ich kaum einen besserem Trank; mit Dank werden dieselben stets dieses Labsal begrüßen.

Daß wir alle doch wieder einfacher, genügsamer, natürlicher zu werden strebten! Gott gebe es; viel hängt davon ab!


Knochenmehl     Heilmittel H-K     Inhalt

Von diesem Knochenkohlenpulver bereite ich mir stets drei Sorten. Die erste Sorte ist das sogenannte

a) Schwarze Pulver.

Ich nehme gesunde Knochen eines gesunden, geschlachteten Stückes Vieh und setze dieselben so lange der Glühhitze aus, bis die Knochen zu Kohle verbrannt sind. Diese schwarzen Knochenkohlen werden fein zerstoßen, und das überaus einfache und unschädliche schwarze Pulver ist fertig.

Als zweite Sorte verwahre ich das sogenannte

b) Weiße Pulver.

Ich brenne die Knochen wie Kalk, d.h. so lange, bis sie das Aussehen haben wie frischgebrannter Kalk. In der That habe ich ja auch der Hauptsache nach Kalk vor mir; denn die beigemengten Salze oder anderen Stoffe bilden bei weitem den kleinsten Theil. Die verkalkten Stoffe werden wieder pulverisirt, d.h. zu Pulver zermalmt, und ich habe ein Pulver, welches das Ansehen hat wie Kreidemehl, das sogenannte weiße Pulver.

Eine dritte Sorte nenne ich das

c) Graue Pulver.

Ein Theil weißes Pulver, ein Theil schwarzes Pulver, ein Theil zerstoßener weißer Weihrauchkörner dürften in der Farbenmischung ungefähr aus grau heraus kommen. Daher der Name.

Wer meine Bemerkungen zu der Rubrik Kreidemehl gelesen hat, wird verstehen, weßhalb das Knochenkohlenpulver in meiner Hausapotheke eine Rolle, und zwar eine sehr wichtige Rolle spielt.

Nach schweren Krankheiten und bei Patienten, die recht geschwächt, an Kräften tief heruntergekommen find, ist die Wirkung am auffallendsten. Ich selbst konnte manchmal mein Staunen nicht unterdrücken.

Unklar könnte erscheinen, weßhalb ich drei verschiedene Pulver von denselben Knochen bereite. Die drei Arten des Knochenkohlenpulvers entsprechen verschiedenen Arten der Schwäche, an welcher die Patienten leiden.

Rekonvaleszenten, die eine Kräftigung des Gesammtorganismus nothwendig haben, selbst Kinder, die wie verkümmerte Waldbäumlein ein elendes Dasein fristen und, man weiß nicht warum, mit den Jahren doch nicht an Kraft zunehmen (hieher zählen besonders die Kinder, welche an der sogenannten englischen Krankheit, der Rachitis, leiden), bekommen das schwarze Pulver täglich in Wasser oder in der Speise, ein bis zwei Messerspitzen.

Patienten, bei denen ich sehe, daß die Maschine nur langsam und träge arbeitet, daß es mit der Verdauung und Blutbildung schlecht bestellt ist, daß manche Bestandtheile des Körpers nur karg und unregelmäßig das bekommen, was sie zum Wachsthum, zum Ansätze notwendig brauchen, daß insbesondere das Knochengerüste wie ein baufälliges Mauergerüst wackelt und am Zusammenbrechen ist, solche bekommen das weiße Kalkpulver. Wie die Mutter dem ganz Kleinen Mehlbrei gibt, der dem noch zahnlosen Milchkindlein mund- und magengerecht ist, so bediene ich sozusagen die armen, hungrigen Knochen mit Knochenmehl, aus daß sie einzeln und im Ganzen wieder zusammenhalten.

Wie die Beimischung des Weihrauches besagt, wird das graue Pulver insbesondere denjenigen Patienten oder Rekonvaleszenten verabreicht werden, bei denen die inneren Gefäße in großem Schwächezustande sind.

Nun hast du, lieber Leser, das Geheimniß vom schwarzen, weißen und grauen Pulver, von dem viele, sehr viele Patienten zu erzählen wissen, und worüber schon so viel geraden und disputirt worden ist. Glaube mir, durch diese Pulver allein hätte ich ein reicher Mann werden können! Ich verabscheue und verurtheile im Prinzip die Geheimmittelei und stimme vollkommen Jenen bei, welche dieselbe als Pfuscherei und Quacksalberei brandmarken und verdammen. Meine Mittel brauchen das hellste Tageslicht nicht zu scheuen. Jeder prüfe und wähle das Beste!


Kohlenstaub     Heilmittel H-K     Inhalt

kohlenstaubKohlenstaub wird stets aus Holzkohle bereitet. Den feinsten und besten liefert das Lindenholz, den selbst manche Apotheker bereiten. In Ermangelung von Lindenholzkohlen reicht jede Holzkohle aus. Je frischer sie ist, desto bessere Dienste thut sie. Die frischeste Kohle ist die soeben aus dem Feuer geholte. Zerdrücke sie fein, und du hast den oben genannten Kohlenstaub!

Nach Krankheiten, in denen die Verdauungsorgane schwer gelitten haben, erleichtert diese unsere Kohle die Arbeit um ein gutes Stück. Es klingt vielleicht sonderbar, aber es ist so. Am leichtesten nehmen solche Rekonvaleszenten den Kohlenstaub in Milch mit etwas Zucker. Das Ouantum darf täglich einen mittleren Eßlöffel ausmachen und auf einmal oder in zwei Malen genommen werden.

Auszehrende dürfen täglich im Ganzen zu verschiedenem Zeiten zwei Schoppen Milch trinken und in jeden Schoppen (Glas) einen Löffel Kohlenstaub mischen.

Besondere Wirkung erzielt man bei Leberkrankheiten. Das Pulver werde wieder in Milch genommen.

Auf alle eiternden, netzenden Geschwüre gepudert, täglich ein- bis zweimal, saugt der Kohlenstaub auf und befördert und beschleunigt durch diese Austrocknung die Neubildung der Haut.


Kreidemehl     Heilmittel H-K     Inhalt

Wer hat nicht schon gesehen, wie nicht allein die Hühner, sondern auch andere Hausthiere Körnchen von Kalk oder Mörtel verschlucken? Und wer hat nicht schon gehört, wie es nothwendig geworden ist, vor manchem Kinde die Schulkreide zu verstecken, weil es sonst dieselbe entwendet und mit leidenschaftlichem Behagen das Stück wie Zucker zerbeißt und ißt?

Sollte die Kreide bei manchen Zuständen dem Menschen in der That dienlich fein? Obige Vorkommnisse mahnen zu reiflichem Nachdenken. Ich habe Kreidemehl in großen Quantitäten selbst angewendet und Viele es anwenden lassen. Die Erfolge waren ganz merkwürdige, d. i. überaus günstige.

Die Kreide enthält Kalk, Schwefel und andere Stoffe, oder sagen wir lieber Baumaterialien, welche der menschliche Körper nothwendig braucht, insbesondere zum Bau des Knochengerüstes, dieses herrlichen und kunstfertigen Baues des tüchtigsten Baumeisters.

Bei Schwächlingen könnte der Bau mißrathen oder an Festigkeit einbüßen; es fehlt ihnen gleichsam der gute Kalk, der alles Andere, Sand und Steine, bindet.

Diesen, selbst Kindern, die recht schwach sind, gebe ich Kreidemehl, täglich eine Messerspitze in Wasser oder in der Speise. Da das Mehl geschmack- und geruchlos ist, nimmt man es sehr leicht.

Wer an schwacher Verdauung leidet, wer überhaupt bei aller Pflege nicht recht wachsen oder gedeihen will, probire einmal täglich das oben angegebene Quantum Kreidemehl.

"Hier ist gegypst," ließ Franklin mit solchem oder wenigstens ähnlichem Kreidestaub auf ein herrlich prangendes Kleefeld in großen Lettern schreiben. "Bei Diesem oder jenem wurde gekreidet," könnte ich von vielen Patienten sagen, die mir unter die Hände gerathen sind.

Vor allen anderen Kranken empfehle ich diesen weißen Staub Bleichsüchtigen, die jeden Tag nicht eine, sondern zwei Messerspitzen - die eine in der Frühe, die andere Abends - nehmen sollen. Ihr Weiß wird dieses Weiß bald wieder in's gesunde, lebensfrische Roth verwandeln.

Wirksamer noch als Kreidemehl ist Knochenmehl.


Kümmel (Carum Carvi L.) siehe oben unter: Fenchel     Heilmittel H-K     Inhalt

Heilmittel L bis T     Apotheke     Inhalt

Lavendel
Leberthran
Leinsamen
Lindenblüthen
Lungenkraut
Malve
Mandelöl
Minze
Mistel
Nelken
Raute
Rosmarin
Salatöl
Salbei
Santala
Sauerkraut
Schafgarbe
Schlüsselblume
Spiköl
Spitzwegerich
Tausendguldenkraut


Lavendel, Spike (Lavandula vera DC.) siehe bei: Spiköl     Heilmittel L-T     Inhalt

Leberthran     Heilmittel L-T     Inhalt

Ein tüchtiger Militärarzt that mir gegenüber einst den Ausspruch: "Mit Leberthran wird großer Unfug getrieben, und schlechter Leberthran hat oft schon recht bittere Folgen nach sich gezogen. Es gibt Inseln, dort wirkt er bei skrophulösen Zuständen. Sonst aber verachte ich ihn.

Niemand ist an dieses Urtheil gebunden. Ich für meine Person verwende denselben nie. Als Heilmittel gilt er mir nicht, und da ich schlechten Leberthran als Nährmittel fürchte, gebe ich zur Nahrung Anderes, welches das reichlich ersetzt und bringt, was Leberthran bringen soll.


Leinsamen (Linum usitatissimum L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

leinsamenDie Leinsamenumschläge oder Ausleger sind allbekannt und allgemein in Uebung. Mit denselben erzielt man ähnliche Wirkung (kühlend, ausweichend, lösend, ausziehend) wie mit Foenum graecum. Ich gebe letzterem den Vorzug, da es mit mehr Kraft und Energie den Feind angreift.


Lindenblüthen (Tilia grandifolia und parvifolia Ehrh.)     Heilmittel L-T     Inhalt

lindenbluetenFast nur noch ältere Leute der alten Schule sammeln die einst so beliebten Lindenblüthen. Sie haben ganz recht und mögen nur treu und konservativ bleiben.

Der Lindenblüthenthee ist neben dem Hollunderblüthenthee der bekannteste Schwitzthee. Ueber das Schwitzen, wie es in der Regel betrieben, vielmehr dem mißhandelten Körper ausgepreßt wird, habe ich meine für dasselbe nicht günstigen Sonderansichten. Dagegen verwende ich die Blüthen sehr gerne für die den Schweiß erzeugenden und das Schwitzen ersetzenden Dämpfe.

Trefflich wirkt solcher Thee bei altem Husten, bei Verschleimungen der Lunge und Luftröhre, bei Unterleibsbeschwerden, die ihren Ursprung in der Verschleimung der Nieren haben.

Statt der Lindenblüthen verwende ich vielfach das Johanniskraut mit oder ohne Mischung von Schafgarbe ; siehe Johanniskraut.


Lungenkraut siehe unter Spiköl     Heilmittel L-T     Inhalt

Malve oder Stockrose. (Althaea rosea L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

malve Unter den Blumen im Garten dürfen die Malven nicht fehlen. Als der gute Schöpfer ihre uns erfreuende Blüthe malte, hat er mit der Farbe in jedes Blättchen einen Tropfen Heilsaft gegossen.

Die Malvenblüthen, besonders die der schwarzen Malve, als Thee bereitet, heilen Halsgebrechen und lösen Verschleimungen aus der Brust. Gewöhnlich mischt man diese Blüthen mit jenen des Wollkrautes.

Zu Dämpfen mögen dieselben zum Einathmen oder insbesondere als Ohrendämpfe dienen, erweist sich die Malve als sehr nützlich.


Mandelöl     Heilmittel L-T     Inhalt

mandel Das süße Mandelöl soll unter den Oelen der Hausapotheke einen der ersten Plätze einnehmen. Dasselbe wirkt bei verschiedenen Leiden und Gebrechen, innerlichen wie äußerlichen, lindernd, kühlend, lösend.

Bei Verschleimungen in der Luftröhre, im Magen löst es auf und stellt in letzterem Falle den Appetit und die Verdauung wieder her.

Bei Entzündungen, besonders bei der gefürchteten Lungenentzündung kühlt es. Solche Kranke sollen täglich drei- bis viermal je einen Kaffeelöffel Mandelöl einnehmen.

Aeußerlich angewendet dient dieses Oel vorzüglich bei den verschiedenen Ohrenleiden. Bei Ohrensausen, Ohrenreißen, Ohrenkrampf, bei verhärtetem Ohrenfett ist Mandelöl das beste mir bekannte schmerzstillende, eventuell auflösende Mittel. Man gieße sechs bis acht Tropfen in das leidende Ohr und verstopfe dieses mit Baumwolle.

Wer durch Erkältung, Zugluft, rheumatische Zustände am Gehör gelitten hat, gieße den einen Tag in das eine Ohr sieben bis acht Tropfen, den andern Tag in das andere ebensoviel und verstopfe jedesmal die Oeffnung. Nach einigen Tagen kann er, mit lauwarmem Wasser das innere Ohr ausspülend, nach dem Erfolge forschen. Besser noch ist der Patient daran, welcher sich durch einen Sachverständigen sachte mit einem Ohrenspritzchen behandeln läßt.

Geschwülste mit großen Hitzen (Entzündungen) sollen mit Mandelöl zart eingerieben werden; es lindert den stechenden Schmerz und kühlt die brennende Hitze.

Die sogenannten "Schrunden" der Landleute, die manchmal recht wehe thun, die durch Sitzen, Liegen, Reiten u.s.w. entstandenen Wunden, mögen diese was immer für einen Körpertheil peinigen, werden durch Anwendung (gelindes Einreiben) mit süßem Mandelöl vortrefflich behandelt.

Wer unser Oel nicht besitzt, nehme statt dessen Salatöl.


Minze, Pfeffer- und Wasser-Minze. (Mentha piperita L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

pfefferminze Pfeffer- (im Garten) und Wasser-Minze sind verwendbar und in ihren Wirkungen wenig verschieden. Der Wasserminze, die stärker wirkt, gebe ich den Vorzug. Die Minze zählt zu den Hauptmitteln, welche den Magen stärken und die Verdauung befördern. Schon der würzige Geruch zeigt an, daß dieses Kräutchen bezüglich seiner Heilkraft einen vornehmen Platz einnehmen müsse.

Wer Minzenkräuter bei heftigem Kopfweh auf die Stirne bindet, wird bald schon ein Nachlassen und eine Beruhigung fühlen.

Minzenthee, jeden Morgen und jeden Abend eine Tasse, befördert die Verdauung und macht das Aussehen gesund und frisch.

Denselben Dienst thut das Pulver, wenn ich täglich ein bis zwei Messerspitzen desselben in Speisen oder in Wasser nehme.

Durch Krankheit sehr Geschwächte, bei jeder Kleinigkeit vom Herzklopsen Befallene, viel an Uebelkeiten und häufigem Erbrechen Leidende sollen den Thee und das Pulver der Minze recht oft gebrauchen.

Minzen-Thee, in halb Wasser und halb Wein bereitet, mehrere Tage hindurch täglich eine Tasse genommen, nimmt den übel- und faulriechenden Athem.

Minzenabsud, mit Essig bereitet, von Zeit zu Zeit löffelweise (ein bis zwei Kaffeelöffel) genommen, stillt das Blutbrechen.

Minzen, in Milch wie Thee bereitet und warm getrunken, benehmen die Unterleibschmerzen.

Daß doch jede Hausfrau diesen wohledlen Pflänzchen neben der Raute ein Eckchen im Garten anweisen möchte! Sie lohnen die Mühe allein schon durch den ungemein erfrischenden Wohlduft, den sie bei jeder Berührung freigebigst in unsere Hand legen.


Mistel (Viscum album L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

mistel Diese Schmarotzerpflanze, die insbesondere auf alten Bäumen gut gedeiht, ist gleichwohl eine treffliche Heilpflanze. Ihre Heilwirkungen erstrecken sich in erster Linie auf's Blut, und ich kann den Müttern nicht genug an's Herz legen, recht gute Bekanntschaft mit diesem Kraute zu machen.

Thee von Mistel stillt Blutflüsse. Ich könnte eine Reihe von Fällen aufzählen, bei denen eine einzige Tasse zur Stillung genügt hat. Auch bei anderen Störungen im Blutumlaufe kann diese Pflanze und ihr durchaus unschädlicher Thee zu Rathe gezogen werden.

Mit Misteln kann man (zur Hälfte) Zinnkraut mischen; auch Santala, ein rothes Pulver, dient gut zur Beimengung; siehe Santala.


Nelken     Heilmittel L-T     Inhalt

Das Nelkenöl wirkt ähnlich wie das Mandel- und das Salatöl, mit denen es auch häufig vermischt wird.

Als besonders dienlich hat es sich mir erwiesen gegen faule Gase und verdorbene, faule Säfte und Stoffe im Magen.

In der Regel nimmt man das Nelkenöl auf Zucker, täglich ein- bis zweimal, je 4 bis 6 Tropfen.


Raute, Garten- oder Wein-Raute (Ruta graveolens L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

raute Diese edle, heilkräftige Pflanze ist leider noch allzu wenig bekannt, das heißt, in ihren vorzüglichen Wirkungen anerkannt. Die Pflanzen reden zu uns durch ihren Geruch. Wie klar und durchdringend meldet die Raute ihren guten Willen, uns Menschen, für die sie geschaffen, zu helfen, verschiedenes Leid zu lindern, als wenn jedes der kleinen Blättchen gleichsam ein Zünglein wäre Daß wir dieses Sprechen stets verstünden!

Die Raute wirkt, wie und wo immer sie angewendet wird, stärkend und kräftigend.

Wer nur ein Blättchen kaut, kann diese Wirkung alsbald auf der Zunge verspüren. Dazu erquickt sein Geschmack die ganze Mundhöhle; er thut wohl und hält an wie Weihrauchduft, der ein Haus erfüllt.

Bei Congestionen, d.i. Blutandrang zum Kopfe, bei Eingenommenheit des Kopfes, bei Schwindel bewährt sich Thee von Raute vortrefflich; nicht minder bei Athmungsbeschwerden, Herzklopfen und allen Unterleibs-Beschwerden und -Zuständen (Krämpfen u.s.w.), die in Schwäche des Gesammtkörpers oder einzelner Organe ihren Grund haben. Ich empfehle diesen Thee insbesondere allen jenen Personen, die zu den genannten Schwächen, zu Krämpfen, Hysterie u.s.w. Anlage verraten.

Wer Raute in Spiritus ansetzt, kann statt des Thee's bei den bezeichneten Uebeln täglich (höchstens) zweimal 10 bis 12 Tropfen aus Zucker nehmen.

Rautenöl wird ebenso genommen. Die Bereitung des letzteren geschieht folgendermaßen: Gedörrte Rautenblättchen werden zerquetscht und in ein Glas gebracht. Daran gießt man feineres Salatöl und stellt das Glas längere Zeit an die Wärme. Später gießt man den Inhalt ab und nimmt ihn, wie angegeben, tropfenweise.


Rosmarin (Rosmarinus officinalis L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

rosmarin Ein Sträußchen von Rosmarin darf am Hochzeitstage keinem Gaste, bei solennen (festlichen?) Festlichkeiten, keinem rechten Theilnehmer fehlen. Eine Schande aber wäre es nicht minder, wenn den Sammler für die Hausapotheke dieses würzige Kraut entginge.

Rosmarin ist ein vorzügliches Magenmittel. Als Thee zubereitet und getrunken reinigt er den Magen von Verschleimungen, bewirkt guten Appetit und gute Verdauung. Wer gerne das Medizinglas auf seinem Tisch oder Stuhl prangen sieht, diesen Tröster in Krankheiten, der fülle ein solches mit Rosmarinthee und nehme Morgens und Abends je zwei bis vier Eßlöffel voll. Der Magen wird bald Raison annehmen, d.i. nicht mehr lange in der Verschleimung stecken bleiben.

Rosmarinwein sodann, in kleinen Portionen getrunken, hat sich als treffliches Mittel gegen Herzgebrechen bewährt. Er wirkt beruhigend und bei Herz Wassersucht stark aus Ausscheidung durch den Urin.

Dieselben Dienste leistet solcher Wein bei der Wassersucht überhaupt.

In beiden Leiden nehme man täglich Morgens und Abends 3 bis 4 Eßlöffel oder ein kleines Weingläschen von dem angenehmen Tranke, an den man sich bald gewöhnen wird.

Zur überaus einfachen Bereitung schneide man eine Handvoll Rosmarin möglichst klein, bringe das Zerschnittene in eine Flasche und gieße diese mit gutem, gelagertem (am besten Weiß) Weine auf. Nach einem halben Tage schon ist der Abguß als Rosmarinwein verwendbar.

Dieselben Blättchen können zu einem neuen Ansätze nochmals verwendet werden.


Salatöl     Heilmittel L-T     Inhalt

Salatöl ist jede Sorte (Art) von Öl, die zur Bereitung der Speisen, besonders des Salates verwenden wird. Im Handel nennt man es gewöhnlich Tafelöl, Tischöl oder Speiseöl. Die edelste, vorzüglichste dieser Sorten bildet das reine, feine Olivenöl.

Man lese das über das Mandelöl Gesagte nach ; wenn dieses abgeht, kommt Salatöl in Verwendung. Bei geringem Vorrathe von Mandelöl kann ihm Salatöl beigemischt werden.

Das hier genannte Salatöl soll reines Provenceröl oder wenigstens reines Rapsöl sein.

Die Art der Verwendung (das Wie und Wo) ist dieselbe wie jene des Mandelöls.

Salbei, Garten-Salbei (Salvia officinalis L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

salbei Wer ein Gärtchen beim Hause hat, wird, wenn er es neu anlegt, den Salbeistock nicht vergessen; er ist eine hübsche Zierpflanze. Oft habe ich's gesehen, daß Vorübergehende ein Blatt nahmen und damit die schwarzen Zähne rieben. Dieses besagt, daß Salbei reinigende Kraft besitzt.

Alte, eiternde Schäden (Wunden), mit Absud von Salbei ausgewaschen oder überbunden, heilen sicher und schnell.

Verschleimungen in Gaumen, Hals und Magen entfernt Thee von Salbei.

Salbei, den man wie Thee in Wasser und Wein absiedet und trinkt, reinigt Leber und Nieren.

Kräftiger sind die genannten Wirkungen, wenn mit Salbei Wermuth (halb und halb) vermengt und die Mischung als Thee zubereitet wird.

Pulver dieser Heilpflanze, wie Pfeffer, Zucker oder Zimmt auf Speisen gestreut, leistet bei den verzeichneten Leiden dieselben Dienste wie der Thee.


Santala     Heilmittel L-T     Inhalt

sandelholzpulver Santala ist ein rothes Pulver vom Santelholzbaum (Sandelholz), eigentlich zum Rothfärben dienend; es kann in jeder Apotheke gekauft werden. Ich mische dieses ganz harmlose Heilmittel stets mit dem Thee von Misteln, indem ich zu einem Eßlöffel Mistelblatter zwei Messerspitzen Santala nehme und so die Wirkung besagten Thee's verstärke; s. oben unter Mistel.


Sauerkraut     Heilmittel L-T     Inhalt

sauerkraut Auch dieses bekannte Heilmittel möge hier seine wohlverdiente Stelle finden.

Bei Verwundungen, Verbrennungen und anderen derartigen Zufällen, bei großen Hitzen, zur Auflösung und Ausleitung alter Schäden u.s.w. thun Auflagen frischen (der Krautstande soeben entnommenen) Sauerkrautes ausgezeichnete Dienste.

Man sehe bei den betreffenden Krankheiten selbst nach.

Das Heilmittel ist für Landleute zumal um so beachtend werther, je leichter und schneller sie dasselbe zur Hand haben.


Schafgarbe (Achillea millefolium L.) siehe unter: Johanniskraut     Heilmittel L-T     Inhalt

Schlüsselblume (Primula officinalis L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

schluesselblume Nur die dunkelgelbe Schlüsselblume hat Werth für die Hausapotheke. Schon der Geruch verräth, daß in all' diesen Blüthenkelchen eine besondere Heilflüssigkeit stecken müsse. Kaut man zwei bis drei dieser gelben Trichterchen, so fühlt man recht gut, welche medizinischen Gehalt sie bergen.

Wer Anlage hat zur Gliedersucht, zur Gliederkrankheit oder schon an diesen Gebresten leidet, trinke längere Zeit hindurch täglich eine Tasse Schlüsselblumenthee. Die heftigen Schmerzen werden sich lösen und allmählig ganz verschwinden.


Spiköl     Heilmittel L-T     Inhalt

Spiköl oder Lavendelöl ist in jeder Apotheke leicht zu kaufen. Es darf unter den Hausmitteln nicht fehlen.

Täglich zu zweimalen, je zu fünf Tropfen auf Zucker eingenommen, befördert es die Verdauung und macht guten Appetit.

Wer an Blähungen leidet, an Kopfweh in Folge von aufsteigenden Gasen, an Uebelkeiten, nehme Spiköl, wie oben angegeben.

Bei Gemüthsleidenden habe ich dasselbe sehr oft mit bestem Erfolge verwendet, und ich behaupte, daß die Heilung in sehr vielen Fällen mit der Entfernung der namentlich auf das Gehirn schlimm einwirkenden Gase zusammenhängt. Nach meinem Dafürhalten schenkt man in der Behandlung Kranker diesen Gasen viel zu wenig Aufmerksamkeit. Wer je an Blähungen gelitten hat, weiß zu erzählen, welche fatale Rolle diese im Körper wüthenden Winde und Stürme spielen.

Bei Appetitlosigkeit, Congestionen (Blutstauungen), Schwindel und all den mannigfaltigen Kopfleiden mag man sich an die Anfangs gegebene Verordnung halten.


Spitzwegerich (Plantago lanceolata L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

spitzwegerich Wenn die Landleute sich bei ihren Arbeiten verwunden, so suchen sie rasch Blätter von Spitzwegerich und ruhen nicht mit Drücken und Kneten, bis das etwas störrige Blatt sich einige Tropfen auszwingen läßt. Diese bringen sie entweder direkt in die frische Wunde, oder sie befeuchten damit ein Läppchen, das sie an den wunden Theil bringen.

Verweigert das Blatt seinen Heilsaft, läßt es sich bloß mürbe und etwas feucht reiben, so legen die Leute die mürben Blätter selbst auf. Ist dabei Gefahr der Blutvergiftung? Das kennt der Spitzwegerich nicht. Ein solcher Verband ist der erste, aber manchmal der beste Notverband; denn die Heilung solcher Wunden geht rasch vor sich. Wie mit Goldfäden näht der Wegerichsaft den klaffenden Riß zu, und wie an Gold sich nie Rost ansetzt, so flieht den Spitzwegerich jede Fäulniß und faules Fleisch. Die Wirkung dieser Pflanze nach innen ist nicht minder vorteilhaft. Daß doch Hunderte von Menschen im Frühjahr oder Sommer diese Heilblätter sammelten, zerquetschten, die Säfte auspreßten und tranken! Zahllose innere Gebrechen, die aus dem unreinen Blute und den unreinen Säften wie Giftpilze hervorschießen, würden nicht eintreten. Das sind Wunden, die freilich nicht bluten, aber vielfach noch gefährlicher sind.

Die gedörrten Blätter von Spitzwegerich geben gleichfalls eine prächtige Theepflanze ab gegen innere Verschleimung. Die Zeitungen bringen oft lange Anpreisungen der vortrefflichen Wirkungen von Spitzwegerich, noch länger über die da oder dort bereiteten Spitzwegerichsäfte.

Mancher kauft solche Sachen um sein theures Geld. Guter Bauersmann! Mache selbst den Sammler und den Zubereiter und den Apotheker! Du darfst dir keine Brillen machen. Eines weißt du: du hast echte Waare.

Mit gedörrten Spitzwegerichblattern kann zu Thee sehr gut das Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) verbunden werden (halb und halb).


Tausendguldenkraut. (Erythraea centaurium L.)     Heilmittel L-T     Inhalt

tausendgulden Welche merkwürdige Namen unsere Voreltern manchen Kräutchen beilegten! Sie kannten eben noch deren Werth. Unser Kraut muß bei denselben in hoher Geltung und Schätzung gestanden sein. Seine Verwendung kündigt schon der sehr bittere Geschmack an, der es begleitet.

Thee von Tausendguldenkraut leitet die Magenwinde aus, verdrängt unbrauchbare und ungesunde Säuren, unterstützt und verbessert die Magensäfte, wirkt vorteilhaft auf Nieren und Leber. Er ist das beste Mittel gegen Sodbrennen oder, wie die Landleute sagen, gegen den Magensod.

Wer an Störungen im Blut, besonders an Blutmangel, Blutwallungen u.s.w. leidet, suche Rath, und Hilfe beim Tausendguldenkraut.

Der Name lautet aus eine hohe Summe; die Hilfe spendet das Kräutchen einem Jeden umsonst.


Heilmittel V bis Z     Apotheke     Inhalt

Veilchen
Wacholderbeere
Waldmeister
Wegtritt
Wegwart
Wermuth
Wollkraut
Wühlhuber I
Wühlhuber II
Zinnkraut


Veilchen (Violas odorata L.)     Heilmittel V-Z     Inhalt

veilchen Dieses liebliche, wohlduftende Frühlingsblümchen soll mit seinem Heildufte auch unsere Hausapotheke erfüllen.

Wenn zur beginnenden Frühlingszeit in Folge des oftmaligen Witterungswechsels die Kinder starken Husten oder Keuchhusten bekommen, koche die besorgte Mutter eine Handvoll grüner oder gedörrter Veilchenblätter (auch die Wurzeln des Blümchens können benützt, müssen aber vor dem Absieden zerquetscht werden) in einem Viertelliter siedenden Wassers ab und gebe dem Kinde nach je zwei bis drei Stunden jedes mal zwei bis drei Löffel solchen Thee's. Erwachsene heilen den alten Keuchhusten, wenn sie den Thee dreimal im Tage (je eine Tasse) nehmen.

Schwindsüchtigen lindert er ebenfalls den Husten und unterstützt die Schleimauslösung. Er dient wie eine Medizin, soll auch so genommen werden, d.i. alle zwei bis drei Stunden drei bis fünf Eßlöffel.

Der Thee dient ferner bei Kopfweh und großer Hitze im Kopf. Man befeuchte zugleich einen Lappen mit Veilchenblätterthee und binde denselben an die Stirne, oder noch besser, man wasche den Kopf, besonders den Hinterkopf, mit solchem Absud. Ich kenne Fälle, in denen bald Ruhe und Schlaf eintraten.

Bei geschwollenem Halse ist dieser Thee ein probates Gurgelwasser; man tauche zugleich den anzuwendenden Halswickel statt in gewöhnliches Wasser in den Absud.

Wer an Athemnoth leidet, die indessen mehr eine Folge ist von in Magen und Gedärmen angesammelten Gasen und ungesunden Stoffen, mache eine kleine Veilchentheekur, d.i. er trinke während einiger Zeit täglich zwei größere oder drei kleinere Tassen unseres Thee's.

Veilchenblätter, zerquetscht und überbunden, kühlen und vertheilen erhitzte Geschwülste; in Essig abgekocht dient solcher Absud, wenn man ihn zu Auflagen benützt, zur Heilung von Podagra (Gicht in der Großen Zehe, Lahmheit).

Erfreue dich an dem Wohldufte und dem herrlichen Blau manches schönen Veilchensträußchens. Verwahre aber auch einen kleinen Vorrath des Heilkräutchens in deiner Hausapotheke, daß es dem Kranken dufte noch zu einer Zeit, in der das Frühlingsblümchen längst verblüht hat!


Wacholderbeere (Juniperus communis L.)     Heilmittel V-Z     Inhalt

wacholder Die Wachholderbeere, wer kennt sie nicht? Als Räucherwerk verbreitet sie in Zimmern und Gängen angenehmen Geruch und verbessert die Luft. Ich bin kein Freund des sogenannten "Ausräucherns" mit Zucker, Essig u.s.w., da ich nicht begreife, wie man da von frischer Luft reden kann. Wenn es aber gilt, einen Raum, worin ansteckende Kranke, Todte u.s.w. lagen, zu desinfiziren d.i. ansteckungsunfähig zu machen oder zur Zeit ansteckender Krankheiten durch große Räucherfeuer die Luft zu reinigen, dann lobe ich mir stets solchen Wachholderdampf. Der räumt mit allen Pilzen, und wie die fliegenden Anstecker und Krankheitserzeuger heißen, gründlich auf.

Aehnliche Wirkung übt der Wachholder im Innern des menschlichen Organismus aus. Die Beere räuchert gleichsam den Mund und den Magen und seit gegen Ansteckung. Wer im Dienste Schwerkranker (Scharlach, Blattern, Typhus, Cholera u.s.w.) durch Heben, Tragen, Bedienen, Anhören derselben der Ansteckungsgefahr bei Tag und bei Nacht preisgegeben ist, kaue stets einige Wacholderbeeren (6 bis 10 im Tage). Sie bereiten guten Geschmack im Munde und thun gute Dienste bei der Verdauung. Sie verbrennen gleichsam die schädlichen Miasmen, Ausdünstungen u.s.w., wenn diese durch Mund oder Nase eindringen wollen.

Solche, die an schwachem Magen leiden, mögen das folgende Verfahren einhalten, gleichsam eine kleine erprobte Kur mit Wachholderbeeren machen:

Den ersten Tag sollen sie mit 4 Beeren beginnen, den zweiten Tag mit 5 Beeren fortfahren, den dritten Tag sollen sie 6, den vierten 7 Beeren kauen und so mit Tagen und Beeren bis auf 12 (Tage) und 15 (Beeren) aus- und dann wieder auf 5 Beeren heruntersteigen, beim Absteigen jeden Tag eine Beere auslassend. Viele kenne ich, deren gasgefüllter und in Folge dessen geschwächter Magen durch diese einfache Beerenkur gelüftet und gestärkt wurde.

Bei Stein und Gries, bei Nieren- und Leberleiden haben die Wachholderbeeren seit alten Zeiten guten Ruf; ebenso in all jenen Fällen, wo es gilt, faule Gase, faule, wässerige und schleimige Stoffe aus dem Körper zu entfernen.

Neben den Beeren benütze man die jungen Sprossen des Wachholderstrauches zu Thee bei Anfängen der Wassersucht, deßgleichen zur Reinigung des Blutes.

Das Oel kauft man am besten in der Apotheke.

Die Tinktur kann man sich selbst ansetzen in Wein, Branntwein oder Spiritus.

Den Hausvater und die Hausmutter würde ich nicht loben, welche zwar ihr Fleisch ihr Sauerkraut sorgfältig und fleißig mit Salz und Beeren vom Wachholderstrauche einmachen, welche pünktlich und ängstlich ihr Haus, ihre Wohnungen damit räuchern, die Hütte ihrer Seele aber, den Körper, vielfach im Staube und Moraste liegen lassen. Auch für diese viel wichtigere Hütte sollen sie des Jahres ein paar mal so ein Räucherfeuer, das reinigt und das Athmen erleichtert, anzünden.


Waldmeister (Asperula odorata L.) siehe: Erdbeere     Heilmittel V-Z     Inhalt

Wegtritt, Vogel-Knöterich (Polygonum aviculare L.)     Heilmittel V-Z     Inhalt

wegtritt Es wächst ein Kräutlein ganz unbeachtet, gewöhnlich um die Häuser herum, besonders in den Bauerngehöften, auch am Rande der Gassen, das den Namen ,,Wegtritt" führt. Auch Knöterich wird dasselbe genannt, weil an jedem Glied ein kleiner Knoten ist. Man heißt dieses Krautlein Wegetritt, weil man gewöhnlich auf demselben geht. Dieses Kräutlein, das von einem Stock viele Ausläufer hat, selbst einen halben Meter lang oder noch länger, hat große Wirkung bei Steinleiden, wenn täglich eine oder zwei kleine Tassen getrunken werden. So hatte ein Herr Jahre hindurch viele Schmerzen in den Nieren, und es ging von Zeit zu Zeit Sand und Gries ab. Er trank diesen Thee durch mehrere Tage und erzählte, daß viele Hunderte größerer und kleinerer Steinchen abgegangen seien und dadurch auch der Schmerz vergangen sei. Wie dieses Kraut: Nieren- und Blasensteine austreibt, so wirkt es auch reinigend nach innen, wie aus Nieren, so auf Leber, Magen und Brust. Es kann dies Kräutlein nicht genug empfohlen werden.


Wegwart (Cichorum intybus L.)     Heilmittel V-Z     Inhalt

wegwart Der Wegwart wartet auf den, der ihn in seine HausApotheke einheimsen will, auf jedem Wege. Er heißt auch Sonnenwirbel, da seine Blätter sich stets der Sonne zukehren. Wenn man ihn ansieht, den guten Wegwart, mit seinem verkümmerten Stengel und den zerzausten Blättchen, so kommt er einem vor wie ein Struwelpeter unter den Pflanzen. Nur die blaue Blüthe, etwas heller als die Kornblume, bringt ihn wieder etwas in Kredit und Achtung.

Das Aussehen täuscht gar oft; auch beim Wegwart ist es so; denn sein Inneres ist golden.

Thee von Wegwartkraut hebt Verschleimungen im Magen, nimmt die überflüssige Galle, reinigt Leber, Milz und Nieren und führt die kranken Stoffe durch den Urin aus. Man nehme zu diesem Zwecke (es kann auch geschehen, um den durch irgendwelche Nahrung u.s.w. verdorbenen Magen wieder in Stand zu setzen, um die Verdauung zu befördern) während drei bis vier Tagen täglich zwei Tassen, die eine vor dem Frühstück, die andere Abends.

Bei Magendrücken, auch bei schmerzlichen Entzündungen am Körper, lege man an den Magen und auf die wehtuenden Stellen mit heißem Wasser abgebrühte und in ein Tuch gehüllte Wegwart-Kräuter und -Blüthen und erneuere diese Auflagen täglich zwei bis dreimal.

Die Kräuter werden sehr oft in Spiritus angesetzt. Dieser Wegwartsprit hebt das Schwinden (Knochenschwinden = Osteoporose?), wenn man die schwindenden Glieder täglich ungefähr zweimal gut mit demselben einreibt.

Wie das Kraut und die Blüthen, so sind auch die Wurzeln zu den genannten Heilzwecken dienlich. Man sticht dieselben am leichtesten aus bei Regenwetter.


Wermuth (Artemisia absinthium L.)     Heilmittel V-Z     Inhalt

wermuth Wermuth zählt mit zu den bekanntesten Magenmitteln. Er leitet die Magenwinde aus, verbessert und unterstützt die Magensäfte und hilft so guten Appetit und gute Verdauung bereiten, mag er als Thee oder als Pulver genommen werden.

Für üblen Geruch aus dem Munde, wenn derselbe vom Magen ausgeht, wirkt Wermuth vortrefflich.

Wer an der Leber leidet (Melancholie), der greife statt nach der Prise Tabak einmal oder zweimal im Tage nach dem Döschen mit Wermuthpulver und streue den Inhalt der beiden Finger aus den ersten Löffel Suppe oder wie Pfeffer an eine Speise. Die abnehmende Gelbsucht wird bald die Verbesserung der Galle anzeigen, und der Kranke, dem die verfangene faule Luft und die oft noch fauleren Säfte - wahre Düngerstätten des Magens - gleichsam den Athem zuschnüren, wird wieder freier ausschnaufen.


Wermuth kann auch zu einer Tinktur verwendet werden, die sehr lange hält, ohne zu verderben. Wie ein einziges Körnchen Weihrauch, das auf der Kohle glimmt, ein ganzes Zimmer mit Wohlgeruch erfüllt, so vermag ein Blättchen Wermuth den Inhalt einer ganzen Spiritusflasche mit bitterem Geschmacke anzuhauchen - ein Zeichen, wie stark die Tinktur ist und wirkt.

Reisende, die viel von Magenbeschwerden und Uebelkeiten geplagt werden, sollen ihr Fläschchen mit Wermuthtinktur als treuen Begleiter nie vergessen.

Wermuth-Thee hat manchem Augenleidenden auch schon als Augenwasser gute, ja die besten Dienste geleistet.


Wollkraut, Wetterkerze (Verbascum Schraderi Meyer)     Heilmittel V-Z     Inhalt

wollkraut Die Blüthen des Wollkrautes oder der Wollblume werden von den Landleuten fleißig gesammelt. Sie wissen, daß dieselben zur Winterszeit wirksames Gurgelwasser und noch wirksameren Thee abgeben bei Halsgebrechen, Katarrhen, Verschleimungen der Brust, Athemnoth.

Von Neuem sei solcher Thee recht warm empfohlen. Ich mische unter die Blüthen des Wollkrautes in der Regel noch die der schwarzen Malve (halb und halb); solcher Thee wirkt auf die Schleimlösung noch nachhaltiger und kräftiger.


Wühlhuber I     Heilmittel V-Z     Inhalt

Vor 40, 50 Jahren noch war es Mode, zu einer genau bestimmten Zeit Ader zu lassen. zu einem anderen, im Kalender gewissenhaft notirten Termine (ein gewisses Mondviertel) die jährlichen oder halbjährlichen Laxiere (ergiebigen Stuhlgang) einzunehmen. Wie doch die Zeiten und die Ansichten und die Menschen, welche die letzteren bilden, wechseln!

Noch heutzutage lassen sich viele Leute den Glauben nicht nehmen, daß von Zeit zu Zeit der Magen einer gründlichen Musterung und Ausräumung bedürfe.

Man möchte lächeln, wenn es nicht manchmal allen Ernstes zum Weinen wäre. Fürwahr, wenn man normalen, einsacken, gesunden Sinnes ist und zuweilen an die Lebensweise gewisser Menschen, fast fühle ich mich versucht zu sagen, ganzer Gesellschaftsklassen denkt, und an die Speisen und Getränke, welche sie genießen, dann in der That ist obiger Glaube nicht unbegründet.

Könnte der entsetzlich geplagte und sündhaft überangestrengte (weil überfüllte) Magen einen Laut von sich geben, er würde ausschreien und um Hilfe rufen gegen derlei unvernünftige und frevle Uebelthäter. So aber muß er Alles selbst "verschlucken" und dabei freilich nicht verdorben, sondern elendiglich zu Grunde gerichtet werden. Für's Erste also bin ich für eine vernünftige Lebensweise, für menschenwürdige Behandlung des Arbeiters, der für alle weitere Arbeit die unentbehrlichen Fundamente legt. So allein wird und kann dieser treue und fleißige Arbeiter selbst, der Magen, gesund bleiben.

Sollte unversehens - das kann ja passiren - auch ihm ein Unfall geschehen, so bin ich durchaus gegen alles drastische (zu starke) Lavieren und verwerfe alle heftig wirkenden Laxiermittel, sie mögen heißen, wie Sie wollen.

Unter Laxvieren versteht man doch wohl nichts Anderes, als unbeschadet der Gesundheit und Körperkraft reichlicheren, ergiebigeren Stuhlgang hervorzubringen suchen. Dieses aber kann in ganz anderer, in so einfacher und unschädlicher Weise geschehen, daß die verwendeten unschuldigen Pflanzenmittel den Magen nicht gleichsam als Feind angreifen, sondern als treue Freunde mit dem Freund Arm in Arm gehen, ihn heben und Stützen, zur selbsteigenen Thätigkeit, zur eigenen Kraft, zu den eigenen Mitteln (Magensäften) ihm lediglich ihre Hilfe und Hilfsmittel anbieten und leihen. Recht lange Zeit habe ich unter den verschiedensten Pflanzen diejenigen herausgesucht, die bei der trefflichsten Sonder- oder Einzelwirkung doch nur viribus unitis, mit vereinten Kräften, dem Magen wirksam helfen, d.h. die zur selben Zeit, zu welcher sie ihn durch gründliche Auflösung und Ausleitung alles verdorbenen Inhaltes schwächen müssen, ihn zugleich so stärken, daß er nicht nur keine Stunde die Arbeit einstellt, sondern nicht einmal mit Brummen und Murren arbeitet.

Die Mittelchen und deren Mischung denke ich gefunden zu haben. Die beiden Thee-Arten sollen kein Geheimniß sein. Ich wünsche, daß im Gegentheile recht Viele zu ihrem Nutzen sie gebrauchen und zur Linderung der Leiden Anderer sie bereiten.

Das Kindlein wurde wiederum von fremder Seite, nicht von mir getauft. Ein Herr, dem dieser Thee die Magenuhr wieder auszog und regulierte, benannte ihn "Wühlhuber". Ich hatte an diesem Namen nichts auszusetzen und zu ändern. Seitdem hat er vielen Hunderten wacker beigestanden, und er könnte Manches erzählen; denn in großen Quantitäten ist er zu wiederholten malen gewandert bis in die Schweiz, bis nach Ungarn.

Die zwei Rezepte für den Wühlhuber sind folgende:

Man nehme zwei Eßlöffel gemahlenen Fenchel, zwei Eßlöffel zerquetschte Wachholderbeeren, einen Eßlöffel Foenum graecum (Bockskornklee), einen Eßlöffel Aloepulver. Das Ganze werde gut gemischt und in einer Schachtel an trockenem Orte ausbewahrt. Das Mittel wirkt erst nach 12 bis 30 Stunden. Man nimmt den Thee, d.i. eine kleine Tasse desselben, gewöhnlich Abends vor dem Schlafengehen. Zur Tasse genügt ein Kaffeelöffel der Mischung, welche während einer Viertelstunde gesoten, dann abgegossen und kalt oder warm, mit oder ohne Zucker getrunken wird.

Kräftige Naturen können zwei Tage nacheinander eine Tasse Wühlhuber trinken.

Schwächere Patienten thun besser, die eine Tasse auf zwei bis drei Tage zu verteilen, so daß sie jeden Abend vier bis sechs Eßlöffel voll wie Medizin einnehmen. Ohne Beschwerden zu verspüren, werden sie den Suchenden im Inneren forschen, untersuchen, zusammentreiben, "wühlen" hören.

Bei Manchen, die den Thee gebrauchen, wird derselbe absolut keine Resultate zu Tage fördern, obwohl sie im Innern seine emsige Arbeit spüren. Die Polizei sucht, findet aber manchmal keine Diebe. Der Wühlhuber sucht; wo aber nichts zu finden und zu entfernen ist, da läßt er alles Andere in Ruhe und erzeugt so nicht jene großen und beklagenswerten Schwächen, die dem Abführen sonst stets auf dem Fuße folgen.

Wie auf den Stuhlgang, so wirkt dieser Thee auf den Urin. Selbst große Verschleimungen auf der Brust leitet er aus.

Mir kamen Fälle vor, in denen der Wühlhuber nach langwierigen, schwer zu stillenden Diarrhöen (Durchfall) den letzten Rest der Unreinigkeiten entfernte, und auf die innere Revolution sofort der tiefste und dauerndste Frieden folgte. Eine kleine Tasse, wahrend des Tages in drei Portionen getrunken, reicht vollkommen aus.


Wühlhuber II     Heilmittel V-Z     Inhalt

Das zweite Rezept dieses Thee's ist das nachfolgende: zwei Eßlöffel gemahlenen Fenchel, drei Eßlöffel zerquetschte Wachholderbeeren, drei Eßlöffel Pulver von Attichwurzeln, ein Eßlöffel Foenum graecum (Bockskornklee), ein Eßlössel Aloepulver.

Dieser Thee schließt die Wirkung auf den Stuhlgang nicht aus ; doch sein Revier sind (statt des Magens und des Darmkanals) mehr die Nieren und die Blase; die kranken Stoffe treibt er aus durch Harnausscheidung. Wer Unbehaglichkeit im Unterleibe (in der Blasengegend) fühlt oder Beschwerden im Uriniren, Brennen in der Blase und den Nieren, die Anfänge der Wassersucht hat, wende ruhig diesen zweiten Wühlhuber an.

In der Gebrauchsanweisung gelten dieselben Regeln wie beim Wühlhuber I.


Zinnkraut oder Acker-Schachtelhalm (Equisetum arvense L.)     Heilmittel V-Z     Inhalt

zinnkraut Die vielseitige und vorzügliche Wirkung dieses Heilkrautes kann nicht genug hervorgehoben werden. Es reinigt nicht bloß die Geschirre, weßhalb es bei allen Hausfrauen als treffliches Putzmittel gilt, es reinigt und heilt auch innere und äußere Gebrechen des menschlichen Körpers.

Bei alten Schäden, faulenden Wunden, bei allen, selbst krebsartigen Geschwüren, sogar bei Beinfraß dient Zinnkraut in außerordentlicher Weise. Es wäscht aus, löst auf, brennt gleichsam das Schadhafte weg. Das Kraut kommt entweder als Absud bei Waschungen, Wickeln, Auflagen, oder indem es selbst in nasse Tücher eingehüllt und auf die leidenden Stellen gelegt wird, dann besonders bei gewissen Dämpfen zur Verwendung.

Näheres enthält die Beschreibung der einzelnen Krankheiten.

Mannigfaltiger noch sind die Dienstleistungen des Zinnkrautes nach innen.

Sein Thee, der nie schaden kann, reinigt den Magen. Man nehme von Zeit zu Zeit (nicht täglich) eine Tasse. Er lindert die Schmerzen bei Gries- und Steinleiden (Hunderte von kleinsten Steinen bilden den so genannten "Gries") und bringt vor Allem den Leidende Hilfe, die Beschwerden haben im Wassermachen (Uriniren). Da ist er einzig, unersetzbar und unschätzbar. Die Zinnkrautdämpfe, speziell für diese Uebel, sollen nur angedeutet werden. Gerade solche Leiden sind entsetzlich schmerzhaft - und so häufig! Man beobachte wohl das einfache und ohne jede Mühe zu bekommende Schmerzstillkraut! Täglich sollen solche Kranke neben der eventuellen äußeren Anwendung eine Tasse Zinnkrautthee trinken.

Bei Blutungen, Blutbrechen zählt er mit zu den ersten und besten Theen. Wer Blut bricht, nehme ihn schleunigst.

Ich kenne Fälle, in denen nach vier Minuten schon völliger Stillstand eintrat.

Bei starkem Nasenbluten ziehe man durch die Nase wiederholt solchen Thee auf. Er wirkt zusammenziehend und hilft schnell.

Solchen, die von Blutflüssen heimgesucht werden, empfehle ich, täglich ein bis zwei Tassen dieses Thees zu trinken.

In jeder Hausapotheke sei Zinnkraut in genügender Menge vorhanden, daß man es im Falle der Noth, die oft plötzlich hereinbricht, sofort zur Hand habe.


Hausapotheke     Apotheke     Inhalt

Inhalt einer kleinen Hausapotheke     Hausapotheke     Inhalt
Tinkturen
Thee
Pulver
Oele
Weitere

I. Tinkturen     Hausapotheke     Inhalt
Arnika
Enzian
Heidelbeere
Rosmarin
Wacholderbeere
Wegwart
Wermuth

II. Thee     Hausapotheke     Inhalt
Angelika
Anserine
Attich
Augentrost
Baldrian
Bitterklee
Brennessel
Dornschlehblüte
Eibisch
Eichenrinde
Erdbeere
Hagebutten
Huflattich
Johanniskraut
Kamille
Lungenkraut
Malve
Minze
Mistel
Raute
Rosmarin
Salbei
Schafgarbe
Schlüsselblume
Spitzwegerich
Tausendguldenkraut
Veilchen
Wacholderbeere
Waldmeister
Wegwart
Wermuth
Wollkraut
Wühlhuber I
Wühlhuber II
Zinnkraut

III. Pulver     Hausapotheke     Inhalt
Alaun
Aloe
Angelika
Attich
Augentrost
Baldrian
Fenchel
Huflattich
Leinsamen
Minze
Salbei
Santala
Wermuth


ferner
Knochenmehl
Kohlenstaub
Kreidemehl

IV. Oele     Hausapotheke     Inhalt
Anis
Fenchel
Kampher
Raute
Wacholderbeere

Weitere     Hausapotheke     Inhalt
Mandelöl
Nelkenöl
Salatöl
Spiköl


Kraftnährmittel     Apotheke     Inhalt

Kleiebrot
Kraftsuppe
Honigwein


Rezept zur Bereitung des Kleienbrodes     Kraftnährmittel     Inhalt

Man läßt in der Mühle den Weizen mahlen mitsammt der Kleie. Die Müller thun Dieses nicht gerne aus naheliegenden Gründen; man soll deßhalb die erhaltene Waare stets gut mustern.

Von dem Kleienmehle nimmt man 1, 2, 3 bis 4 Kilo (je nachdem man für wenige oder mehrere Personen zu backen hat) in eine Schüssel und macht mit heißem Wasser einen Teig an, der über die Nacht an einem mäßig warmen Orte stehen bleibt. Weder Sauerteig, noch Salz noch anderes Gewürz darf an den Teig kommen.

Am andern Tage formt man aus dem Teige kleinere, länglich runde Laibchen oder Wecken, bringt sie in den wie zum Backen gewöhnlichen Brodes geheizten Backofen und läßt sie 1 1/4 bis 1 1/2 Stunden in der Hitze.

Sogleich beim Herausnehmen stößt man das gebackene Brod auf 3 bis 4 Stunden in siedend heißes Wasser dann kommt es gleich wieder zur Trocknung kurze Zeit in den Ofen.

Diese letztere Manipulation habe ich von einem Prior (Vorsteher eines Klosters) der Trappisten (römisch-katholischer Mönchsorden) erfahren, der sagte, er habe das Backen solchen Brodes lange und auf verschiedene Weise probirt und gefunden, daß diese Art des Backens die beste sei, indem so aus der Kleie aller Nähr-, insbesondere Zuckerstoffe ausgezogen werde.

Ich kenne viele Männer, die mit Vorliebe solches Brod gegessen haben, jetzt noch essen und sagen, daß es bei Magen-, bei Verdauungs- , insbesondere bei Hämorrhoidal-Beschwerden vorzügliche, einzige Dienste leiste.

Andere habe ich gekannt, die das geschmack- und gewürzte Brod beim ersten Verkosten sonderbar fad fanden, die aber später, ich kann sagen, mit fast leidenschaftlicher Vorliebe darnach gegriffen haben.

Das gebackene Brod werde an einem kühlen Orte aufbewahrt und, sollte die Kruste zu hart sein, mit einem feuchten Tuche umwunden.


Etwas über die "Kraftsuppe"     Kraftnährmittel     Inhalt

Ich bin der Ueberzeugung: wenn die Kraftsuppe erkannt und benützt wird, kann man eine große Anzahl unglücklicher Menschen beglücken. Gerade die Kraftsuppe ist nicht bloß wegen ihrer außerordentlich guten Nährstoffe zu empfehlen, sondern auch weil sie sehr wohlfeil und leicht zu bereiten ist.

Ein Herr von Stand, der diese Kraftsuppe kennen gelernt hatte, kaufte bei einem Bauern zwei große schwarze Laibe Brod. (Das schwarze Brod ist bekanntlich nur von Roggenmehl bereitet und wird für die Landleute genau eingemahlen, so daß nur wenig Kleie zurückbleibt und mithin aller Nährstoff des Roggens ausgenutzt wird.) Diese zwei Laibe Brod ließ der Herr in kleine Schnittchen schneiden und auf eine blecherne Platte bringen, welche auf den heißen Herd gestellt wurde, um das Brod soviel als möglich auszutrocknen. So recht hart getrocknet wurde es in einem Mörser zu einem groben Pulver gestoßen. Wollte er eine Kraftsuppe, so rührte er zwei bis drei Löffel voll von diesem Brodpuver in siedende Fleischbrühe, that ganz wenig oder gar kein Gewürz, ebenso nur wenig Fleischbrühe daran. In zwei Minuten war die Suppe fertig. Sie schmeckt vorzüglich, gibt sehr gute Nahrung und bewirkt keine oder doch nicht viel Gase. - Statt Fleischbrühe hat der Herr öfters Milch genommen und, wenn diese im Sieden war, das Brodmehl eingerührt. Nach zwei Minuten war auch diese Suppe fertig. Dieselbe hat noch einen großen Vorzug vor der mit Fleischbrühe bereiteten, weil ja die Milch die meisten Nährstoffe hat.


Bereitung des Honigweins     Kraftnährmittel     Inhalt

Sehr empfehlenswert für Gesunde und Kranke.

Die alten Deutschen hatten wenig oder auch keinen Wein. Das braune Bier kannten sie nicht, weil es noch keines gab. Ihre Speise war sehr einfach, und dennoch waren sie ein mächtiger Volksstamm; sie erreichten ein hohes Alter und erfreuten sich einer außerordentlichen Gesundheit. Dieses hohe Alter und diese außerordentliche Gesundheit schrieben sie dem Meth (Honigweine) zu. Es ist nur Schade, daß dieses edle Getränk so wenig bekannt und an dessen Stelle das allgemein verbreitete Braunbier als Getränk gekommen ist, das durch die vielen Verkünstelungen oft nicht mehr als gesundes Getränk betrachtet werden kann. Es sind in den größeren Werken über Bienenzucht gewöhnlich auch Rezepte, wie der Honigwein bereitet werden könne. Man hört aber auch oft die Klage, daß man Versuche gemacht habe, diese Rezepte nachzumachen, aber nie zu einem glücklichen Resultate gekommen sei.

Ich lasse ihn gewöhnlich bereiten, wie folgt: Ich lasse zu einen recht reinlichen kupfernen Kessel 60 bis 65 Liter weiches Wasser bringen. Ist dasselbe ziemlich warm geworden, so werden circa 6 Liter Honig daran gerührt. Nun läßt man Wasser und Honig recht gelinde 1 1/2 Stunden sieden. Zeitweilig wird der schmutzige Schleim, der sich oben ansetzt, weggeschöpft. Ist die Zeit des Siedens vorbei, dann wird dieses Honigwasser ausgeschöpft in blecherne oder irdene Geschirre. Ist dann selbes so abgekühlt, daß es noch mehr Wärme hat als das Wasser, das an der starken Sonnenhitze erwärmt wurde, dann wird es in ein sorgfältig gereinigtes Faß gebracht. Der Spund (Verschlussteil) wird darauf gelegt, aber nicht befestiget. Ist der Keller ziemlich warm, dann beginnt nach 5 bis 10 Tagen die Gährung. Nach ungefähr 14 Tagen Gährungszeit wird dieser junge, gegohrene Honigwein in ein anderes Faß abgezogen. Die Hefe bleibt natürlich weg. Im zweiten Faß dauert die Gährung ungefähr 10 bis 14 Tage, und wenn der Honigwein ganz ruhig wird, daß man im Fasse nichts mehr hört, dann wird das Spundloch geschlossen. Nach 3 bis 4 Wochen wird er hell und ist trinkbar. Wird er dann in Flaschen abgezogen, gut verstöpselt und in kalten Sand gebracht, so moussiert (das Prickeln des Weines unter Einfluß von Kohlensäure) er in einigen Tagen ziemlich stark. Dieses Getränk ist sehr kühlend; deßhalb trinken es die Fieberkranken recht gerne. Wenn Kranke weder Wein noch Bier trinken können, so ist ihnen ein solcher Honigwein ein Labsal. Er ist aber auch den Gesunden ein gutes Getränk; er soll jedoch nur in kleinen Portionen getrunken werden, sonst widersteht er.


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